Gespräche mit Demenzkranken - welche Themen?

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  • Hallo,


    mein Vater leidet, wie bereits in einem anderem Beitrag beschrieben, seit ca. 3,5 Jahren an einer Alzheimer-Demenz. Wenn sich die Familie bei meinen Eltern trifft, geschieht es sehr häufig, dass mein Vater zwar mit am Tisch sitzt, aber sich an den Gesprächen überhaupt nicht mehr beteiligt bzw. beteiligten kann. Grund hierfür ist meines Erachtens, dass die Familie bislang noch nicht realisiert hat, dass nur noch einige wenige Gesprächsthemen in Betracht kommen und viele aktuelle Themen, die bei uns meistens besprochen werden, für ihn eine Überforderung darstellen. Außerdem wird meistens auch sehr schnell und hektisch sowie zu leiste geredet.


    Könnten Sie mir sagen, wie und über was man am besten mit einem Demenzkranken spricht? Sollte man ihn häufig nach seinen Kindheitserinnerungen fragen? Sollte man möglichst wenig über aktuelle Geschehnisse sprechen? Macht es Sinn, häufig alte Fotoalben anzuschauen?
    Sollte man einfache Formulierungen wählen?


    Wäre Ihnen für eine kleine Auflistung sehr dankbar, damit ich diese dann auch meiner Familie zeigen kann. Manche glauben es halt erst, wenn es schwarz auf weiß vor ihnen liegt....


    Vielen Dank und freundliche Grüße
    Sissi172

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sissi,


    auf die Schnelle (da ich gleich in die Schweiz reisen muss): Einfacher und deutlicher (aber nicht babyhaft!) sprechen sollte man je nachdem, wie gut Ihr Vater Sprache noch versteht, schon. Ein kleines bisschen lauter eventuell auch - aber bloß nicht schreien, das wird als aggressiv und befremdlich wahrgenommen.


    Generell ist Sprechen über aktuelle Themen schwieriger. Das bedeutet aber nicht, dass man auf die völlig verzichten sollte - schließlich sagen viele Menschen mit Demenz sehr deutlich, dass sie durchaus noch an unserer gemeinsamen Realität interessiert sind und nicht zu früh auf ihre Biografie, bzw. ihre Kindheit reduziert werden wollen. Man sollte ihnen also nicht zu früh zu wenig zutrauen. Außerdem - vielleicht hört er ja auch gerne mal zu?


    Fotoalben und Themen aus der Kindheit sind dann gut, wenn Ihr Vater selber darauf zu sprechen kommt, oder sichtlich Erleichterung und Spaß dabei empfindet. Themen, die die Betroffenen selber ansprechen (das kann je nach Krankheitsstadium und Persönlichkeit ein Hobby, ein Lebensstolz auf Erreichtes,die Enkel, der Garten, sogar Tagespolitik sein!), sind am besten geeignet. Wenn ihr Vater Musik mag und vielleicht sogar in einem Chor gesungen hat, ist Singen auch sehr wertvoll. Melodien und Liedertexte vergessen Menschen mit Demenz nämlich sehr viel langsamer als alles andere, und entsprechend fühlen sie sich beim Singen kompetent und haben ein Erfolgserlebnis (vor allem, weil sie oft mehr Strophen beherrschen, als die meisten von uns später Geborenen).


    Probieren geht über Studieren - viel Erfolg also! :)


    Svenja Sachweh

  • Vielen Dank!
    Darf ich noch eine Frage hinterher schieben?
    Mein Vater sollte eigentlich nicht mehr selber Auto fahren, tut es aber noch auf kurzem, ihm sehr vertrauten Strecken (Weg zum Supermarkt und zurück). Aber auch hierbei habe ich mittlerweile ein schlechtes Gefühl.
    Das Problem ist, dass meine Mutter, die auch noch fährt und auch noch ziemlich sicher, ihn fahren lässt, wenn er es möchte und dies wohl auch künftig tun würde, selbst wenn ich sie bitten würde, dies nicht mehr zuzulassen.
    Ich überlege deshalb, das Auto meiner Eltern unter einem Vorwand auszuleihen und es dann einen Unfall erleiden zu lassen, damit sie nicht mehr fahren können. Allerdings wird dies definitiv zur Folge haben, dass meine Eltern an den noch vorhandenen gesellschaftlichen Aktivitäten nicht mehr teilnehmen werden (Kegelclub, Kaffeekränzchen etc.) und dadurch auch fast niemanden mehr treffen werden. Da sie einer Generation angehören, für die Taxi fahren nur in absoluten Notfällen in Betrach kommt, weiß ich nicht, wie diese Problematik lösen könnte.
    Haben Sie eine Idee?


    Freundliche Grüße
    Sissi

    • Offizieller Beitrag

    Sehr geehrte Sissi,


    zum Autofahren verweise ich auf diesen Thread: http://www.wegweiser-demenz.de…no_cache=1&tx_mmforum_pi1[action]=list_post&tx_mmforum_pi1[tid]=31


    Wegen dem Transportproblem: Ich kenne es durchaus so, dass bestimmte Ehrenamtler (Seniorenbüro) für wenig Geld auch diese Fahrten mit übernehmen. Das hat dann vielleicht weniger "Taxicharakter". Vielleicht gibt es auch Nachbarn, Freunde oder jemanden Drittes den Sie dazu bitten könnten?


    Es grüßt Sie


    Jochen Gust

    • Offizieller Beitrag

    Hallo liebe Sissi,


    das ist schon eine schwierige Entscheidung - Teilnahme am sozialen Leben gegen Verkehrssicherheit.


    Wenn Ihre Eltern auch der "sparsamen" Generation angehören, hilft vielleicht zusätzlich, einmal vor Augen zu führen, dass 1-2 Taxifahrten in der Woche viiieeel billiger sind als der Unterhalt eines eigenen Autos. Man muss nie wieder tanken, nie wieder in die Werkstatt, nie wieder Reifen wechseln und keine Versicherung mehr bezahlen... und kann jederzeit auch ein Gläschen Wein oder Bier zusammen genießen.
    Sie können ja sagen, dass Sie Ihren Eltern das von Herzen gönnen und auch bereit sind (wenn das finanziell möglich ist), einen Teil der Kosten zu übernehmen.


    Die Kombination dieser Argumentation mit dem Vorschlag von Herrn Gust, einen Seniorendienst oder Nachbarschaftshilfe für die Transporte in Anspruch zu nehmen, so dass Ihre Eltern nicht jedes Mal sehen, wie viel das kostet (weil Sie es vorab für sie regeln und bezahlen), wäre vielleicht auch gut...


    Ich drücke die Daumen, dass Sie das Auto nicht zu Schrott fahren müssen! :)


    S. Sachweh

  • Herzlichen Dank für die Antworten!
    Das Argument mit dem Geld (Taxi fahren ist günstiger als ein Auto zu unterhalten) habe ich schon häufiger angebracht, überzeugt meine Eltern aber leider nicht. Ich glaube, Taxi fahren ist für sie so, als würde man auf zu großem Fuße leben. Was sie mir zum Beispiel unterstellen, wenn ich mir im Restaurant nach dem Essen noch einen Cappuccino bestelle. Ein Nachtisch wäre aber total okay....


    Ich bin mittlerweile für mich zu dem Ergebnis gekommen, dass nur ein Weg in Betracht kommt, der nichts mit der Familie zu tun hat, sondern von außen an meinen Vater herangetragen wird. Ich werde deshalb die Führerscheinstelle kontaktieren. Erst hatte ich Skrupel und fand diesen Schritt zu hart, aber ich denke, nur so kann man erreichen, dass er nicht mehr fährt und trotzdem auf keines seiner Familienmitglieder sauer ist. Denn wenn ich ihn beispielsweise bitte, nicht mehr zu fahren, wird er sehr ärgerlich, weil ich ihm damit ja unterstelle, er könne nicht selbst einschätzen, ob er noch fahren kann oder nicht. In dem Zusammenhang verweist er auf seine Studienabschlüsse, seine beruflichen Erfolge und und und... Ihm ist auf diesem Wege einfach nicht beizukommen. Also muss ich wohl leider als "Petze" fungieren...


    Viele Grüße
    Sissi172

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Sissi,
    ich finde Ihren Entschluß sehr gut - schließlich wirds beim Autofahren schnell gefährlich. Könnten Sie vielleicht jemand Drittes biten, diese Meldung an die Führerscheinstelle zu machen? Eventuell den Hausarzt einbeziehen?


    Es grüßt Sie


    Jochen Gust

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