Schuldgefühle

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  • Liebes Forum,


    ich habe meine demente Mutter über einen Zeitraum von drei Jahren bei mir zuhause betreut und versorgt. Seit nun eineinhalb Jahren lebt sie im Pflegeheim. Ich merke immer wieder, dass die drei Jahre häusliche Pflege an mir nicht spurlos vorbeigegangen sind. Ich erwische mich heute noch dabei, dass ich es mir nicht „gönne“ Dinge zu unternehmen oder unbeschwert Spaß zu haben. Ich habe in diesen drei Jahren mein Leben komplett hinten angestellt, nichts unternommen, immer aus Angst, es könnte irgendetwas in meiner Abwesenheit passieren. Unterstützung oder Hilfe durch meine Geschwister gab es nur in Form von Kritik wenn ich nicht richtig „funktioniert“ habe.

    Meine Mutter plötzlich bei den einfachsten Dingen unterstützen zu müssen habe ich bis heute nicht richtig verarbeitet. Diesen ganzen Zerfall mit anzusehen. Das Auf und Ab mitzuerleben, bei dem sie in klareren Momenten plötzlich anfing zu weinen, weil sie nicht wusste was mit ihr passiert und im nächsten Moment aber die schlimmsten Dinge zu mir sagte. Es tut mir so weh, wenn ich darüber nachdenke, dass ich mit ihr nie wieder so reden und lachen kann wie wir es damals taten. Seitdem sie im Pflegeheim lebt fällt es mir immer schwerer zu ihr zu fahren. Ich erwische mich immer wieder dabei Ausreden zu finden, dabei, mich lieber in Arbeit zu vergraben. Es ist einerseits die Atmosphäre dort die mich bedrückt und zum anderen fällt es mir immer schwerer ihr weiter beim zerfallen zuzusehen. Ich renne davor weg. Und das verursacht in mir extreme Schuldgefühle. Jedes mal wenn ich daran denke, dass sie irgendwann nicht mehr da sein wird überkommt mich die Schuld, weil ich so wenig Zeit bei ihr verbringe. Aber ich schaffe es einfach nicht mich zu überwinden.

  • Hallo Pfingstrose, erst einmal herzlich willkommen hier im Kreis derer, die alle ähnliche Belastungen erlebt haben, noch mitten drin stecken und mitfühlen können.

    Du hast Dich verausgabt, Dich voll für Deine Mutter eingebracht, ohne Hilfe derer, die als Deine Geschwister ihr genauso nahegestanden hätten. Stattdessen wussten sie wohl manches "besser". Das belastet sehr. Davon abgesehen, dass die Betreuung und Pflege an sich schon eine große Belastung ist, wie Du ja jetzt deutlich spürst.

    Du steckst jetzt noch in einer Umstellung, in der noch nicht alles aus diesen drei Jahren Pflege verarbeitet ist und gleichzeitig musst Du Dich mit den zunehmenden Veränderungen und dem Abschied von Deiner Mutter , so wie sie war, auseinandersetzen. Also letztlich eine Form von Trauer.

    Das ist eine große Belastung, zumal Du ja nicht weißt, nicht wissen kannst, was noch alles auf Dich zu kommt.

    Dass Dir da oft die Kraft und der Mut fehlt, Dir das Leid wieder direkt anzusehen sprich, Deine Mutter zu besuchen, ist absolut menschlich und wohl auch ein Selbstschutz, damit Du nicht allzu sehr über Deine Grenzen gehst.

    Niemand, auch Deine Mutter hat etwas davon, wenn Du etwas auf Dich nimmst, was Dich überfordert. Das hat mit Schuld überhaupt nichts zu tun.

    Zumal die Besuche bei ihr ja auch sehr gemischt und für Dich sehr belastend zu verlaufen scheinen. Kannst Du bei Deiner Mutter überhaupt noch Freude dran erkennen? Sicher werden Dir hier noch einige Teilnehmer*innen von ihren Erfahrungen schreiben, die selbst mehr derartige Erfahrungen haben als ich (meine Mutter lebte 400km von mir entfernt und war nicht im Heim). Aber ich kann Dir eines ganz sicher sagen: Schuld hast Du keine, weil Dir die Besuche so schwer fallen bis unmöglich sind.

  • Die Schuldgefühle sollten deine Geschwister haben, die dich drei Jahre lang mit der Arbeit und vor allem der Verantwortung allein gelassen haben. Kann es sein, dass sie jetzt mit Sprüchen wie: "Ich wusste immer, dass du das nicht schaffen würdest" um die Ecke kommen? Ich kenne das zur Genüge. Nicht du hast versagt, sie haben versagt. Sie haben dich mit einer Aufgabe allein gelassen, die für einen Menschen zu groß ist, wenn es nicht wenigstens zweitweise eine Ablösung gibt.

  • Seitdem sie im Pflegeheim lebt fällt es mir immer schwerer zu ihr zu fahren. Ich erwische mich immer wieder dabei Ausreden zu finden, dabei, mich lieber in Arbeit zu vergraben. Es ist einerseits die Atmosphäre dort die mich bedrückt und zum anderen fällt es mir immer schwerer ihr weiter beim zerfallen zuzusehen. Ich renne davor weg. Und das verursacht in mir extreme Schuldgefühle. Jedes mal wenn ich daran denke, dass sie irgendwann nicht mehr da sein wird überkommt mich die Schuld, weil ich so wenig Zeit bei ihr verbringe. Aber ich schaffe es einfach nicht mich zu überwinden.

    Liebe Pfingstrose. Willkommen im Forum. Dem was ecia schreibt muss man eigentlich nichts hinzufügen.

    Aber was ich noch sagen kann:

    Es geht (ging) mir 1:1 fast genauso. Ich (allein mit meinem Mann) habe lange Zeit meine demente Mutter zu Hause betreut. Die Probleme wurden allerdings immer größer.


    Nun ist sie seit knapp drei Jahren in einem liebevollen Pflegeheim. Sie spricht nun mit mir überhaupt nicht mehr, begegnet uns entweder (manchmal) mit halbwegs freundlicher oder (meist) völlig unbeteiligter Mine. Wir besuchen sie zweimal pro Woche, aber immer nur für kurze Zeit ... und im Kontext der Pfleger(innen) und anderen Bewohner(innen).


    Sowohl sie als auch ich profitieren beinahe NULL von diesen Besuchen. Warum ich trotzdem hingehe? Ich glaube, es waren zuerst tatsächlich (wie bei dir) Schuldgefühle und der Gedanke: Wie kann ich mich des Lebens freuen, wenn meine arme Mutter so krank ist. Übrig geblieben sind heute Gefühle der absoluten inneren Verpflichtung, die zu mir gehören: Ich bin eben so ... und dann mache ich das so. Außerdem ist es gut, wenn ich bei den Pflegekräften Präsenz zeige und oft wird dies und das benötigt, das ich besorgen muss.


    Es gab in den drei Jahren viele (schwer!) depressive Phasen bei mir, aus denen ich mich aber nur selbst befreien konnte. Manchmal half auch der Kontakt im Forum.


    Ich habe mich dann gezwungen, in den Urlaub zu fahren, so dass ich mal zwei oder drei Wochen nicht hingehen konnte. Inzwischen fällt mir das leichter als am Anfang.


    Es ist wirklich so, dass der Zeitfaktor eine Rolle spielt (Zeit heilt Wunden!) und dann hilft es mir noch, ab und zu an meine eigene wachsende Bedürftigkeit zu denken. Ich konzentriere mich z.B. immer mal bewusst darauf, dass ich körperlich auch nicht so wenige Handicaps habe .... oder ich schau mal bewusst in den Spiegel, um darin mein älter gewordenes Gesicht zu sehen und mir zu sagen, dass auch für mich die Lebenszeit dahin schwindet und ich ja auch MEIN Leben leben muss.

    Außerdem nützen meiner Mutter meine Schuldgefühle überhaupt nicht.


    Vielleicht ist etwas von meinen Erfahrungen für dich dabei, was dich weiter bringt?

    Sage dir aber bitte immer, dass es sich um einen Prozess handelt - es ist meist nicht von einem auf den anderen Tag alles wieder gut und normal. Es dauert ..., aber es WIRD BESSER!

  • Liebe Pfingstrose,

    wenn wir Kinder großziehen, erkennen wir den Fortschritt und freuen uns daran. Wenn wir Kranke pflegen, bringen wir Menschen ins Leben zurück - oder schließen zusammen mit ihnen ihr Leben ab. Diese Selbst-Belohnung aus der guten Tat fehlt bei der Pflege eines Demenzkranken völlig. Wir können uns abstrampeln, so viel wir wollen, die Situation wird nicht besser, sondern immer schlimmer. Demenz ist eine teuflische Krankheit. Sie bringt die Pflegenden an ihre Grenzen und darüber hinaus.
    Vielleicht hilft es, wenn du dir Ziele setzt, die du ohne Schmerzen erreichen kannst: z.B. regelmäßige Besuche im Heim, aber ohne die Mutter zu sehen - nur um mit den Pflegerinnen zu reden.

    Lieben Gruß!
    Buchenberg

  • Liebe Pfingstrose,

    ich weiß genau, wie du dich fühlst, wie du empfindest.

    Es ist eine Trauer, die du dir nicht zugestehst, weil trauern darf man ja erst, wenn jemand endgültig gegangen ist.

    Ich frage dich: wieso eigentlich?

    Ist es nicht doch so, dass man trauert, wenn man etwas verloren hat?

    Du hast jetzt schon etwas verloren und das darfst, nein, das musst du betrauern um dann mit der neuen Situation umgehen zu können.

    Du hast den Weg ins Forum hier gefunden und das ist sehr gut!

    Seit ich mich hier angemeldet habe, und das ist erst eine Woche her, hat bei mir ein Denk- und Lernprozess angefangen, was mir so unglaublich hilft. Dank der verständigen und so hilfreichen Menschen hier.


    Du denkst, dass du dich nicht freuen kannst/darfst, weil sich deine Mutter nicht mehr freuen kann?

    Hey, denk mal nach, als du klein warst, oder als du ein Schulkind oder Lehrling, oder Studierende warst und Stress hattest, lernen musstest oder sonst irgendwelche Probleme bewältigen musstest, ob sich deine Mutter da nicht doch die eine oder andere Freude gegönnt hat? Jetzt habt ihr die Seiten gewechselt.

    Das, was ich hier schreibe, mag hart klingen, aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass alles eine Zeit hat. Und dass Zeiten sich ändern.

    Und dass man nicht krampfhaft etwas festhalten kann.

    Ich wünsche dir den Mut, deine Trauer, Wut und auch Enttäuschung zuzulassen, es wird dir helfen.

    LG

    Thea

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Pfingstrose, auch von meiner Seite "Willkommen" in unserem Forum!

    Den so wertvollen Beiträgen möchte ich nur das hinzufügen, was ich eben auf Theas Anliegen geschrieben habe: "Das schlechte Gewissen in kein guter Ratgeber" aber wir wissen alle hier, wie schwer es ist, sich davon zu lösen und mit bestem Gewissen danach zu suchen, diese unerträglichen Besuche mit Sinn zu füllen.


    Wie dies gelingen kann, durfte ich in jedem der Beiträge lesen und ich könnte alles noch mal wiederholen!


    Ihnen wünsche ich eine gute Entscheidung für Ihren (hoffentlich nicht zu langen) Weg, wie Sie mit dieser Lage umgehen.

    Sie haben genug Zeit, denn Ihre Mutter ist versorgt!

    Alles Gute Ihr Martin Hamborg

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