Alzheimer oder schwere Depression

  • Meine Schwiegermutter ist 65 Jahre alt. Seit einigen Jahre fällt uns ihre zunehmende Vergesslichkeit, ihre Antriebslosigkeit und ihre Stimmungsschwankungen auf. Nach Zureden war sie bereit, sich neurologisch untersuchen zu lassen. Es wurde eine Kernspinttomographie und verschiedene Test (Uhrentest) durchgeführt.
    Was mich etwas verunsichert ist, dass lt. dem Attest des Neurologen, neurologisch keine Normabweichungen zu finden sind. Bei den neuropsychologischen Test zeigt die in allen Bereichen voll orientierte Patientin deutliche Defizite beim Kurz- und Langzeitgedächtnis, beim Rechnen und im visuo-konstruktiven Bereich. (Zitat aus dem Attest)
    Nun meine Frage: Sind bei einer Demenz-Alzheimer nicht Eiweißablagerungen am Röntgenbild zu erkennen. Wenn neurologisch keine Normabweichungen zu finden sind, handelt es sich dann um Alzheimer?
    Ich würde mich über eine Antwort sehr freuen.

    • Offizieller Beitrag

    Sehr geehrter Fragensteller!


    Die für die Alzheimer-Erkrankung typischen Eiweißablagerungen (Amyloid-Plaques) lassen sich in bildgebenden Untersuchungen des Gehirns nicht direkt darstellen - weder in einer einfachen Röntgenaufnahme noch im CT oder MRT des Schädels. Experimentelle nuklearmedizinische Methoden zur Darstellung der Amyloidlast des Gehirns sind noch nicht im klinischen Alltag verfügbar. Im Falle einer beginnenden Demenz vom Alzheimer-Typ findet sich aber häufig eine Hirnvolumenminderung in bestimmten Hirnarealen - etwa dem medialen Temporallappen und insbesondere der Hippocampusregion, teilweise auch in parietalen Hirnarealen. Auch Schlaganfälle im Thalamus können ausgeprägte Einschränkungen von Merkfähigkeit u. Gedächtnisleistung hervorrufen. Das MRT Ihrer Schwiegermutter sollte noch einmal genau mit diesen Zusatzinformationen auf das Vorhandensein von Veränderungen in den genannten Bereichen befundet werden. Den klinisch und testpsychologisch bei Ihrer Schwiegermutter geschilderten Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit können in der Tat beginnende hirnorganische Veränderungen in den oben angegebenen Bereichen zugrundeliegen. Allerdings muß der Radiologe diese Veränderungen gezielt suchen. Teilweise geschieht dies nur eingeschränkt, da nach anderen pathologischen Veränderungen wie einem Tumor, Gefäßveränderungen, Schlaganfallfolgen oder Hinweisen für Entzündungserkrankungen Ausschau gehalten wird. Sprechen Sie zunächst noch einmal mit Ihrem Neurologen und bitten Sie Ihn, sich ggfs. zusammen mit dem Radiologen, der das MRT durchgeführt hat, die Bildgebung anzusehen. Sie können sich in der Folge auch an eine Gedächtnisambulanz wenden, falls Sie noch unsicher sind. In diesem Rahmen kann zusätzlich auch eine Nervenwasseruntersuchung (Liquordiagnostik) erfolgen, mit deren Hilfe das Vorliegen einer beginnenden Demenzerkrankung besser eingegrenzt werden kann. Dazu werden sogenannte Abbaueiweiße im Nervenwasser bestimmt (Tau-Proteine), anhand derer sich der zu erwartende weitere Verlauf des Abbaus der Hirnsubstanz besser abschätzen läßt. Die Liquordiagnostik bleibt allerdings eine ergänzende Methode im Rahmen der Demenzabklärung.


    Falls sich weder in der Bildgebung des Gehirns noch in der Liquordiagnostik und weiteren Laboruntersuchungen (z.B. Schilddrüsenhormone, Vitamin B12, Folsäure, Elektrolyte, Infektionsparameter, Borrelien-Serologie) Veränderungen feststellen lassen sollten, muss bei der Symptomatik Ihrer Schwiegermutter differentialdiagnostisch auch an eine sogenannte Pseudodemenz im Rahmen einer depressiven Erkrankung gedacht werden. Diese Diagnose läßt sich aber erst stellen, wenn sich kein pathologischer organischer Befund nachweisen läßt.



    Mit freundlichen Grüßen,


    Dr. E. Kaiser

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