Wird die oft fehlende Empathie noch schlimmer im laufe der Zeit ?

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  • Bei meiner Mutter wurde im Oktober 22 Demnz diagnostiziert. Sie hat Pflegestufe 2

    Ihre Empathie vor allem mir gegenüber, die alles für sie und mit ihr macht immer schlimmer.

    Das finde ich, auch wenn ich weiß das sie da nichts für kann, ganz schlimm und komme nicht gut damit. Wie kommt ihr damit zurecht und ist das normal das dass schon bei Pflegestufe 2 anfängt ?


    LG

    Mel74

  • Mel74

    Hat den Titel des Themas von „Wird die oft fehlende Empathie noch weniger im laufe der Zeit ?“ zu „Wird die oft fehlende Empathie noch schlimmer im laufe der Zeit ?“ geändert.
  • Nach meiner Erfahrung und so wie viele andere Angehörige mir erzählt haben, werden die Dementen aufgrund der eingeschränkten Wahrnehmung der inneren und äußeren Welt meistens zu absoluten Egoisten.

    In wachen Momenten können sie auch mal ganz die "alten" netten, emphatischen Menschen sein. Aber nur dann.

    Das was mich dabei am meisten herausfordert, ist nicht zu vergessen, dass sie nicht anders können. Dieses Verhalten verletzt mich trotzdem und ich fühle mich auch manchmal zum persönlichen "Sklaven" gemacht.


    Liebe Grüße

    Albatross

  • Ja leider ist das so. Ich weiß das sie da nichts für kann und auch das sie das nicht mit Absicht macht, aber verletzen tut es mich schon. Es hat sich bei mir, falls es sowas gibt, der Schalter noch nicht umgelegt. Ich schaffe es nicht zu 100% das es an mir abprallt ohne das ich dann auch die Empathie für sie verliere. Das ist meine Angst. Ich arbeite an mir, aber es ist nicht leicht.


    LG

    Mel74

  • Liebe Albatross und Mel74,

    eure Ängste in den beschriebenen Situationen verstehe ich sehr sehr gut. Genauso ging es mir ungefähr 9 Monate. Der Zustand meiner Mutter verschlechterte sich letztes Jahr fast von einem Tag zum anderen drastisch. Wahrscheinlich hatte sie einen Schub.

    Ich konnte nicht mehr vernünftig mit ihr reden, erst Recht nicht über irgend eine Hilfe.

    Diskussionen und Beschimpfungen waren an der Tagesordnung. Ich hatte fast das Gefühl, sie hasst mich. Ich fühlte mich krank und meine Mutter wusste eine halbe Stunde später nichts mehr vom Streit. Leider gibt es den erwähnten Schalter, den man einfach umlegen kann aber nicht.

    Ihr seid schon auf dem richtigen Weg. Ihr wisst, die Mütter sind krank und können nichts für ihr Verhalten.

    Ich weiß nun, meine Mutter lebt in ihrer eigenen Welt. Über Gesagtes von ihr diskutiere ich nicht mehr. Entweder gebe ich ihr Recht oder versuche sie auf ein anderes Thema umzulenken. Für den Moment lebe ich zusammen mit ihr in ihrer Welt. Das hat auch bei mir nicht gleich geklappt, aber im Laufe der Zeit funktioniert es gut. Ganz viele gute und hilfreiche Gedanken dazu habe ich hier im Forum gefunden. Das hat mir sehr geholfen.

    Die Demenz unserer Mütter, Väter usw. kann nicht den Rest unseres Lebens bestimmen!

    Diesen Satz sage ich mir selbst noch oft, wenn’s mal wieder nicht so gut klappt.

    Lasst euch bei der Pflege professionell helfen und dann schafft auch ihr das!

    Alles Liebe für euch <3

  • Was mich immer wieder fertig macht, ist die Aggression, die pflegende Angehörige erfahren müssen.


    Nur mal so als Arbeitshypothese:


    Könnte es sein, dass das prosoziale Verhalten einfach verloren geht und nur die Stärke der Emotion bleibt?

    Und bei einem Gefühlsüberschwang, kommt gerade die Emotion raus, die am meisten empfunden wird.


    Wenn also jemand eher aggressiv ist, auch wenn er/sie das unter dem Deckmantel der sozialen Höfichkeit hält, wird im Falle einer Demenz eher aggressiv gegenüber anderen. Und das umso stärker, je intensiver das Gefühl der Person gegenüber ist.


    Ein "netter" gutmütiger Mensch wird einfach nett und "niedlich".

  • Interessanter Gedankenansatz und wenn ich drüber nachdenke - ja. Es ist, als würden die unnötigen Blätter abgelegt (wie bei einer Banane die Schale) und nur der Kern bleibt.


    Die Mutter meines Onkels war zeitlebens eine fröhliche, freundliche und hilfsbereite Frau. In den 20 Jahren, in der die Demenz immer mehr Raum einnahm, hat sich das nicht wesentlich geändert. Sie war lieb und zugänglich. Dankbar für die Pflege und ja - niedlich in ihrer Art.


    Meine Schwiegermutter hat ihr aufgesetzte Nettigkeit als erstes verloren. Am Ende blieb wirklich der negative Kern. Sie hat sich immer am meisten gefreut, wenn sie es geschafft hatte, dass alle aufeinander losgingen. Dann hieß es: ich habe es nur gut gemeint oder so war das doch nicht gemeint.

  • Demenz ist aber ein Krankheitsbild, bei dem Hirnareale zerstört und Kontakte zwischen Nervenzellen verlorengehen. Wie sich das im Einzelnen auswirkt ist nicht ausreichend erforscht. Eine Theorie ist, dass Fähigkeiten/Fertigkeiten in der Reihenfolge verlorengehen, wie sie einst erworben wurden.


    Das kann sein, kann aber auch ganz anders sein. Wir wissen ja auch garnicht, wie und in welcher Reihenfolge die einzelnen Hirnareale ursprünglich mal verknüpft werden (Natürlich gibt es Hauptverbindungen (vergleichbar mit Autobahnen), ich meine die Shortcuts (ähnlich wie Trampelpfade.)


    Jetzt wird es etwas wenig wissenschaftlich, richtig wäre länger:

    Bei jedem Menschen scheint auch die Hirnstruktur (im Großhirn) etwas anders zu sein, d.h. z.B. die Erinnerungen sind an unterschiedlichen Orten und durchaus wiederholt abgelegt.


    Wenn jetzt Hirnareale verschwinden (= Atophieren) und die Verbindungen (NZ) nicht mehr funktionieren, ist wahrscheinlich das, was übrig bleibt nicht unbedingt vorhersagbar.


    Oder es ist der Wesenskern, der versucht dieses marode Organ irgendwie am Laufen zu halten (Ähnlich wie ein Oldtimer, der nur noch mit dem Hammer und Kontaktspray am Laufen gehalten wird.)


    Vielleicht finden wir den Wesenskern auch im emotionalen Zentrum (Limbischen System). Das der "Demente" der Logik nicht mehr (oder nur schwer) zugänglich würde dafür sprechen.


    Hier wäre Forschung unbedingt angesagt, damit wäre den Erkrankten und den Angehörigen geholfen.


    Vielleicht ein Wörterbuch mit dem Arbeitstitel "Dement-Pflegeperson, Pflegeperson-Dement".

  • Vielleicht kann uns mal jemand der aus dem Moderationsteam ein paar Bücher/Artikel/Internetseiten zum Thema empfehlen?

    Ich fürchte, da gibt es wenig. Die Forschung zu dem Thema "Alzheimer" wurde eingestellt. Mit Coronaimpfstoffen war mehr Geld zu verdienen.

  • Zu dem Thema fällt mir noch etwas ein.


    Das die Empathie abnimmt das glaube ich auch. Ich erkläre das auch ein wenig so das ja immer wieder der Resetknopf gedrückt wird. Jeder kennt das ja selbst wenn man innerlich aufgebracht ist "und Streit sucht". Das ein Thema schon "ausgestritten" ist vergessen die dementen, die innere Unruhe bleibt aber. Gleichzeitig verstärken sich bestimmte Persönlichkeitsanteile während andere in den Hintergrund rücken.


    Paradoxerweise empfinde ich viele demente aber eigentlich als "hypersensibel". Ich habe es damals oft gemerkt wie sich z.B. meine Unruhe, Ungeduld, Erschöpfung etc in rasender Geschwindigkeit auf meinen Papa übertragen hat. Ähnlich passiert dies ja auch bei kleinen Kindern.
    Also ganz feine Antennen die alle Stimmungen sofort aufgenommen haben.


    Ich glaube das war z.B. auch einer der großen Pluspunkte der Tagespflege, durch "schöne" Aktivitäten hat sich die Stimmungslage aufgehellt.

  • Wenn jetzt Hirnareale verschwinden (= Atophieren) und die Verbindungen (NZ) nicht mehr funktionieren, ist wahrscheinlich das, was übrig bleibt nicht unbedingt vorhersagbar.


    Oder es ist der Wesenskern, der versucht dieses marode Organ irgendwie am Laufen zu halten (Ähnlich wie ein Oldtimer, der nur noch mit dem Hammer und Kontaktspray am Laufen gehalten wird.)

    Vielleicht ist es kein ODER sondern ein UND?


    Könnte es sein, dass das prosoziale Verhalten einfach verloren geht und nur die Stärke der Emotion bleibt?

    Und bei einem Gefühlsüberschwang, kommt gerade die Emotion raus, die am meisten empfunden wird.


    Wenn also jemand eher aggressiv ist, auch wenn er/sie das unter dem Deckmantel der sozialen Höfichkeit hält, wird im Falle einer Demenz eher aggressiv gegenüber anderen. Und das umso stärker, je intensiver das Gefühl der Person gegenüber ist.

    Gerade der Deckmantel ist bei manchen Menschen sehr effektiv, sodass selbst langjährige Ehepartner den Erkrankten in einigen Fällen nicht wieder erkennen.

    Eine ältere Frau erzählte mir über ihren erkrankten Mann, der unter einem Eifersuchtswahn litt, der Neurologe hätte ihr mitgeteilt: Das war auch schon vorher da. Also nicht der Wahn sondern die Unsicherheiten, die einer ausgeprägten Eifersucht i.d.R. zugrunde liegen.

    Viele andere ähnlich lautende Berichte von Angehörigen bringen mich dazu zu glauben, dass die gerade empfundene Emotion in der Demenz riesig wird und dann von der grundsätzlichen Ausrichtung der Persönlichkeit in ein "bestimmtes, immer gleiches Licht" gerückt wird. Wie ein Filter.

    Also nach dem Beispiel: Der Ehemann fühlt sich allgemein unsicher durch die Demenz und wenn seine Frau das Haus verlässt, wird die Angst wahnsinnig groß.

    Um Schaden von sich abzuwenden und auch weil er nichts anderes mehr kann, versucht er sie über die Fremdgeh-Beschuldigung zum Dableiben zu zwingen.

    Dann muss er vor sich selbst und anderen keine Schwäche zugeben und in Wut fühlt man sich eh wirkmächtiger als wenn man bittet.

    Alles zusammen ein wahrscheinlich gut eingeübtes, inzwischen unbewusstes Verhalten, weswegen der demente Mensch darauf noch Zugriff hat.


    Ach was ein Mist das alles. Liebe Grüße Albatross

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Mel74, zum Glück stimmt Ihre Beobachtung nicht. Sehr viele Menschen mit Demenz behalten noch sehr lange ihre Empathie oder "Schwingungsfähigkeit".


    Genau deshalb wirkt die Validation und die Milieutherapie für Menschen mit Demenz, die dem einfachen Grundsatz folgt: Da ein Mensch mit Demenz nicht mehr lernen kann, ist es unsinnig dies zu fordern - wir als helfendes Netz müssen lernen"


    Durch die beschriebenen schwerwiegenden krankhaften Prozesse im Gehirn eines Menschen mit Demenz wirkt jede Form von Stress wie ein Gift. Logischerweise entsteht dann weniger Einsicht und Schwingungsfähigkeit sondern Ärger, Wut und Aggression.

    D.h. Wir sind gefragt, Fehler zu vermeiden und uns richtig zu verhalten. In meinem Blog finden Sie eine kleine Checkliste, aus der deutlich wird, wie wir uns richtig verhalten.


    Die bisherige Diskussion hat die Ursache in der Person verortet - das ist der zweite Schritt - zunächst sollten wir unsere Beziehungsgestaltung, eingespielte negative Kommunikationsmuster und echte Fehler im Umgang mit Menschen mit Demenz ansehen.


    Für alle die ein wissenschaftlich - philosophisches Interesse haben, kann ich den Expertenstandard Beziehungsgestaltung für Menschen mit Demenz sehr empfehlen! Sie können Ihn im Internet bestellen. Die zweite Grundsatzstellungnahme Demenz vom Medizinischen Dienst in Essen kann umsonst heruntergeladen werden und bietet viele konkrete Tipps und Verständnishilfen, während die erste Grundsatzstellungnahme von 2009 eher einen wissenschaftlichen und diagnostischen Durst stillen kann.


    Soweit die Theorie: Wenn wir unsere Fehler ausschließen können und "richtiges" Validieren nicht hilft, müssen wir uns mit dem zweiten Schritt beschäftigen und nach Ursachen für die Probleme suchen.


    Hier im Forum hat uns das Thema "narzisstische" Persönlichkeiten oder andere Persönlichkeitsstörungen und Demenz sehr beschäftigt. Das ist eine der extremsten Herausforderungen und es lohnt sich auf jeden Fall in die letzten Monate und Jahr zurück zu lesen.


    Die Validation ist in diesen Fällen und bei bekannter Depression oft wenig hilfreich und kann sogar fachlich falsch sein.


    Wir haben in den letzten Jahren aber auch die Erfahrung ausgetauscht, dass irgendwann die Demenz in den Vordergrund kommt und sich dann die schwierigsten Probleme lösen können.


    Eben habe ich einige Zeilen zum Thema Schmerz geschrieben, auch dann kommt eine eigentlich richtige Beziehungsgestaltung an ihre Grenzen - Schmerz oder auch Wahn ist nun mal ein Signal zum medizinischen Handeln!


    Aus guten Grund sprechen wir von herausforderndem oder aufforderndem Verhalten, weil wir in unserer Kompetenz aufgefordert werden, uns "richtig" zu verhalten.


    Ihr Martin Hamborg

  • Guten Morgen 8o an alle hier.

    Ich bin nach stundenlanger Internetsuche nach Hilfe zur Bewältigung der Erkrankung meines Mannes hier gelandet und glaube,ich bin hier richtig.


    Ich bin 57 Jahre alt und mein Mann,64, leidet nach seinem 2.Schlaganfall vor 1,5 Jahren, an vaskulärer Demenz. Außerdem hat er ,vielleicht durch die Inkubationszeit auf der ITS oder das jahrelange rauchen, noch eine Dysphagie (Schluckstörung) entwickelt.

    Somit kann er nur noch eingeschränkt essen und das ist z.Zt.das medizinisch größte Problem.

    Er war noch nie dick,aber durch die Essenseinschränkung hat er immer mehr abgenommen. Er bekommt zwar schon 2x tgl. hochkalorische Nahrung zusätzlich zu dem "normalen"Essen, aber eine Gewichtszunahme ist noch nicht erkennbar.

    Ich habe Angst,dass er ganz "verschwindet"!

    Durch die Demenz versteht er auch keine Erklärungen zu seinem Zustand mehr bzw. hat es schneller vergessen als ich reden kann.


    Zusätzlich leide ich selbst an einer jahrelangen Depression und bräuchte eigentlich selber Ruhe und Unterstützung.


    Am Schlimmsten ist für mich aber,mit den starken Veränderungen klar zu kommen.

    Deshalb gehe ich selbst zu einer Psychotherapie und das tut mir auch gut,aber die Hinweise auf "eigenschutz" und "auf sich selbst achten"nutzen nicht viel.

    Mein Mann hat sich jetzt total auf mich fokussiert und wenn ich mal nicht aufstehen kann, dann kommt er alle 10 min zu meinem Bett und bettelt wie ein kleines Kind, dass ich doch aufstehen soll, denn er brauche mich.

    Er läuft mir auch wie ein kleines Kind nach wenn ich nicht immer sage, was ich jetzt mache oder wohin ich gehe.

    Ich muss ihm auch immer genau sagen wann ich wiederkomme und anrufen,wenn ich mich verspäte.


    Ich überlege schon eine Kamera zu kaufen mit der ich ihn,wenn ich mal länger weg bin,beobachten und ggf.anprechen kann aber das kommt mir wie eine Überwachung vor.


    Montags geht er immer in eine Tagespflege,aber es gefällt ihm gar nicht. Dabei hatte ich das eigentlich gedacht als Abwechslung für ihn und damit er noch andere soziale Kontakte hat, aber er geht nur für mich dahin!

    Außerdem ist auch seine ganze Empathie verloren gegangen.

    Egal was wir machen, es gefällt ihm immer gar nicht und er will nur "nach Hause"!

    Diese ganze Rückentwicklung in so ein kindliches Verhalten in jeglicher Hinsicht ist für mich sehr schwer zu ertragen.


    Wie macht ihr das?

    Welche "Strategien" zur Bewältigung habt ihr gefunden oder entwickelt?

    Könnt ihr was für euch machen in dem Wissen,dass der zu Pflegende euch in der Zeit "entbehren" muss?

    (Allerdings scheine ich ja noch Glück zu haben, dass nun,weil er schon immer so ein Lieber war,diese Eigenschaft total überwiegt und er nicht aggressiv wird!)


    Ach ja, ich bin nun wg. meiner Psyche berentet; habe also DIESE Belastung nicht mehr.

    L.G. S.

  • Hallo winnie1960,


    ein herzliches Willkommen hier.

    Das was Du schreibst, was Du erlebst, haben wir alle hier in diesem Forum auf die eine oder andere Art auch durchgemacht oder müssen es noch.


    Lies Dir einfach hier viele Threads durch und Du wirst schon eine Menge Tipps und Möglichkeiten im Umgang beschrieben finden.


    Meine Mutter lebt nicht mit mir zusammen, dadurch habe ich zumindest zeitweise die Gelegenheit im eigenen Heim "durchzuschnaufen", aber sie ist völlig auf mich fixiert. Oftmals kann ich gar nicht anders als es so zu empfinden, als ob ein Pantomime mich in allen Lebensäußerungen spiegelt. Kennt Ihr das, so z.B. von Straßenkünstlern, die Euch nachmachen?

    Genau so, ohne dass ich entkommen kann. Ich bin also irgendwie Ursache und Wirkung aller Lebensäußerungen meiner Mutter bis hin manchmal sogar auf die körperliche Ebene. Das ist gruselig, grausam und bedrückend.

    Da hilft mir nur, mir immer wieder vorzubeten, dass das die Demenz ist und dass ich deswegen nicht alle Härten und Herausforderungen des Lebens, die meine Mutter bewältigen muss, als meine zu sehen. Man muss davon überzeugt sein.

    Denn wenn Du nicht da wärest, winnie1960, müsste Dein Mann trotzdem damit klar kommen. Man kann einem anderen nicht abnehmen, sein Leben zu leben.


    Ich hoffe, das hilft Dir schon ein klitzkleines bisschen weiter.

    Liebe Grüße

    Albatross

  • Hallo winnie1960,

    erstmal herzlich "willkommen im Club".

    Es tut mir sehr leid, dass es deinen Lebenspartner schon so früh getroffen hat. Das ist definitiv nochmal anders als ein Elternteil, ich selbst habe meinen Mann vier Jahre mit Krebs begleitet bis zum Ende, anders natürlich, aber eben auch ein langsamer bewusster Abschied und das letzte Jahr auch sehr auf mich fixiert, umfangreiche Pflege und ich selbst angeschlagen. Soweit gewisse Parallelen..

    Gut dass du schon eine Psychotherapie machst! Ich würde versuchen, ob dein Mann noch wenigstens einen zusätzlichen Tag in die Tagespflege geht. Du kannst dich leider nicht immer daran orientieren, ob er das gerne mag, denn du musst ja noch ne Zeit durchhalten und dir gewisse Freiräume schaffen. An einem freien Tag wäre es gut, wenn du die Zeit nicht nur für Erledigungen nutzt, sondern bewusst auch etwas schönes für dich machst, Massage, schwimmen, Freundin treffen, irgendwas Aufbauendes.

    Am Freitag habe ich in der NDR Talkshow eine Frau gehört, deren Mann schon mit Anfang 50 Alzheimer hatte und die ihn jahrelang Zuhause begleitet hat, sie hat gerade ein Buch darüber herausgebracht "Lückenleben" von Katrin Seifert. Vllt ist das was für dich oder du suchst schon online nach ihren Interviews ..

    Ansonsten immer die städtische Pflegeberatung fragen, ob sie noch einen Tipp haben, würde mir einfallen.

    Der Bereich Empathie wird eher nicht mehr zunehmen, allerdings ist es bei vaskulärer Demenz ja ein gewisses auf und ab und manchmal kann es nochmal bessere Phasen geben. So habe ich es bei meiner Mutter erlebt bzw.erlebe es noch .. wir leben aber nicht zusammen.

    Das erstmal für heute

    Herzliche Grüße

    Rose60

  • Hallo winnie1960,

    auch von mir ein Willkommen. Du hast ein ziemliches Päckchen zu tragen. Sowohl du als auch dein Mann sind noch verhältnismäßig jung und ihr hattet sicher noch viel vor, was nun leider nicht mehr in der Form lebbar ist.

    In den beiden Beiträgen von Albatross und Rose steht schon so viel Gutes. Ich möchte das nur unterstreichen.


    Was du von deinem Mann beschreibst, ist leider Symptom der demenziellen Entwicklung, die nur eine Richtung kennt: Mit der Zerstörung der Hirnareale und entsprechender neurologischer Verschaltungen schwinden die Möglichkeiten der Kommunikation mit der Außenwelt (das betrifft Menschen, aber auch Situationen) bis zum fast völligen Verlust.


    Zunächst "sucht sich das System im Menschen" Auswege, um wieder Ordnung in das Durcheinander zu bringen: Dazu gehören Ängste, Fehlinterpretationen, Fehlhandlungen, auch alles zwischen "Klammern" und Ablehnen usw.


    Empathie ist (fast) nicht mehr möglich, denn dazu sind hohe geistige Leistungen erforderlich. Kinder erlernen erst relativ spät, empathisch zu sein, sich in andere hineinzuversetzen. Die Demenz ist in vielerlei Hinsicht eine Rückentwicklung des früher Erlernten. Vieles, aber nicht alles geht in der umgekehrten Reihenfolge verloren, wie es einst erlernt wurde. Da jeder Mensch aber individuell ist (unterschiedliche Ressourcen, verschiedene Persönlichkeiten, spezielle Krankheitssymptome) gibt es dennoch große Unterschiede.


    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es ein Riesenunterschied ist, a) über diese Vorgänge relativ gut Bescheid zu wissen und b) sie im eigenen Umfeld zu erleben und damit umzugehen.


    Auf jeden Fall wirst du umso besser damit zurecht kommen, je mehr es dir gelingt, dich auf die Veränderungen bei deinem Mann einzustellen, sie zwar zu beobachten, aber sie nicht immer schmerzlich ins Verhältnis zu früher zu stellen ("Jetzt kann er dies nicht mehr ... " Jetzt macht er das ...")


    Das ist wahnsinnig schwer - ich weiß. Aber ich versuche es bei meiner Mutter genauso zu machen. (Wobei es noch mal ein Riesenunterschied ist, ob es um den Ehepartner oder die Mutter geht).


    Ich versuche also, meine Mutter als neue Version ihrer selbst zu betrachten. Meine Mutter war früher hochintelligent, tatkräftig, praktisch veranlagt, adrett und sauber. Heute zerreißt sie Zeitungen, spuckt ihr Essen aus etc. etc. (Mehr will ich hier nicht sagen, es ist traurig).


    Vom Heim meiner Mutter habe ich gelernt, dass ich all das als "normal" ansehen muss und meine Mutter einfach so behandelt wird, als sei das eben genauso okay. Die Realität passt sich also teilweise meiner Mutter an. So ist meine Mutter gut eingebettet in ihr Leben und ich verabschiede mich von meinem inneren Widerstand, der nur unnötig Kraft kostet. Ich kann ja gegen die Krankheit und den Lauf der Dinge nichts ausrichten, also MUSS ich es ANNEHMEN.


    Nicht dass du jetzt denkst, ich bekomme das täglich gleich gut hin ... Aber zumindest bin ich so der totalen Depression (und einem Zusammenbruch) entgangen.


    Und - wie schon geschrieben wurde - lenke SEHR BEWUSST (quasi als eine deiner wichtigsten Lebensaufgaben) den Blick von deinem Mann ab und zu weg, um auf schöne Dinge zu blicken und sie zu unternehmen. Nimm das wie ein Projekt, dass du ausführen musst. Das wird dir nämlich helfen.

    Ich kann hier nur andeuten, dass ich noch weitere schwerwiegende Lebenssituationen habe - dort muss ich das genauso machen ... und es funktioniert.


    Zuletzt noch: So schlimm es klingt, aber mit dem zunehmenden Vergessen deines Mannes wirst du deine Wichtigkeit für ihn verlieren. Ich weiß, dass das an sich schlimm ist, aber es kann auch äußerst befreiend wirken, wenn du nicht mehr die ganze Wucht der Verantwortung von deinem Mann aufgeladen bekommst.

    Lass ihn vielleicht einmal mehr in die Tagespflege gehen. Es kann sein, dass er eine gesteigerte Häufigkeit bald gar nicht mehr bemerkt. Stattdessen wird der Moment für ihn immer wichtiger ... und darauf muss man auch immer mehr schauen. Vielleicht auch, indem man nur noch aktuelle Dinge benennt. Bei meiner Mutter sind wir soweit, dass nur noch aktuell sichtbare Dinge benannt werden: das Stück Kuchen auf dem Teller, die Sonne, die offene/geschlossene Tür etc. Keine Fragen, keine komplexen Zusammenhänge, kein Früher-später ...

    Man wächst selbst langsam in die neue Rolle, das kann ich dir noch sagen ... quasi als Trost, dass es wirklich besser werden wird.


    Alles Liebe!

  • Hallo winnie1960,


    erstmal tut es mir sehr leid, dass du dich in dieser Situation wiederfindest.

    Ein dementer Elternteil ist schlimm, aber wie es ist, wenn der eigene Mann betroffen ist, und das so früh im Leben, das mag ich mir überhaupt erst gar nicht vorstellen.


    In diesem Thread haben schon einige Leute viel Nachdenkenswertes über das Verschwinden von Empathiefähigkeit bei Dementen geschrieben.

    Ich wiederhole das jetzt nicht, aber zusätzlich noch eine eher unschöne Vermutung meinerseits:

    am Beispiel meines Dementen kann ich wohl ziemlich sicher davon ausgehen, dass bei ihm von Haus aus nie wirklich Empathie vorhanden war. Es ist früher nur wenig aufgefallen, jedenfalls mir, weil er die üblichen Floskeln wie "ach das tut mir aber leid", "das wird schon alles", und anderen nichtssagenden Blödsinn von sich gegeben hat. Sein geäußertes Bedauern hat sich dann aber nie in tatsächlicher Hilfe manifestiert, auch wenn Personen wie seine eigene Schwester seine Hilfe gebraucht hätten, und er durchaus hätte helfen können. Deshalb weiß ich eben auch, dass seine frühere vorgebliche Empathie nur Fassade war.

    Und wenn solche Personen dann auch noch dement werden, dann vermischen sich die früher auch schon vorhandenen Defizite mit denen die durch die Krankheit verursacht werden.

    Es ist dann verdammt schwer, zu eruieren, was zuerst da war, Henne oder Ei.


    Was die Bewältigungsstrategien angeht, ist das in deinem Fall wirklich sehr schwierig, zumindest wenn du dich mit deinem Mann bis zum bemerkbaren Beginn seiner Krankheit noch gut verstanden hast.

    Ich beneide dich wirklich nicht!

    Es ist verhältnismäßig einfach, einer nicht sehr geliebten Person distanziert gegenüber zu stehen, und eben auch die Krankheit "objektiv" und nüchtern zu betrachten.

    Was ganz anderes ist es, wenn es der eigene und selbstgewählte Lebenspartner ist.

    Persönlich finde ich die Sache mit der Tagespflege gut (auch wenn er sie ablehnt), denn damit hast zumindest du Zeit gewonnen, um mal durchzuschnaufen.

    Ich weiß ja auch nicht wie weit die Demenz bei ihm schon fortgeschritten ist, und ob er dich und deine Hilfe noch wirklich wahrnimmt.

    Wenn letzteres schon der Fall ist, hast du schon an einen Platz im Pflegeheim nachgedacht?

  • Hallo Albatross,rose60,schwarzerkater und noname,


    Danke für das herzliche Willkommen und die wirklich aufmunternden Worte!

    Niemand,der das nicht selbst erlebt, kann die Empfindungen von Pflegenden bei Demenz nachvollziehen.

    Deshalb finde ich es total wichtig,dass es solche Foren gibt.

    Dafür allen Moderatoren und den technischen Mitarbeitern auch ganz herzlichen Dank!!!


    Noname: mein Mann war die Empathie in Person!!

    Erst durch ihn und seine Familie habe ich gelernt, was Familie überhaupt ist; wie es ist,geliebt und unterstützt und wertgeschätzt zu werden!

    Das alles zu verlieren ist so schwer zu ertragen.

    Aber solange es mir möglich ist, wird er nicht in ein Heim kommen!!!!


    Letzte Woche war ich ein paar Tage mit ihm an der Ostsee,

    War auch ein Versuchsballon,ob mit der Demenz und der schluckstörung ein Urlaub überhaupt noch möglich wäre.

    Es war toll,was wir alles machen konnten.

    Restaurantbesuch gestaltete sich aufgrund seiner Einschränkung schwierig,aber für ein paar Tage ging es.


    Am Wochenende wieder ein Rückschlag: essen nur teilweise möglich und das Laufen veränderte sich zum marschieren mit starken Ruderbewegungen der Arme.

    Aber wenigstens können wir noch rausgehen,denn regelmäßige Bewegung finde ich sehr wichtig.


    Das Essen macht mir bei seinem starken Untergewicht mehr Sorgen.

    Ich will ihn nicht ,solange es geht,nur mit Suppe und joghurt ernähren.

    Aber wenn er bei jedem Bissen, trotzt regelmäßigem trinken, so sehr würgen muss,tut es schon beim zusehen weh.


    Wäre schön, wenn es bei den Beratungen zur Pflege auch Kurse mit diätköchen gäbe.

    Dazu habe ich leider noch nichts gefunden.

    Da wir randberliner sind hoffe ich, dass weitere Telefonate vielleicht doch irgendwelche Hilfsmöglichkeiten ergeben.


    Vielen Dank an alle forenteilnehmer, dass ihr so offen über eure Pflegebürftigen und den Alltag und seine Bewältigung sprecht.

    Teilweise kann man dann selbst was davon anwenden oder es hilft einfach nicht allein mit dieser Krankheit zu sein.


    Einen schönen Abend an euch!

    winnie1960

    • Neu
    • Offizieller Beitrag

    Hallo winnie1960 ,


    auch von mir willkommen im Forum.
    Zur Dysphagie: wurde ein logopädisches Gutachten dazu erstellt? Dann sollten Sie eigentlich auch Tipps zur Kostform und ggfs. Kontakt zur Ernährungsberatung erhalten haben. Vermutlich kennen Sie derartige Tipps aber schon.

    Da Sie schrieben, Randberliner zu sein. Ich habe vor langer Zeit einige Jahre mit der Alzheimer-Angehörigen-Initiative e.V. zu tun gehabt und gute Erfahrungen machen dürfen. Vielleicht kann man Ihnen von dort hilfreiche Adressen / Kontakte vermitteln, da die Initiative seit Jahrzehnten in Berlin in Sachen Demenz tätig ist.

    Es grüßt Sie

    Jochen Gust

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