schlechtes Gewissen

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  • seit einem Jahr hat meine Frau, die wie ich 60 Jahre alt ist, Demenz. Sie betreibt keinerlei Körperpflege mehr, ißt kaum noch etwas, ist verbal sehr aggressiv und vorwurfsvoll und mißtrauisch. Ich bin an allem Schuld. Manchmal kann ich das fast nicht mehr ertragen, jedoch versorge ich sie und betreibe neben meinem Beruf den vollen Haushalt.
    In der Nachbarschaft hatte ich lange versucht dies zu verheimlichen oder runter zu spielen. Jetzt versuche ich wieder Kontakt mit alten Freunden aufzunehmen. Diese fragen nach meiner Frau und wundern sich, warum sie nie mitkommt. Jetzt stehe ich davor auch mit diesem Kreis über meine Frau zu sprechen. Das kommt mir aber wie Verrat an meiner Frau vor und ich habe ein schlechtes Gewissen.


    Gruß an alle

    • Offizieller Beitrag

    Hallo lieber "nur60",


    jeder, der weiß, in welcher Not sich pflegende Angehörige (zumal in Ihrem Alter) befinden, kann es gut verstehen, wenn zunächst das Bedürfnis nach Vertuschen und Verschweigen groß ist. Wer in der breiten Bevölkerung weiß schon, dass die Krankheit einen auch in so jungen Jahren treffen kann? Wer kann als Betroffener glauben, dass die Diagnose wirklich korrekt ist?
    Es ist aber ungemein wichtig, zu erkennen, dass fortwährendes Verleugnen und Vertuschen letztlich der größere Verrat an Ihrer Frau wäre: Erstens kann sie ja nichts für ihre Krankheit. Zweitens brauchen Sie als Geldverdiener, Hausmann und Pflegender für sich selbst und Ihre Gattin alle Energie und Kraftreserven, die Sie haben - und die vergeuden Sie sozusagen mit den nervenaufreibenden Bemühungen, ihren Zustand vor der Umwelt zu verstecken.
    Ich würde Ihnen unbedingt Mut machen wollen, Freunde und Nachbarn einzuweihen - und sich vielleicht dafür Rückendeckung und Unterstützung durch eine Angehörigen-Selbsthilfegruppe zu suchen. Sicher, es gibt immer welche, die sich aus Unwissen und irrationalen Ängsten heraus zurückziehen - aber isolierter und einsamer als gerade jetzt können Sie ja ohnehin kaum werden, oder? So manche Menschen, die in einer ähnlichen Lage wie sie steckten, haben berichtet, dass Ihnen ein Stein vom Herzen gefallen ist, nachdem sie sich der Welt offenbart (und sich damit zum Erkrankten, dem eigenen Verantwortungsgefühl, der Liebe, der Beziehung... bekannt) hatten - und sie tatsächlich Helfer und verständnisvolle Ansprechpartner gefunden haben.


    Und zu dem von Ihnen geschilderten Verhalten Ihrer Frau: Wissen Sie, welche Form der Demenz vorliegt? Das apathische, gleichgültige Verhalten kann demenzbedingt sein, aber auch auf eine häufig zusätzlich vorkommende Depression hinweisen. Insofern würde ich dringend noch einmal mit dem Hausarzt, oder besser einem Fachmann aus Memorykliniken, oder einem Neuropsychologen Rücksprache halten und besprechen, ob sie vielleicht ein anderes, oder überhaupt ein Antidepressivum bekommen könnte.
    Auch das häufig vorkommende, aber unter Umständen behandelbare aggressiv-misstrauische Verhalten kann man unter Umständen medikamentös positiv beeinflussen.


    Ich drücke Ihnen die Daumen für diesen schwierigen, aber nötigen Schritt...



    Beste Grüße
    S. Sachweh

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