Dementer Vater will zur toten Mutter

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  • Sehr geehrtes Team,
    seit ca. 1/4 Jahr denkt mein seit 2 Jahren an Demenz erkrankter Vater (74) offensichtlich in jeder freien Minute an seine 1971 (!) verstorbene Mutter. In einer solchen Phase ist er schweigsam und schlecht gelaunt. Häufig will er sie dann besuchen, was meine Mutter aus Scham vor der heutigen Bewohnerin des ehemaligen Elternhauses meist zu verhindern versucht. Ich als Sohn habe ihr empfohlen, ihn nicht ständig festzuhalten. So kommt es jetzt sehr häufig vor, dass er vorrangig abends (Schlafanzug und Hausschuhe im Gepäck) vor dem Elternhaus steht und lautstark um Einlass bittet sowie intensiv klingelt. Meist ist dann meine Mutter auch schon zur Stelle und holt ihn wieder nach Hause. Diese Situation ist peinlich, Kraft raubend und meine Mutter sorgt sich sehr vor einer möglichen Anzeige wegen Ruhestörung oder Nötigung. Meine Fragen sind:
    a) Wie kann man meinen Vater von diesem Muttersyndrom erlösen? 10mg Citalopram haben seine Depressionen nicht lindern können.
    b) Was raten Sie meiner Mutter, wenn er schon wieder in Gedanken bei seiner Mutter ist und sich zum x-ten Male zu ihr auf den Weg macht? Die täglichen geduldigen Erklärungen meiner Mutter zum längst zurückliegenden Tod seiner Mama verhallen bei ihm.
    c) Ist die Angst meiner Mutter begründet, dass Anzeigen der Bewohnerin oder der Nachbarn folgen könnten? Was soll sie dann tun?
    Herzlichen Dank für Ihre Empfehlungen. Sie leisten wirklich Gutes!


    Viele Grüße
    Michael Hammer

    • Offizieller Beitrag

    Sehr geehrter Herr Hammer,


    zu a)
    Ich denke, wenn Sie sich das hier einmal durchlesen http://www.alzheimer-organisat…/Drenhaus-Wagner_2001.pdf
    könnten Sie dem einige Tipps entnehmen, was den Drang bzw. den Umgang mit dem Problem "zur Mutter zu wollen" vielleicht etwas weiter hilft.
    Wichtig ist, sich klar zu machen, dass die Suche nach der Mutter oftmals mehr oder anders zu bewerten ist, als die bloße Suche nach einer (eben dieser) Person. Es geht um Bedürfnisse und Gefühle. Was also mag Ihrem Herrn Vater seine Mutter in diesen Augenblicken bedeuten?
    Was bedeutet Ihnen das Wort "Mutter" (gefühlt, nicht unbedingt faktisch)? Geborgenheit, Sicherheit....unter Umständen eben genau das was wir uns wünschen, wenn die Welt um uns herum immer unverständlicher, ja bedrohlich(er) wird - in Folge der Demenz und der damit einhergehenden Desorientierung, Merkfähigkeits- und Gedächtnisstörungen.
    Wäre dem so, würde es also darum gehen auf ein / das Gefühl das hinter der Suche nach der Mutter steht, einzugehen. Eine Möglichkeit zu finden, dieses Gefühl zu "bedienen", so dass es befriedigt wird würde dann vermutlich eher zum Ziel führen. Es kommt gar nicht mal so selten vor, dass demente Menschen Ihre Mutter suchen.


    b) Ihrer Mutter würde ich raten, sich diese Diskussion wann immer es geht zu sparen. Diese Form der Faktendarlegung führt ja offensichtlich nicht zum Ziel. Nehmen wir einmal an, Ihr Herr Vater ist der Überzeugung, er habe seine Mutter morgens noch gesehen. Oder gestern, oder wann auch immer - kann dann eine Erklärung mit dem Inhalt: "Deine Mutter ist tot." - helfen, glaubhaft sein? Und falls ja, wie schmerzlich mag die Erkenntnis in diesem Augenblick für Ihren Herrn Vater sein, dass seine Mutter nicht mehr lebt? Würde er dies überhaupt täglich zulassen können (weil er die ihm "neue" Nachricht (Gedächtnisstörung) ja auch verkraften müsste).
    Ich würde zunächst einmal also wieder auf a) verweisen. Die Erklärungsform Ihrer Frau Mutter greift nicht, im Gegenteil könnte Sie zu schwerem Misstrauen seitens Ihres Herrn Vater führen.
    Übrigens, wenn mir jemand jetzt erklären würde, meine Mutter sei bereits tot -gerade dann würde ich mich erst recht auf den Weg zu ihr machen, um zu überprüfen, was ich nicht glauben mag / kann.


    zu c) Ihre Mutter könnte versuchen in einem Brief oder noch besser im persönlichen Gespräch mit den dort lebenden Personen die Sache aufzuklären. Wissen schafft Verständnis. Zum Thema Demenz gibt es viele gute Broschüren, die einem solchen Brief beigelegt werden könnten. Je nach Reaktion, muss sich Ihre Frau Mutter dann auch keine Sorgen mehr über mögliche Anzeigen etc. machen.
    Die Gefahr die ich sehe ist allerdings, was passiert wenn Ihre Frau Mutter mal nicht bemerkt, dass Ihr Herr Vater einen "Ausflug" zu seiner Mutter plant. Haben Sie sich dazu schon einmal Gedanken gemacht? Das Stichwort wäre Hinlauftendenz:
    http://www.wegweiser-demenz.de/beitrag-jochen-gust.html
    Ist die (rechtliche) Betreuung geregelt? Erfährt Ihre Mutter irgendwie Entlastung? Liegt eine Pflegestufe bei Ihrem Vater vor?


    Es grüßt Sie


    Jochen Gust

    • Offizieller Beitrag

    Hallo lieber Herr Hammer,


    kleine Ergänzung meinerseits:


    zu a) Vielleicht sollten Sie oder Ihre Mutter Rücksprache mit dem behandelnden Arzt halten, ob nicht ein anders antidepressives Medikament ausprobiert werden könnte.


    zu b) Möglicherweise hilft es, wenn Sie und Ihre Mutter versuchen, herauszufinden, was außer seiner Mutter ihm Sicherheit und Geborgenheit vermittelt (wie z.B. ein bestimmtes Lied, eine Umarmung, ein Bad, ein Stück Schokolade). Die Unruhe und Hinlauftendenz gegen Abend ist ja absolut krankheitstypisch. Wenn Sie nun im Gespräch herausfinden könnten, ob Ihre Grißmutter ein bestimmtes Abend- oder Trostritual für ihren Vater hatte (wie z.B. das Vorsingen eines Liedes, eine Umarmung, ein Gebet), könnte Ihre Mutter versuchen, dieses einzusetzen.
    Manchmal hilft auch, sich schon vor dem Einsetzen des für Sie problematischen Verhaltens mit der Person zu beschäftigen, auf die der Erkrankte fixiert ist: Sie könnten sich beim Anschauen alter Fotos erzählen lassen, wie toll, liebevoll, schön, kreativ, mutig.... Ihre Oma war, und was sie alles konnte und Lustiges/Mutiges gemacht hat - also Ihren Vater bewusst in schönen Erinnerungen schwelgen lassen. Hin und wieder hilft auch, Verständnis und Mitgefühl für die Sehnsucht zu zeigen: "Nicht wahr, du hast die Oma/Mama sehr lieb und vermisst sie gerade schrecklich..."
    Und noch eine Idee: Gibt es zufälligerweise noch einen Tröster aus Kindertagen Ihres Vaters, einen Teddybär o.ä.?


    Und schließlich, wenn gar nichts mehr hilft: Können Sie herausfinden oder wissen Sie ohnehin, ob Ihre Großmutter vielleicht mal verreist ist, gearbeitet hat, oder regelmäßige Termine hatte? Manchmal kann man das Hinlaufen zu einem alten Elternhaus positiv beeinflussen, wenn man emotional überzeugend und biografisch, also lebensgeschichtich fundiert flunkern kann: "Die Mutter ist doch heute beim Turnen/ bei Tante Gisela/ in Kur..." Viele Menschen sehen solche Notlügen sehr kritisch, aber nach meiner mittlerweile festen Überzeugung sind sie für viele Menschen mit Demenz im fortgeschrittenen Krankheitsstadium die wesentlich barmherzigere, tröstlichere Lösung - vor allem im Gegensatz zum Konfrontieren mit der betrüblichen Realität.


    Viel Erfolg wünscht Ihnen
    S. Sachweh

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