Kommunikation in verschiedenen Demenzphasen

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  • Heute noch ein neues Thema: mich interessieren Ideen, wie ich bei fortgeschrittener Demenz nun mit meiner Mutter kommunizieren kann. Es ist so, dass meine Mutter sich immer gerne angeregt unterhalten hat und bis vor einiger Zeit konnte ich dann Neuigkeiten aus meiner Familie, ihren Enkeln und Urenkeln berichten, auch mehrfach hintereinander, weil es schnell wieder vergessen war.

    Nun ist es aber so, dass sie in ihrer eigenen Welt lebt, in einer ganz anderen Zeit, sie interessiert sich eigentlich vorwiegend, wie es ihren Eltern und ihren Brüdern geht und andere aus ihrer Familie, Cousins etc. Alle längst tot, was ich schon länger nicht.ejr sage, weil sie dann völlig fertig und verwirrt ist. Oft ist sie auch sauer, dass mein Vater (auch tot) den ganzen Tag noch nicht nachhause gekommen ist. Ich weiß einfach kaum, was ich sagen soll, sie kann aber noch/wieder gut reden...

    Kennt ihr das Problem? Das ist auch ein Grund, warum ich seltener hingehe, damit sie nicht nachher noch verwirrter ist - manchmal komme ich mir vor wie ein Alien

    Liebe Grüße an alle

  • sie interessiert sich eigentlich vorwiegend, wie es ihren Eltern und ihren Brüdern geht und andere aus ihrer Familie, Cousins etc. Alle längst tot, was ich schon länger nicht.ejr sage, weil sie dann völlig fertig und verwirrt ist.

    Das gleiche "Problem" hatten wir mit unserer Schwiegermutter, nachdem sie einen Nervenzusammenbruch vor den Grabsteinen hatte, haben wir das nicht mehr angesprochen und sind nicht mehr auf den Friedhof mit ihr gegangen.


    Danach haben wir sozial adäquate Geschichten erzählt und abgelenkt.


    Beim Schwiegervater haben wir z.B. erzählt, dass er auf einer Dienstreise ist und heute etwas später kommt: "Du weißt doch, wie gewissenhaft er ist. Muss einen Kollegen vertreten."

    Oder der Bruder/Schwager ist im Urlaub und kommt morgen vorbei...

    Der Vater und die Mutter haben soviel im Garten und auf dem Feld zu tun und kommen am Sonntag um mit ihr gemeinsam in die Kirche zu gehen. Dann habe ich gesagt: "Komm, wir gehen schon mal. Dann beten wir eine Runde."


    Wir haben das Gespräch auf Lustige Erlebnisse, gelenkt:


    Wie habt ihr Euch eigentlich kennengelernt?

    An Urlaube, an die sie sich noch erinnern konnte. Warst Du eigentlich mal in ....?

    An die Lieblingslehrerin oder die Patentante.

    Kochrezepte waren auch immer schön. Ich habe sie immer gefragt, wie sie das oder das gemacht hat (Sie hat im Pflegeheim sogar in der Küche mitgeholfen.)


    Oder gemeinsam Geschichten gelesen. Oder in die Kapelle gegangen zum Beten.


    Wir haben immer versucht herauszufinden, in welcher Zeit sie gerade lebt.

  • Wenn Dir keine Geschichten einfallen, kannst Du die Neuigkeiten aus Deiner Familie den bereits Verstorbenen "anhängen".


    Es geht ja um die Ereignisse von Personen, die sie lieb gehabt hat. Wenn sie die mit anderen Namen verknüpft, ist doch eigentlich egal.


    Meine Schwiegermutter hat meinen Mann immer mit ihrem verstorbenen Ehemann verwechselt. Der hat einfach über seine eigenen Erlebnisse berichtet ;-).


    Meine Anwesenheit wurde glücklicherweise nicht hinterfragt ;)

  • Meine Mutter fragt auch jeden Tag nach ihren Eltern und ihrem Elternhaus und möchte dorthin oder fragt, wann ihre Mutter kommt. Mein Bruder und ich sind uns einig, dass wir sie nicht anlügen, weil ihr Gedächtnis sehr variabel ist und sie sich an Gesagtes häufig noch am nächsten Tag im Wortlaut erinnert. Ich weiche also aus und lenke ab. Wenn das nicht funktioniert, sage ich ihr: "Schau mal, du bist jetzt 87". Das reicht meistens schon. Ich sage ihr dann noch, dass ich jetzt auf sie aufpasse. Das sei der Lauf der Welt. Erst passen die Eltern auf die Kinder auf, dann passt jeder auf sich selber auf und wenn die Eltern alt sind und Hilfe brauchen, passen die Kinder auf die Eltern auf.

  • Liebe Rose -


    eine Idee für den verspäteten Ehemann, den ich von den Pflegerinnen im Heim meiner Mutter aufgeschnappt habe: "Er kommt später, so gegen 19.30 Uhr" habe sie immer zu einer Bewohnerin gesagt, die fragte, wann ihr Mann käme. Sie hat das regelmäßig auch wieder vergessen und nochmals gefragt. Aber die Antwort hat sie beruhigt, dass sie nicht vergessen wurde.

    Als meine Mutter immer nach ihrer Mutter gefragt hat, bin ich dazu übergegangen zu sagen, dass sie gerade nicht da ist, meistens hat das geholfen. Oder sie fragte, ob ich sie gesehen hätte (weil sie gerade noch da gewesen wäre), da war die Antwort "leider nicht, ich bin ja sofort zu Dir gekommen".

  • Meine Mutter fragt auch jeden Tag nach ihren Eltern und ihrem Elternhaus und möchte dorthin oder fragt, wann ihre Mutter kommt.

    Wenn ich das immer wieder so lese, fällt mir auf, dass meine Mutter kein einziges Mal nach ihrer Mutter gefragt hat. Ein wirkliches Elternhaus hatte sie dank der Kriegswirren ohnehin nicht. Aber sie hat auch nie Interesse an ihren verstorbenen Geschwistern gehabt.

    Ich will damit grade gar nichts sagen, sondern bin nur völlig erstaunt.

  • Vielen lieben Dank für eure wirklich brauchbaren Ideen, das mit der Uhrzeit als Perspektive TanjaS ist ein guter Tipp.

    Und von Valentina61 habe ich heute gleich angewendet, dass ich eine Situation meiner Enkel auf den Besuch der Enkel bei ihrer Mama übertragen habe, das fand sie super und ich hatte was zu erzählen 😊

    Die Umgangsweise von Hinz mit Erinnerung an ihr Alter hatte ich ne Zeit lang auch mit dem Hinweis auf ihr eigenes Alter, doch das funktioniert nun nicht mehr, die Logik, dass man dann keine Eltern mehr hat ist nicht mehr da und der Hinweis, dass meine Mutter Ü90 ist, entsetzt sie komplett. Ihr Gefühl ist ja mal Ende 50 oder sogar Ende 20...

    Also dankeschön!

  • der Hinweis, dass meine Mutter Ü90 ist, entsetzt sie komplett. Ihr Gefühl ist ja mal Ende 50 oder sogar Ende 20...

    Ja, meine Schwiegermutter war vollkommen empört, dass sie so alt geschätzt wird.


    Das mit dem Ende 20 hatten wir auch und da war sie über 90!



    Und von Valentina61 habe ich heute gleich angewendet, dass ich eine Situation meiner Enkel auf den Besuch der Enkel bei ihrer Mama übertragen habe, das fand sie super und ich hatte was zu erzählen

    Ja, das freut mich.

    Ich sehe das auch nicht als Lüge. Demente haben ja eine parallele Realität. Sie leben in der Vergangenheit (z.T. sogar vor unserer Zeit) und wir eigentlich in deren "Zukunft". Diese Erzähltechnik ist ein bisschen wie Science-Fiktion.


    Warum ihnen nicht etwas erzählen, was tatsächlich stattgefunden hat, was sie interessieren würde, wenn ihnen nicht diese Zeiten durch eine schreckliche Krankheit genommen würde.

    Meine Schwiegermutter hat es immer gefreut, wenn sie schöne Geschichten gehört hat oder sie sich über ihren Ehemann und die gemeinsamen Erlebnisse unterhalten konnte.

    Und wir mussten uns eben nur erinnern wie der oder jener war oder die Ereignisse etwas um interpretieren.

    Und schließlich kann man auf Gefühle zurückgreifen. Damit wird das Gespräch autentisch.

  • Ich finde Eure Beiträge sehr interessant. In meiner Demenzangehörigen-Gruppe wird das Validieren immer sehr herausgestellt. Ich habe damit immer noch Probleme, weil solche schwierigen Situationen ja oft unvermutet kommen und mir dann die Zeit und Idee schlicht fehlt da adäquat zu reagieren.


    Zum Beispiel wurde in der Gruppe vorgeschlagen bei der Frage nach der Mutter, man solle nicht "lügen", Mutter kommt später/morgen, sondern ablenken, indem man z.B. sagt: "Du sehnst Dich gerade nach Deinen Lieben, würdest gerne einen schönen Kaffee trinken? Sollen wir mal gucken, ob wir etwas leckeres an Gebäck da haben?"


    Ich kann das so nicht. Meist ist gerade sowieso Stress, weil etwas gesucht wird und wir dringend weg müssen.

    Das ist auch so ein Faktor, den ich noch nicht ändern konnte. Ich sage, musst du noch zur Toilette, zieh, dir bitte die Schuhe an. (wichtige Unterlagen habe ich schon vorher gepackt). Irgendetwas ist dann wieder, was alles verzögert. Angeblich ist der Schlüssel nicht da. Ich habe einen, das hilft aber nicht, weil Muttern partout ihren Schlüssel braucht. In so einer Situation fragte meine Mutter plötzlich, wo denn eigentlich ihre Mutter sei. Und ich habe dann völlig entnervt geantwortet, Mensch, Mutti, du bist 88, deine Mutter wäre jetzt 120, wenn sie noch leben würde. Große Katastrophe!


    Dass sie nach ihrer Mutter fragte, war jetzt das erste Mal. Ich wundere mich, dass das jetzt erst kam. In ihrer Welt lebt sie nämlich mit ihrem Vater in ihrem Zuhause. Mich gibt es folglich auch nicht...

  • Also ich sage nun immer, ihrer Mama geht's gut, alles in Ordnung, vorher kann sie nicht von dem Thema lassen. Und dann ist meine Mutter beruhigt. (In meiner Vorstellung geht's meiner Oma auf ihrer Wolke auch gut, von daher keine Lüge im eigentlichen Sinne.)

    Die von dir beschriebene Reaktion hatte ich anfangs auch , ist doch klar, dass man auch mal genervt ist, man braucht ja zunehmend mehr Zeit für alles, wie früher bei kleinen Kindern, denen immer noch was einfällt und die die Zeit nicht einschätzen können.

  • Zum Beispiel wurde in der Gruppe vorgeschlagen bei der Frage nach der Mutter, man solle nicht "lügen",

    Ja, bei meiner Schwiegermutter waren immer so "wohlmeinenden" Freundinnen, die ihr bei jedem (!) Besuch vorgebetet haben, wer alles schon gestorben ist.


    Jedesmal hatte die Schwiegermutter einen Nervenzusammenbruch (klar, immer wieder ein Schock über die Todesnachrichten und das gleich in mehrfacher Ausfertigung (Mutter, Vater, Tochter, Schwester, Mann, Schwager und gleich hinterher, dass der Sohn, den sie für ihren Ehemann hält, mit mir verheiratet ist!) .


    Wir haben der "Freundin" später verboten die Schwiegermutter zu besuchen, weil die Schwiegermutter sich so aufgeregt hat. Sie könne nicht "Lügen", weil sie eine gute Christin wäre. Und gleich mal für die Verstorbenen gebetet und bei der Gelegenheit den Pfarrer gebeten, ein Testament mit der Schwiegermutter zu machen. Meine arme Schwiegermutter!


    Die Ordensschwestern (!) im Heim (kirchlich!) hatten damit überhaupt kein Problem zu sagen, dass ihre Schwester kommt sobald es geht.


    Die Schwiegermutter ist immer nach Besuch dieser Freundin herumgeirrt z.T. auch weggelaufen. Dabei hat sie sich mehrfach verletzt, weil sie gestürzt ist. Das hat letztlich auch ihren Tod verursacht.


    Sie treibt selbst nach mehr als 4 Jahren nach dem Tod der Schwiegermutter noch Schabernack, weil das mit dem Testament zu ihren Gunsten nicht geklappt hat (Es gab ein Berliner Testament zu Gunsten meines Ehemannes!).


    Sie entsorgt unsere Blumengestecke um Platz für ihre Blumen zu schaffen (Wir haben in der Nähe ein weiteres Grab, das von uns gleich behandelt wird. Da bleiben die Gestecke wo wir sie hingelegent haben.)

  • Ich hab grade eure interessanten Beiträge zu diesem, für mich noch schwierigen Thema, gelesen.

    Bis Mitte Februar hatte ich mit meiner Mutter diese „Sorge“ noch nicht.

    Eines Abends telefonierte ich mit ihr und sie fragte mich plötzlich, ob ich wüsste, wo mein Vater ist. Er ist seit knapp 10 Jahren tot.

    Ich wusste zwar, dass solche Fragen von Demenzkranken gestellt werden, aber in diesem Moment war ich so schockiert, dass ich erstmal nach Luft schnappen musste und auch nicht gleich eine Antwort parat hatte.


    Ich habe damit immer noch Probleme, weil solche schwierigen Situationen ja oft unvermutet kommen und mir dann die Zeit und Idee schlicht fehlt da adäquat zu reagieren.


    Das geht mir auch immer noch so und deshalb DANKE an euch für die guten Tipps!

    Irgendwie kann ich auch immernoch nicht das Gefühl loswerden, dass ich sie anlüge.

  • Das mit der"guten" Freundin ist ja auch ein Ding. Meine Güte, was gibt es nur für Menschen! Aber immer schön in die Kirche und zum Herrn Pfarrer gehen.

    Valentina, was machste denn mit den Blumen der lieben Freundin? Aus Versehen die Köppe abschneiden?


    Und ja, Rose, das "deiner Mutter geht es gut" will ich mir merken. Das ist eine tolle Idee, das wünschen wir doch unseren vorangegangenen Lieben alle.

  • Meine Güte, was gibt es nur für Menschen! Aber immer schön in die Kirche und zum Herrn Pfarrer gehen.

    Ja, die war eine besondere Marke.


    Valentina, was machste denn mit den Blumen der lieben Freundin? Aus Versehen die Köppe abschneiden?

    Nein, natürlich nicht, was denkst Du von mir? Die Blumen können schließlich nichts dafür, deshalb wandern sie auf ein verwahrlostes Grab in der unmittelbaren Nähe. Da kommt offensichtlich niemand mehr, das Unkraut steht einen Meter hoch. Und ab und zu liegen bzw. stehen dort frische Blumen, so ein Zufall aber auch.


  • Irgendwie kann ich auch immer noch nicht das Gefühl loswerden, dass ich sie anlüge.

    Solange Du dieses Gefühl hast, lass es auch bleiben. Demente haben ein sehr gutes Gefühl für Stimmungen, die merken, wenn man sie anlügt.


    Was ich meine, Du musst es genauso meinen. Mit der Vorstellung bzw. dem Bild, dass die Mutter auf Wolke 7 oder auf der Regenbogenwiese mit allen unseren Haustieren auf ihre Tochter wartet, kann ich sehr überzeugend sein.

    Wir wissen ja garnicht, ob unsere "Vorausgegangenen" nicht doch um uns herum sind, um auf uns aufzupassen.

  • Liebe alle -


    das mit dem Alter ist anscheinend so eine Sache. Meine Mutter meinte immer "wenn ich die alten Damen sehe, die so nicht mehr können" - und war selbst knappe 80. Sie war auch immer unterschiedlich alt, je nach Tagesform. Vielleicht ist das auch Teil der Demenz. ich habe das auch bei vielen Bewohnern im Heim so mitbekommen.

  • Die Eigenwahrnehmung scheint sich eben sehr zu ändern. Meine Mutter hat mehrfach gesagt, man komme sich vor wie in einem Altenheim 😀 (ich will sie nicht wirklich auslachen, aber ohne Humor hält man das doch alles nicht aus)

  • Da stimme ich dir vollkommen zu liebe Rose60! Meine Mutter sagt auch oft „ich bin hier nur unter alten Leuten“ 😂

    Da kann man doch eigentlich nur drüber lachen….

  • Meine Oma, die nicht dement war und mit 93 Jahren nach nur wenigen Wochen Krankheit zu Hause sterben durfte, erklärte in ihren letzten Jahren aber auch regelmäßig, dass sie ins Altersheim nur zu Besuch bei anderen geht, weil sie sich unter lauter alten Leuten nicht wohl fühlt.

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