Plötzlich Demenz innerhalb weniger Tage?

  • Guten Abend,


    ich habe eine Frage zu meiner Oma die derzeit im Krankenhaus liegt und uns alle sehr ratlos stimmt. Die Situation ist folgende:
    Meine 88 jährige Oma war bis vor einer Woche geistig top fit! Da wir lange Zeit ein drei Generationen Haus waren ist sie sowohl geistig als auch im Herzen jung geblieben, sie las jeden Tag die Tageszeitung von vorne bis hinten durch, machte viele Kreuzworträtsel, telefonierte täglich mit Verwandten und Bekannten, war an allem rege interessiert und konnte sich problemlos selbst versorgen.
    Lediglich ihre schwere Knieathrose machte ihr die letzten Wochen über zu schaffen. Das meine Oma eine Schilddrüsenentfernung in jungen Jahren hatte und dadurch schon immer mit Übergewicht kämpft (sie wiegt rund 110kg) macht es für die Gelenke nicht einfacher.


    Die letzten Wochen waren die Schmerzen so schlimm das sie kaum noch laufen konnte und sie bekam von ihrer Hausärztin Kortison verschrieben. Anfangs wirkten die Tabletten super, dann auf einmal gar nicht mehr. Letzte Woche Donnerstag fing es an das sie hin und wieder einen Satz sagte der verdreht war und ohne Sinn, Freitag sagte sie sie blickt bei ihren Tabletten nicht mehr durch (sie hat einen Medikamentenplan und es gab nie Probleme).
    Samstag passierte es dann, sie benutze ihren Rollator und lief damit in die Küche, die Bremsen haben nicht gegriffen, sie fuhr den Rollator gegen den Tisch die Gehhilfe rutsche darunter und sie fiel auf den Boden. Dort fand sie schließlich mein Vater. Sie lag da bereits 3-4 Std, war dämmrig, hatte fürchterliche Schmerzen und war nicht in der Lage aufzustehn. Wir riefen den Krankenwagen.
    Im Krankenhaus stellte sich heraus das sie mit ihren Medikamenten wohl überdossiert war, vor allem die Kombination aus hochdossiertem Calcium und Vitamin D Tropfen (Hypercalcämie?) soll schuld daran sein. Ihre Nierenwerte waren schlecht.
    Jetzt zu meiner eigentlichen Frage, seit sie im Krankenhaus ist ist sie nicht wieder zu erkennen. Sie fantasiert und halluziniert, sieht Dinge und Menschen an einer nackten weißen Zimmerwand.
    Erzählt wer heute schon da war (meist bereits seit Jahrzehnten verstorbene Menschen), sie denkt das Krankenhauspersonal beißt sie weil sie Blutergüsse von den Infussionen hat. Sie sagt die stecken alle unter einer Decke und wollen sie umbringen, meine Mutter hätten sie auch schon eingewickelt, sie hat einen regelrechten Verfolgungswahn.
    Sie wehrt sich gegen Spritzen und Medikamente, nimmt es nur wenn meine Mutter auf sie einwirkt. Sie weiß nicht wo sie ist, denkt sie wäre daheim, sieht Bilder und Szenen vor sich und behauptet sie würde von den Schwestern misshandelt und gequält.
    Ihren Ur-Enkel sieht sie als Hund, denkt ich habe einen Hund auf dem Schoß sitzen wenn wir sie besuchen.


    Die Ärzte sagen das wäre eine Übergangsphase, hinge mit dem Schock zusammen und würde wieder besser werden. Bisher wurde es jedoch nur schlimmer.
    Einen Schlaganfall hatte sie laut Untersuchung nicht.


    Wir sind völlig ratlos, sie soll nächste Woche heim kommen in diesem Zustand. Ein Krankenbett und Rollstuhl haben wir beantragt, aber wir wissen nicht wie es weitergeht, meine Mutter ist voll berufstätig, wir müssen wohl eine Pflegerin anfordern, alles ist jetzt anders.


    Kann Demenz denn so plötzlich auftreten? Ausgelöst durch einen Schock? Kann es tatsächlich wieder besser werden? Wir verstehen nicht wie so etwas innerhalb einer Woche auftreten kann...


    Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen da wir wie gesagt vor einem großen Rätsel stehen und die Ärzte auch nicht wirklich überzeugt wirken von dem was sie uns dazu sagen können...
    Vielen Dank,
    V.H.

    • Offizieller Beitrag

    Sehr geehrte Fragenstellerin, sehr geehrter Fragensteller!


    Die Symptome, die bei Ihrer Großmutter vorliegen, können sehr viele Ursachen haben. Ein Schlaganfall ist durch die angeordneten Untersuchungen der behandelnden Ärzte offenbar bereits ausgeschlossen. Weiterhin ist in der Tat denkbar, daß Veränderungen von Kalziumionen und Vit D Spiegel in Verbindung mit anderen Stoffwechselveränderungen psychische Störungen begünstigen können. Auch unter Cortisoneinnahme können z.t. ausgeprägtere und länger anhaltende psychotische Zustände, aber auch Angstzustände oder depressive Verstimmungen auftreten.


    Da ich Ihre Großmutter nicht persönlich kenne und sie auch im Verlauf nicht behandelt habe, kann ich natürlich keine Ferndiagnose stellen. Andererseits sprechen viele Anhaltspunkte für ein sogenanntes Delir, das mit den von Ihnen genannten psychopathologischen Auffälligkeiten Ihrer Großmutter durchaus vereinbar wäre. Häufig zeigen Patienten auch nach dem Abklingen der dramatischsten Symptome eines Delirs (Halluzinationen, Wahn, formale Denkstörungen) noch kognitive Einbußen, da sich bei älteren Menschen dann erst eine Demenz "demaskiert". Vielleicht besprechen sie dies noch einmal mit den behandelnden Ärzten und erwägen gemeinsam, ob eine vorsichtige Eindosierung von Antipsychotika zur Delirbehandlung indiziert ist.


    Ich wünsche Ihrer Großmutter und Ihnen alles Gute in dieser schwierigen Situation!


    Mit freundlichen Grüßen,


    Dr. E. Kaiser

  • Hallo zusammen,
    die Überschrift sprang mich geradezu an. Genau diese Frage hatte ich in den letzten beiden Jahren nach den verschiedenen Krankenhausaufenthalten meiner Mutter (damals auch 88 Jahre alt und alleinlebend, fit) verschiedenen Neurologen gestellt: kann man plötzlich dement werden? Einhellige Antwort: nein, Demenz entwickelt sich über einen längeren Zeitraum. Ich bekam wahlweise zu hören: Epileptischer Anfall, Durchgangssyndrom nach OP, Delir, posttraumatische Belastungsstörung (mein Vater war gerade an Krebs verstorben), Altersdepression. Ein Schlaganfall wurde jedes Mal ausgeschlossen.
    In Wirklichkeit war es eine Lewy-Körper-Demenz. Meine Mutter erholte sich auch jedes Mal körperlich und psychisch so leidlich. Ich habe unsere Geschichte hier im Forum auch schon irgendwo aufgeschrieben, es waren so entsetzliche Jahre, bis wir endlich die Diagnose bekamen. Die Wahnvorstellungen und Halluzinationen wurden mit Medikamenten behandelt (musste sein!). Die Demenz verstärkte sich dadurch. Uns hilft das Wissen um diese Krankheit nichts mehr. Aber was wäre uns erspart geblieben, wenn ein Arzt meine Schilderungen ernst genommen hätte. Über das Auf- und-Ab im Wochen- später im Tagesverlauf, die aktiven Träume, die Stürze, die Inkontinenz, das Zittern ...
    Ich habe festgestellt, dass diese Art von Demenz noch sehr unbekannt bei den Ärzten zu sein scheint (Entschuldigung, falls ich damit jemand zu nahe trete). Ich kenne keine Ihrer Großmütter. Aber bitte, fragen Sie danach, ob diese Art der Demenz ausgeschlossen werden kann!
    Alles Gute für Sie und Ihre Angehörigen!

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