Starke Abneigung gegenüber einem dementen Angehörigen

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  • Hallo Zusammen!


    Seit ca. 6 Wochen hat mein „Stiefvater“ die vorläufige Diagnose „mittelgradige Demenz, Alzheimer-Typ“. Es stehen aber noch weitere Untersuchungen beim Neurologen an.

    (Und nachdem was ich beim kurzen Stöbern im Forum gelesen habe, kann ich, oder besser wir, froh sein, ihn überhaupt zum Arztbesuch überredet zu haben.)

    Er ist knapp 89, und körperlich vergleichsweise fit, abgesehen davon, dass er nur noch durch die Gegend schlurft, Unebenheiten im Boden nicht mehr wahrnimmt etc, obwohl die Hausärztin keinen Grund dafür finden kann. Ich denke mal, es wird neurologisch bedingt sein.

    Er lebt seit einigen Jahren, also nach dem Tod meiner Mutter allein, und hat zunehmend weniger Außenkontakte, einfach auch deshalb, weil er sich bei niemandem meldet. Anregungen zu Seniorenaktivitäten incl. Begleitung ignoriert er, oder erfindet Gründe, weshalb ein Telefonat, oder, -Gott bewahre-, ein Treffen mit lebenden Personen, nicht möglich ist.

    Er war früher sehr kontakt- und extrem mitteilungsfreudig.

    Allerdings hatte er schon vor ca. 20 Jahren Symptome, die darauf hinweisen, dass Alzheimer da bereits eine Rolle gespielt hat, so der Neurologe.

    So grob es auch klingt, mein Mann und ich haben ihn schon vor langer Zeit einfach als völlig hohl im Kopf eingestuft, tatsächlich an der Grenze zur geistigen Behinderung (haben wir natürlich nicht gesagt).

    Im Prinzip war es wohl so, dass er vor sich hin starrend in der Gegend rumstand, und meine Mutter ihm Anweisungen gab, was er tun sollte. Völlig verrückt.

    Uns war aber nicht wirklich bewusst, dass das ein pathologischer Zustand sein könnte.

    Und wenn ich ehrlich bin, ich habe auch nicht weiter drüber nachgedacht, weil es so ist, dass er zwar der Mann meiner Mutter war, aber nicht mein leiblicher Vater, und die beiden geheiratet haben, als ich bereits 12 oder 13 Jahre alt war, und mich zu der Zeit eh in der Abnabelungsphase von meiner Familie befunden hatte.

    Ich habe die gemeinsamen 5-6 Jahre unseres Zusammenlebens nur als eine unfassbare Langeweile wahrgenommen.

    Und wenn ich sagen müsste, mit wem ich da zusammengelebt habe, könnte ich nicht antworten, selbst wenn mir jemand eine geladene Waffe an den Kopf halten würde.


    Ich selbst wohne sehr weit entfernt von seinem Wohnort, und bin ortsgebundentätig, sodass sich Besuche in der Vergangenheit auf wenige Male im Jahr beschränkt haben. Wir beide, mein Mann und ich, waren froh über diese Entfernung, weil sich der Kontakt so begrenzen ließ, denn eine wirkliche Kommunikation war zumindest in den letzten 10-15 Jahren nicht möglich. Kann gut sein, das auch noch früher schon so war, weil er wirklich jede Lebensäußerung eines anderen Menschen nur dazu genutzt hat, das Gespräch auf seine - gefühlt hundert Jahre zurückliegenden „Erfahrungen“ - zu lenken. So a la „damals in den Ardennen...

    Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals bei ihm Interesse oder gar Empathie anderen Menschen oder Sachverhalten gegenüber wahrgenommen zu haben. Ich meine, ja, er gibt/gab die üblichen Floskeln von sich, nur wirklich jeder seiner Gesprächspartner hat sie als solche erkennen müssen.

    Aber vielleicht tu ich ihm jetzt Unrecht. Er wirkt auf jeden Fall so lebendig wie ein Stück Treibholz.


    Die jetzige Diagnose erklärt viel, und hilft mir insofern auch bei der Einordnung seiner Symptomatik, also intellektuelles Verständnis: ja, aber je mehr jetzt seine unsympathischen Wesenszüge in den Vordergrund rücken (bedingt durch die Demenz, soviel habe ich durchs Lesen im Forum gelernt, herzlichen Dank Euch allen!), desto weniger mag ich ihn.


    Ich denke, da komme ich nun zu einem wesentlichen Grund für mein Schreiben im Forum. Es wurde schon sehr viel und Kluges zu den verschiedenartigsten „Auswüchsen“ der Demenz gesagt, und auch, wie sehr die meisten meiner Vorschreiber/innen darunter leiden.

    Aber bei meinem sehr kursorischen und unvollständigen Durchlesen fiel mir auf, dass eher wenig, und/oder sehr knapp über die negativen Gefühle gesprochen wurde, die bei den betroffenen Angehörigen auftreten.

    Ja sicher, an der einen oder anderen Stelle wurde von „Wut“ oder Ärger“ oder „Verständnislosigkeit“ geschrieben, aber nicht über das was bei mir vorherrscht, und was sich einfach nur als grenzenlose Abneigung bis hin zum Hass beschreiben lässt. (Meinem Mann geht es übrigens genauso, er hat eine fast körperliche Abneigung gegen meinem „Stiefvater entwickelt.)

    Und ich denke, diese extreme Abneigung ist berechtigt.


    Vielleicht hilft es der einen oder dem anderen sich für diese „bösen“ Gefühle nicht selbst zu geißeln, wenn er/sie liest, dass es auch anderen so ergeht.

  • NoName

    Hat den Titel des Themas von „Starke Abneigung gegenüber einem dementen Angörigen“ zu „Starke Abneigung gegenüber einem dementen Angehörigen“ geändert.
  • Ich möchte zum besseren Verständnis (nicht als Rechtfertigung!) noch Folgendes sagen:

    wir kämpfen seit mindestens 7 Jahren gegen die Ausfallserscheinungen des „Stiefvaters" an. Wir haben inzwischen jede Form der Unterstützung für ihn in Anspruch genommen, die mit seinem Einverständnis möglich war, mit Ausnahme der gesetzlichen Betreuung. Die wird er nun durch Mithilfe eines kirchlichen Trägers bekommen.

    Wir hatten auch schon vor ca. 10 Jahren angeboten, sowohl die Mutter als auch ihn durch Ausbau bei uns im Haus, aber in einer separaten Wohnung unterzubringen. Meine Mutter war einverstanden, ihr Mann nicht.

    Wir haben die Idee dann aufgegeben, und stattdessen den Kauf einer wirklich wunderschönen Wohnung in ein paar Minuten Entfernung zu uns angeboten.

    Ihr ahnt es bereits: Fehlanzeige. 2-3 Tage vor dem vereinbarten Notartermin wurde das Ganze dann von deren Seite abgelehnt, weil 2x am Tag in ca. 100m Entfernung ein Minizug vorbeifährt.


    Und jemand hier im Forum hat es schon geschrieben: die Dementen sind nicht süß vergesslich und tüddelig, jedenfalls nicht die, die ich selbst durch Berichte von betroffenen Freunden/Bekannten kenne.

    Sie sitzen auch nicht friedlich in einem wunderhübschen Garten am Brunnen, und verbringen ihre Zeit mit konzertreifem Pianospiel, wie ich es kürzlich in einem Spielfilm bewundern durfte.

    Nein, es kommt in vielen Fällen einfach dazu, dass nicht die Persönlichkeit des Kranken einfach zerfällt, das wäre schrecklich, aber immer noch zu händeln, sondern es potenzieren sich die wahrscheinlich schon immer vorhandenen negativen Eigenschaften der Person.


    Seid auch vorsichtig mit Vollmachten, welcher Art auch immer.

    Ihr haftet im ungünstigen Fall für das was euer Angehöriger tut, egal ob der Rechnungen nicht zahlt, Mahnungen wegwirft, oder einen Unfall verursacht.

    Zieht im Zweifel den RA eures Vertrauens oder eine sachkundige Sozialstelle hinzu.


    Was ich jetzt abschließend sagen möchte: rettet euch, solang ihr noch könnt.

    Nichts wird besser, aber definitiv wird’s schlimmer. Es ist immer steigerungsfähig.

    Denkt nicht, ihr seid schuld, wenn nichts hilft, was ihr tut.

    Ihr habt auch ein Leben, und in vielen Fällen eine Familie, und die braucht euch lebendig und gesund.


    Edit: ihr werdet wahrscheinlich mit einem schlechtes Gewissen leben müssen, wenn ihr euch zurücknehmt.

    Mir jedenfalls geht es so.

    Aber ich weiß auch, das ich die Entscheidung, nicht mehr persönlich zuständig zu sein, nicht bereue.

    Einmal editiert, zuletzt von NoName ()

    • Offizieller Beitrag

    Hallo @NoName ,


    ich denke, es sind unglaublich viele Variationen und Konstellationen vom "Angehörigensein" vorhanden und denkbar. Alle mit persönlicher (Vor-)Geschichte die in Summe zu ganz vielen unterschiedlichen Verhältnissen führen, im Kontext der Wirkung, die Demenzerkrankungen haben können.
    Wer möchte da urteilen?

    Eine Bekannte von mir (Pflegewissenschaftlerin) meinte mal im Zusammenhang, dass im Rahmen der Versorgung eines Menschen mit Demenz "Beziehungen die früher schon schwierig oder schlecht waren, eher noch schwieriger / schlechter werden.".

    Vielleicht ist da was dran.


    Und jemand hier im Forum hat es schon geschrieben: die Dementen sind nicht süß vergesslich und tüddelig, jedenfalls nicht die, die ich selbst durch Berichte von betroffenen Freunden/Bekannten kenne.

    Sie sitzen auch nicht friedlich in einem wunderhübschen Garten am Brunnen, und verbringen ihre Zeit mit konzertreifem Pianospiel, wie ich es kürzlich in einem Spielfilm bewundern durfte.

    Nein, es kommt in vielen Fällen einfach dazu, dass nicht die Persönlichkeit des Kranken einfach zerfällt, das wäre schrecklich, aber immer noch zu händeln, sondern es potenzieren sich die wahrscheinlich schon immer vorhandenen negativen Eigenschaften der Person.

    Verstehen kann ich gut, dass auch Sie das Zerrbild stört, dass manchmal medial - aber auch von nicht wenigen "Initiativen" transportiert wird. Hübsche Bilder und Videos die einen Alltag suggerieren, der in der Regel nicht gegeben ist.
    Manches davon wirkt regelrecht surreal, vor allem wenn unklar bleibt, dass es Momentaufnahmen sind.
    Aber es sieht halt gut aus und die Realität produziert nicht andauernd wunderbare Bilder und wundersame Geschichten von Leichtig- und Heiterkeit, Malerei und allerlei "demenzbedingt erworbener Kunstfertigkeit".
    Ihnen alles Gute für Ihren Umgang mit der Situation.


    Es grüßt Sie

    Jochen Gust


  • Hallo @NoName ,


    ich denke, es sind unglaublich viele Variationen und Konstellationen vom "Angehörigensein" vorhanden und denkbar. Alle mit persönlicher (Vor-)Geschichte die in Summe zu ganz vielen unterschiedlichen Verhältnissen führen, im Kontext der Wirkung, die Demenzerkrankungen haben können.
    Wer möchte da urteilen?

    Eine Bekannte von mir (Pflegewissenschaftlerin) meinte mal im Zusammenhang, dass im Rahmen der Versorgung eines Menschen mit Demenz "Beziehungen die früher schon schwierig oder schlecht waren, eher noch schwieriger / schlechter werden.".

    Vielleicht ist da was dran.

    jochengust: hm, vielleicht ist das etwas mißverständlich rübergekommen.

    Die Beziehung zu meinem "Stiefvater" war nicht wirklich schlecht, oder schwierig, sie war praktisch nicht existent.

    Wie sollte man auch eine Beziehung zu einem "Mann ohne Eigenschaften" aufbauen? Nein, meine Bezugspersonen waren andere Menschen, und ich könnte wirklich nicht sagen, ob ich ihn damals mochte oder nicht.


    Heute allerdings finde ich ihn äußerst unsympathisch, eben weil sich die auch früher schon in Ansätzen erkennbaren "negativen" Eigenschaften so krass verstärkt und addiert haben.

    Das Gleiche stellen auch meine übrigen Verwandten fest.

    • Offizieller Beitrag

    Hallo @NoName,


    meine Intension war, Verständnis für Ihre Situation und Entscheidungen ein Stückweit zu signalisieren. Sie haben ja in der Vergangenheit dennoch Unterstützung angeboten.
    Auf sich selbst zu achten, das eigene Wohlergehen nicht aus den Augen zu verlieren, ist wichtig - wenn auch keineswegs immer selbstverständlich, gerade bei den sich schleichend entwickelnden Demenzerkrankungen.

    Ihnen alles Gute.

    Es grüßt Sie

    Jochen Gust

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