Melodien hören- Anzeichen für Demenz?

  • Hallo, meine 93-jährige Oma war bis vor kurzem noch geistig fit. Sie trägt ein Hörgerät und hört trotzdem relativ schlecht. Seit einigen Wochen klagt sie über laute Musik, die sie nicht schlafen lässt. Es sei immer dieselbe Musik, die sie nachts aus dem Bett reißt. (Am Tag hört sie sie auch, jedoch nicht so laut) Fakt ist, dass keine Musik spielt. Dazu ist auffällig, dass sie uns zu der Musik stets eine fiktive Geschichte (Halluzination?) auftischt. Sie erzählt von kochenden Frauen nebenan, welche die Musikanlage bedienen und Männern, die sich mit der Musikanlage beschäftigen. Sie war noch niemals in der Wohnung nebenan. Zudem gibt sie an, nachts sogar die Nachbarn zu hören, die murmelnd in den Betten liegen und sich über die laute Musik ärgern. (Sie hat nachts ihr Hörgerät draußen und es ist wäre auf keinen Fall für sie möglich, die Nachbarn murmelnd in den Betten zu hören) Kann sie langsam die Realität nicht mehr von Fiktion unterscheiden? Kann man etwas dagegen tun? Wird sich das noch ausbreiten? Wie können wir ihr helfen? Als wir ihr gestern gesagt haben, dass sie sich die Geräusche einbildet, hat sie geweint, weil sie Angst hat, verrückt zu werden.

    • Offizieller Beitrag

    Sehr geehrte Fragenstellerin, sehr geehrter Fragensteller!


    Im hohen Lebensalter kann durchaus eine Wahrnehmungsstörung wie die von ihrer Großmutter erlebte akustische Halluzination auftreten. Es gibt viele mögliche Ursachen dafür - eine ist beispielsweise ein dementieller Prozess, der bei über 90 jährigen Menschen schätzungsweise in mindestens 30-40 Prozent der Fälle vorliegt. Dies wäre die plausibelste Erklärung für das Phänomen. Andere Erklärungen wären etwa Nebenwirkungen von Medikamenten, z.B. im Rahmen von Cortisoneinnahme, eine ständige Übermüdung mit Neigung zur Fehlverarbeitung akustischer Reize oder aber andere organische Veränderungen des zentralen Nervensystems. So kann z.B. auch ein Akustikusneurinom meist einseitige Veränderungen sowohl der Lautstärkeempfindung von Höreindrücken wie auch akustische Trugwahrnehmungen bedingen.
    Wenngleich Ihre Großmutter bereits ein hohes Lebensalter mit bisher guter geistiger Leistungsfähigkeit erreicht hat, kann eine einmalige bildgebende Diagnostik des Gehirns (z.B. MRT des Schädels) Klarheit hinsichtlich organischer Ursachen der akustischen Halluzinationen schaffen.


    Medikamentös können bei hartnäckigen und subjektiv sehr beeinträchtigenden Halluzinationen auch Psychopharmaka - genauer gesagt Antipsychotika - zum Einsatz kommen. Es gibt gute Daten hinsichtlich der Wirksamkeit und Verträglichkeit dieser Wirkstoffe auch bei älteren Patienten. Dabei sollten sogenannte atypische Antipsychotika wegen des günstigeren Nebenwirkungsprofils bevorzugt werden. Eine dieser Substanzen (neben anderen gleichwertigen) ist etwa Amisulprid (Wirkstoff). Eine Dosierung von 25 bis 50 mg zur Nacht könnte die Symptome möglicherweise günstig beeinflussen. Im täglichen Umgang mit Ihrer Großmutter sollten sie die inhaltliche Diskussion über Einzelheiten der erlebten akustischen Halluzinationen eher vermeiden oder ausweichend antworten, da sonst mehr Verunsicherung und Angst entstehen kann.


    Ihrer Großmutter und Ihnen wünsche ich alles Gute!


    Mit freundlichen Grüßen,


    Dr. E. Kaiser

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