Was tun, wenn man als Tochter gar nicht mehr erkannt wird?

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  • Hallo,


    hier ist es neuerdings ähnlich, schwarzerkater.

    Ich bin seit Donnerstag in meinem Elternhaus um meine Mutter zu betreuen, da mein Vater ins Krankenhaus musste.


    Mein Vater erklärte mir am Donnerstag schon, dass sie keine Tochter hat. Er war fix und fertig. Zuerst hatte ich sie gefragt, ob sie denn wisse, wer ich sei.

    Ja klar, sie kenne mich. Namen käme sie gerade nicht drauf. Ich bohrte weiter. Ob sie eine Tochter habe. Nein, war die entrüstete Antwort.

    Kurz danach: ich bin ihre Cousine, die Tochter ihrer Tante, hat sie erklärt.

    Ich nehme an, sie ist in ihren Jugendjahren.


    Zuerst dachte ich, Cousine ist einfach nur ein anderes Wort für Tochter. Aber seit Donnerstag bleibt es dabei, sie hat kein Kind.


    Ich bin am überlegen, ob ich das nicht einfach bleiben soll und sie jetzt mit Vornamen anrede. Und meinen Vater auch. Es kommt nämlich immer öfter zu Irritationen, wenn ich vom Papa rede. Sie meint ihren, ich meine meinen und wenn wie jetzt meine Tochter dabei ist und wir vom Opa reden, ist die Verwirrung perfekt.


    Sie fragt mich auch mindestens zweimal am Tag, wo denn der Papa sei. Da ist mal mein Vater, mal ihr Vater gemeint. Das dann aufdröseln zu wollen, ist zu schwierig. Sie meint das männliche Wesen, das hier wohnt. Fertig.


    Auch fragt sie jedes Mal, wo denn die anderen seien, ob sie schon nach Hause gefahren sind. Meine Tochter und ich sind die einzigen Personen im Haus. Mal meint sie meinen Mann und meine anderen Kinder, mal den Pflegedienst.



    Sie sitzt meist da mit unbeteiligter Miene und nickt nach kurzer Zeit ein. Manchmal macht sie aber auch ein Gesicht, das ihren Widerwillen ausdrückt. Wogegen ist mir nicht klar, auf jeden Fall aber ist es anders als sonst.


    Unterhalten ist schwierig. Wenn ich sie nach Freunden oder ihrer Schwester frage, wird meist nichts gutes erzählt. Wenn die Rede auf den Pflegedienst kommt, der ihr lediglich morgens und abends Augentropfen verabreicht, fängt das Lamento an, dass keiner in der Straße so was hätte.

    Anfangs habe ich versucht gut zuzureden, dass ja sonst auch niemand in der Straße so alt sei wie sie und keiner so eine schlimme Augenkrankheit habe und es doch toll sei, dass es diese Möglichkeit heutzutage gebe.

    Sie schaut mich nur an als sei ich völlig plemplem.


    Jetzt sage ich: das muss so, ist vom Arzt angeordnet und gut ist.


    Da ich es mit Körperlichkeit auch nicht so habe, ist es wirklich schwierig. Was ja sonst immer empfohlen wird.

    Fotoalben anschauen bringt auch nichts. Mein Mann und mein Sohn sind meine "Brüder".


    Am besten geht Singen. Letzten Samstag haben wir mit Roland Kaiser zusammen doe ollen Kamellen geschmettert.


    Im März hat sie ihren Neurologen-Termin, mal schauen, was der sagt.

  • Liebe schwarzerkater,

    ich möchte dir sagen, dass ich dich total verstehe und es auch super schwierig finde, mit dieser Situation umzugehen.

    Ich hab es hier auch schon oft von anderen gelesen.

    Ich selbst hab richtig Angst vor dem Tag, an dem ich es mit meiner Mutter erleben muss.

    Bis jetzt erkannte sie mich und meinen Mann noch sowie meine beiden Söhne. Die Frauen meiner Jungs und ihre beiden süßen Mädchen, also die Urenkel meiner Mutter, kennt sie nicht mehr und meint, sie hat sie seit Jahren nicht gesehen.

    Im Moment geht es meiner Mutter sowieso sehr schlecht, sie hat eine aggressive Phase und ich verlängere schon die Abstände zwischen den Telefonaten, da ich ihre Beschimpfungen nicht wie gewohnt jeden zweiten Tag ertrage.

    Ich befürchte jedoch, dass dadurch auch ihre Erinnerung an mich mehr und mehr zurück geht… Ist nur mein Gefühl.

    Ich fühle jedenfalls mit dir, hab aber leider keinen klugen Rat, wie man sich so schnell wie möglich an diese Situation gewöhnen kann.

    Ich hoffe, es kommen noch gute Tips und Ratschläge, die dir und mir helfen.

    Es ist schwer, seine Mutter so Stück für Stück zu verlieren. Lass uns tapfer sein!

    Wir können die Situation nicht ändern, nur das Beste daraus machen.

    Liebe Grüße

    Stern

  • Liebe schwarzerkater: momentan erkennt meine Mutter mich noch , auch nach mehreren Wochen und ich habe nun eh ein anderes Verhältnis zu ihr, obwohl wir uns früher sehr nah, oft zu nah waren. Aus Erfahrung kann ich daher noch nicht sprechen, nur eben dass ich von anderen Demenzangehörigen weiß um diese Entwicklung. Aber: du deutet es ja selbst so, dass du für deine Mutter offensichtlich nicht mehr so von Bedeutung bist und dann wäre nach meinem Gefühl eben der Zeitpunkt gekommen, dies so anzunehmen wie es ist und sich zurückzuziehen. Ähnlich wie man ein abgefallenes Blatt nicht mehr an den Baum zurückhängen kann.. Man kann sich ja jederzeit im Heim erkundigen, wenn man sich sorgt. Ich hoffe es ist okay, wenn ich das so offen schreibe.

    Ich kannte einen Mann, dessen Frau ihn eines nachts nicht mehr erkannt hat wegen Demenz, sie hat dann noch ein paar Jahre im Heim verbracht und seine anfänglichen besuche haben nur ihm Frust gebracht, es kam bei ihr nichts zurück. Traurig, aber wahr..


    Liebe Grüße


  • Jetzt sage ich: das muss so, ist vom Arzt angeordnet und gut ist.

    Ich muss mich direkt selbst zitieren. So einfach wird es jetzt nicht werden.


    Gestern Mittag rief mich ihr Hausarzt an, wir waren am Freitag zur Blutentnahme bei ihm. Die Zuckerwerte sind viel zu hoch und sie soll jetzt Insulinspritzen bekommen.

    Da bin ich mal gespannt, was sie dazu sagen wird. Das wird ein Kampf werden, aber wenn sie ganz dicht macht, lass ich sie gewähren. Ich muss nur wissen, bis zu welchem Punkt ich das machen kann.


    Schwarzerkater, Stern0709 und Rose60, irgendwann kommt ja bei allen der Zeitpunkt, da sie uns nicht mehr erkennen. Bei einem früher, beim anderen später.

    Es war ein harter Brocken das zu schlucken, aber wenn ich mich an eins gewöhnt habe, dann dass es immer wieder "Überraschungen" gibt.


    Eure Mütter, die im Heim leben, Ihr habt ja für sie gesorgt. Ist es dann nicht nur noch für uns, die Besuche bei der Mutter? Ich glaube, ich würde ich bei den Pflegekräften nachfragen.


    Ich denke, ich hab gut reden, meine ist ja nicht im Heim. Ich weiß nicht, wie es dereinst mal sein wird. Rose war so offen, ich getrau mich das jetzt auch mal.

    Ich hoffe, sie stirbt, bevor das die letzte Alternative sein wird.

  • Liebe schwarzerkater -


    ich habe bei meinen letzten Besuchen ähnliches erlebt. Meine Mutter hat mir zwar noch begrüßt, aber nach kurzer Zeit bin ich mir nicht mehr sicher, ob sie mich erkennt bzw. weiß, wer ich bin. Sie zupft dann schonmal an meiner Kleidung rum, aber sie sagt schon länger nichts mehr. Lesen oder schreiben hat sie vergessen. Ich weiß von einer Freundin, deren Vater dement war, dass er irgendwann auch nicht mehr gesprochen hat, vielleicht mal einzelne Worte, aber nur ganz wenige. Es scheint Teil der Krankheit zu sein.

  • Ich weiß es ist erstmal ein harter Brocken wenn man nicht mehr erkannt wird. Bei meinem Papa hatte ich das phasenweise über Wochen, dann erkannt er mich wieder, dann mal wieder nicht.


    Ich war Bruder, Vater, Onkel, Cousin, Chef, Arbeitskollege aus seiner Ausbildungszeit. Niemals Sohn. Sich dagegen zu stemmen macht keinen Sinn. Man verwirrt die dementen meist nur noch mehr und frustriert sich selbst.



    Eine kleine Anekdoten in diesem Zusammenhang wie willkürlich das oft ist.


    Mein Vater wusste oft nicht genau wer ich war, aber er wusste das ich irgendwie ne wichtige Rolle spiele (Habe ihn ja täglich betreut und war so immer präsent). Von seiner Frau wusste er gar nichts mehr, hat sie auch auf Fotos nicht mehr erkannt (diese war zu jenem Zeitpunkt aber auch schon über 25 Jahre verstorben). Meine Schwester konnte er meist nicht einordnen, Schwiegersohn gar nicht. Enkelin (die er abgöttisch geliebt hat) erkannte er nie (Okay eine Jugendliche, die verändern sich halt zwischen 13 bis 18 auch äußerlich stark)
    Seinen Enkel (der er sehr mochte, aber oft wenig Anknüpfungspunkte hatte) hat er aber immer erkannt, egal wie schlimm sein Zustand. Ob vor, während und nach dem Stimmbruch. Der Enkel war immer sofort "da" auch wenn er ihn nur alle paar Wochen gesehen hat.

    Ich habe mir das immer so erklärt das mein Neffe als mit Abstand jüngstes Familienmitglied einfach in einer Region des Gehirns gespeichert wurde die von der Demenz nicht so beinflusst war.


    Ich habe es hingenommen ihn aber weiterhin mit Papa angeredet. Darauf hat er (bei mir) besser reagiert als auf seinen Vornamen. Was man auch probieren kann, sofern vorhanden, ist ein Spitzname oder Kurzform (wie die Dementen vielleicht von Freunden, oder von den Eltern in der Kindheit angeredet wurden)


    Bei diesem Thema fällt mir aber sofort immer etwas aus dem Bühnenprogramm von Monika Gruber ein, da steckt auch ein gutes Stück Wahrheit drin: Ab 0:50 Minuten: https://www.youtube.com/watch?v=s7YbcrVP4c4


    Es gehört zur Krankheit, es ist eine weitere Stufe. Im Grunde kann man es nur hinnehmen in der Gewissheit das dies nicht böswillig geschieht.

  • Stimmt, Sohn83 , hab mir das Video angeschaut, auf den Gedanken mit den Namen bin ich noch gar nicht gekommen. Meine Mutter fragt ihren Lieblingspfleger auch gerne, warum er sie denn mit Frau xy anspricht, er gehöre doch zur Familie 😀 wenn er mich noch nicht gesehen hat, nutzt er manchmal den Vornamen

  • Lieber Schwarzer Kater,


    und alle, die hier mitlesen. Ich kenne die Situation nur teilweise, weil sie nur selten vorgekommen ist. Die Söhne haben aber öfters mal die Erfahrung gemacht, dass sie nicht erkannt worden sind.

    Ich kenne, die Situation nur in soweit, dass meine liebe Schwiegermama immer wieder tief eingeschlafen ist, aus unterschiedlichen Gründen.


    Da es bei uns damals so ein Dilemma mit der Wäsche gegeben hat, vor allem auch mit dem Verschwinden von dieser in der Wäscherei oder im Heim, weil Demenzkranke die mitgenommen haben oder die Angestellten haben die Inkontinenzhöschen einfach anderswo verwendet, habe ich überall Etiketten eingenäht, wenn ich neue Sachen gekauft habe.


    Ich habe mir also Nähzeug mit ins Heim genommen. Und ehrlich gesagt, dass hat mir geholfen. Ich habe etwas zu tun gehabt und wenn meine Schwiegermama wach geworden ist, dann gab es bei uns auch ein Gespräch, aber es kam auch öfters mal vor, dass ich einfach nur dagesessen und genäht habe.


    Ich würde das wahrscheinlich auch heute noch so machen, auch dann, wenn es keine Etiketten zum einnähen geben würde. Vielleicht würde ich mir eine Handarbeit mitnehmen, etwas, wofür ich sonst keine Zeit habe.


    Dieses Schweigen und Nichterkannt werden, hat für mich zwei Seiten. Die eine ist die, dass sich die Mama nicht einsam fühlen muss, wenn Du nicht da bist. Das ist eine Entlastung für die Mama und für Dich. Da die Mama auch gerne zum Essen abgeholt wird und ansonsten einen zufriedenen Eindruck macht, kann man sich vielleicht mit der Zeit etwas an den Zustand gewöhnen. Das fällt nicht leicht, aber ich wünsche es Dir von Herzen.


    Ich hoffe auch für mich und meine Mama, dass wir die letzten Stadien der Demenz nicht erleben müssen, da kann ich mich Pause und Rose nur anschließen.


    Und danke, in die Runde für all die Erfahrungen und Denkanstöße. :) Guter Link, Sohn, zwar etwas überspitzt, aber mit einem wahren Kern.


    Liebe Grüße

    Einmal editiert, zuletzt von Teuteburger ()

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Schwarzerkater, den vielen wertvollen Beiträgen möchte ich nur einen Gedanken hinzufügen: Im Leben der eigenen Mutter wie ausgelöscht zu sein, ist sehr schmerzhaft und traurig. Respekt, wie Sie es schaffen, diese Phase der schweren Demenz auszuhalten und ihr trotzdem so viel Gutes zu tun, ohne zu erwarten, dass Sie wieder als Tochter erkannt werden!


    Sie machen gerade das Beste daraus, besuchen sie, gehen nicht über ihre und Ihre Grenzen, nehmen am Leben Ihrer Mutter teil, versorgen sie mit dem was sie mag und bringen trotz allem gute Laune mit ins Heim, wenn Sie in die Demenz-Kommunikation einsteigen...


    Das ist eine große persönliche Stärke und unbedingte Liebe... oder?

    Es kann sein, dass Ihre Mutter Sie irgendwann noch mal in einer anderen Ebene braucht, aber jetzt ist es - aus meiner Sicht - das Beste, was Ihre Mutter annehmen kann.

    Ihr Martin Hamborg

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