Beiträge von Grunella

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    Mir fällt auf, dass Du sehr an Vernunft und Einsicht und Kooperation appellierst, aber das ist bei Demenzkranken Quatsch und bringt nicht viel. Was bei meiner Mutter gut funktioniert hat: "Ja, Du hast vollkommen recht, klar ziehst Du um, aber dann machen wir das richtig. Du machst es Dir hier gemütlich und überlegst Dir schonmal die Packlisten, ich komme morgen mit Umzugskartons, die fehlen noch. Jetzt ist es zu spät zum losfahren, das machen wir morgens gleich früh, dann komme ich mit dem leeren Auto" Dann war sie immer befriedigt, dass etwas passieren wird und man auf ihrer Seite ist und sie vor allen Dingen nicht hilflos ausgeliefert ist. Am nächsten Tag das ganze noch einmal usw usf. Immer wenn etwas Sinnloses erledigt werden soll, Notizblock zücken "Gut, dass Du es sagst, ich schreib das schonmal auf, damit wir es nicht vergessen. Ich mach mich gleich mal schlau dazu, dann können wir das morgen erledigen."
    Du wirst Dich auch darauf einstellen müssen, dass man sich auf Dinge nicht wird einigen können. Ich habe meine Mutter am Ende in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht, weil sie sich mit ihrer Weglauferei sehr gefährdet hat. Damit habe ich mich wochenlang gequält, aber ich sehe, dass es die einzige Möglichkeit war. Ich würde alles notwendige (Aufenthaltsbestimmungsrecht z.B.) jetzt schonmal beim Amtsgericht anmelden, damit man sich im Notfall nicht damit noch lange herumschlagen muss.

    Wir haben am Anfang über die Alzheimer Gesellschaft in der Stadt meiner Mutter eine Alltagshelferin gehabt, die zum Teil von der Krankenkasse, zum Teil aus dem Vermögen meiner Mutter finanziert wurde. Die hat das sehr gut gemacht. Als meine Mutter dann nach Hamburg zur, habe ich ersst über betreut.de jemanden gefunden, aber da stimmte die Chemie nicht. Dann habe ich durch Zufall über Facebook eine Renterin gefunden, die sich gerne etwas dazuverdient hat. Über die kam dann auch noch eine zweite Alltagsbegleiterin dazu. Diese besuchen meine Mutter jetzt in ihrer geschlossenen Station und das funktioniert gut. Man braucht niemanden mit psychologischem Hintergrundwissen (wie soll man so jemanden auch bezahlen?), sondern jemanden, der gerne plaudert, etwas unternimmt und kein Problem damit hat, alles 700 mal zu wiederholen buw. zu hören. Optimalerweise hat diese Person auch Erfahrung mit Demenzkranken oder ist gut in der Lage, sich schnell in das Thema einzuarbeiten. Dann braucht man noch eine gute Geschichte, warum die Person da ist (bei der ersten Alltagshelferin war das noch "das bezahlt die Krankenkasse, dann hast Du eine Haushaltshilfe, ist das nicht toll? Da hast Du jahrelang eingezahlt, jetzt kriegst Du mal was zurück!", das fand meine Mutter gut, umsonst was von der Krankenkasse zu bekommen). Vielleicht wird man ein paarmal rumprobieren müssen, bis die richtige Person da ist, aber bei uns funktioniert das gut.

    Meine Mutter hat auch immer wieder den Wunsch geäussert, nach Hause zu wollen. Allerdings war ihr Zuhause ihrer Meinung nach eine Postbankfiliale in Berlin. Nach Hause zu wollen ist meiner Meinung nach der Wunsch, an einem Ort zu sein, den man kennt und wiedererkennt und an dem alles nicht mehr so verwirrend ist. Diesen Ort gibt es garnicht. Allerdings hat sie immer Trost darin gefunden, dass ich gesagt habe: Ok, dann schaue ich mal, wann wir fahren können, heute nacht schläfst Du noch hier, das ist alles geregelt, das da ist Dein Bett. Und morgen schauen wir weiter. Das fand sie gut, das war eine Aussicht. Und dann hangelt man sich von Tag zu Tag. Die Zugtickets sind heute superteuer, wegen Ferien, wir fahren lieber morgen, da kosten die nur die Hälfte etc pp. Ich habe immer nur versucht, ihr im hier und jetzt die Sorgen zu nehmen, weil sie sich ohnehin nichts merken könnte. Jemandem alle Stunde mal zu erklären, dass er jetzt hier bleiben muss und ihm das Herz zu brechen, wem ist damit geholfen?

    Das ist ein sehr häufiges Phänomen, es nennt sich "Kotschmieren" und unter dem Suchbegriff "Kotschmieren Demenz" findet sich einiges an Informationen. Ich finde es bewundernswert, dass Sie vergleichsweise gelassen damit umgehen.

    Mit der Haltung "Ich will nur ein Einzelzimmer" habe ich mich damals selber aus allen Wartelisten katapultiert. Die Einrichtung hatte angerufen und ein Zimmer in der normalen Demenzstation "für den Übergang" angeboten, das ging allerdings wirklich nicht. Danach hatte sie Doppelzimmer in der geschlossenen anzubieten, das habe ich abgelehnt, weil meine Mutter absolut nicht für ein Doppelzimmer geeignet ist. Dann haben sie sich nicht mehr gemeldet und als es dann wirklich ultradringend war, habe ich ein Doppelzimmer in einer anderen Einrichtung mit Handkuss genommen. Es gibt ohnehin viel zu wenig Plätze, da wartet man ewig auf ein Einzelzimmer und leider ist man als wartender Angehöriger nicht gerade in der Position, Forderungen zu stellen. Da warten noch zig andere auf diesen Platz.

    Ich finde das Konzept "Behörden haben strenge Vorschriften bei der Unterbringung alter, hilfloser Menschen und gucken ganz genau drauf" garnicht mal verkehrt und dass man das alles für bürokratischen Quatsch hält ist zumindest nix, was ich in ein Werbeprospekt schreiben würde.

    Meine Mutter ist anderthalb Jahre aus dem Heim abgehauen und stundenlang herumgeirrt (auch mal über nacht) ehe die Amtsrichterin einer geschlossenen Unterbringung zustimmte, weil sie auf den S-Bahngleisen aufgegriffen wurde.


    Jemanden gegen seinen Willen irgendwo unterzubringen ist nicht ohne und trotz der offensichtlichen Gefahrenlage habe ich mich sehr schlecht damit gefühlt. Wenn also keine wirklichen Gefahren vorliegen, die man darstellen könnte (dann stimmt das Gericht nämlich auch zu) und nur eine Vermutung "das könnte ja auch mal schiefgehen", dann reicht das tatsächlich nicht aus.
    Tipp: Alles was schiefgeht so gut wie möglich dokumentieren. Das Gericht braucht Fakten, Aktenzeichen, Aussagen Dritter.

    Wie gut können Sie denn seine Geschäftsfähigkeit einschätzen? Meine Mutter hat auch ihre Finanzen selber geregelt und dabei Tausende verloren. Ihre Fassade war so gut, dass über Telefon und oberflächliche Kontakte nichts zu merken war. Aber sie hatte garnichts mehr im Griff. Und einer Unterbringung im Heim hätte sie auch nicht zugestimmt. als alles schon komplett aus dem Ruder lief. Demente haben keine Krankheitseinsicht.

    Ich kann ja mal erzählen, wie es bei uns war, meine Mutter hatte auch eine starke Hinlauftendenz. Nach 3 Jahren in der Wohnung und Herumlaviererei (ich wohnte 300 km von ihr entfernt) mit einem Besuchsdienst und ewigem Theater mit Nachbarn etc hatte ich ein schönes Einzelzimmer für meine Mutter in einer Einrichtung bei mir in der Nähe gefunden. Dort ist sie, obwohl sie es sehr schön fand (ihr Zimmer war ein Traum), gleich am ersten Tag vrschwunden. Und das ging anderthalb Jahre so. Morgens abgehauen, nachmittags oder abends von der Polizei zurückgebracht. Machen konnte man da nix, weil sie sich ja nicht selber gefährdete. Ich hatte das Aufenthaltsbestimmungsrecht, konnte sie also auch ohne ihre Zustimmung in das Heim bringen, allerdings war sie ohnehin nicht mehr orientiert, sie hat ja ihre Wohnung von 25 Jahren auch nicht mehr erkannt. Sie hatte aber ein Phantasiebild im Kopf, wo sie denn leben würde und dahin wollte sie: eine Postbankfiliale. Nach anderthalb Jahren Stress und "Oh Gott, das Telefon klingelt, was ist jetzt schon wieder" hat die Polizei sie auf den Bahngleisen aufgegriffen. Und dann hat das Betreuungsgericht erlaubt, sie in eine geschlossene Einrichtung zu bringen. Ich habe lange gebraucht, einen Platz zu bekommen und bin mit meinem Einzelzimmerwunsch auch von ein paar Wartelisten geflogen. Am Ende musste ich sie in ein Doppelzimmer geben, was mit der ersten Mitbewohnerin schwierig war, mit der zweiten lustigerweise plötzlich gesellig wurde. Ich habe mich sehr damit gequält, meine Mutter in dieser Einrichtung einzusperren, aber es gab eine Alternative. Jetzt ist sie 1,5 Jahre dort und ich muss sagen, es geht ihr erheblich besser als vorher. Sie kriegt ein Beruhigungsmittel, wodurch sie nicht mehr so wahnsinnig gehetzt wirkt, aber dennnoch mobil und ansprechbar bleibt. SIe ist viel gepflegter als vorher und scheint sich da ganz gut zu fühlen. Mit einem Einverständnis habe ich nicht lange gerungen. Sie ist ohnehin nicht orientiert und kann sich alles grad mal 30 Sekunden merken. Vorbereiten ging eh nicht. Ich weiss, dass das alles sehr beängstigend ist, und ich kann mich noch gut an mein Entsetzen erinnern, als gefühlt nix funktionierte. Aber am Ende fügt es sich doch alles und man ist nie der Erste in dieser Situation, anderen ist das auch schon passiert und man konnte es regeln. Ich wünsche viel Glück und auch weniger Zweifel.

    Ich würde tagsüber eine Alltagshilfe vorschlagen, die man der Mutter (immer wieder) als Überraschung der Kinder verkauft, sie kommt nur heute zum aufräumen und gemeinsamen Einkaufen und Putzen und wenn sie eh grad da ist, kann sie ja auch gleich...wie ein Muttertagsgeschenk. Und da es ja eh schon bezahlt ist (und teuer war!) sollte sie auch reinlassen. Alternativ zahlt es die Krankenkasse ("Dein Leben lang eingezahlt! Jetzt kriegst Du auch mal was zurück!"). So habe ich meine Mutter immer überzeugt die Alltagshelferin anzunehmen. Am nächsten Tag hatte sie alles vergessen und das Spiel ging von vorne los. So konnte sie noch 2 Jahre in der Wohnung bleiben. Danach war sie ohnehin so desorientiert, dass sie ihre Wohnung nicht mehr erkannt hat.

    Bei uns war das so: ich habe beim Amtsgericht eine Betreuung beantragt. Eine Gutachterin vom Gericht kam und hat meine Mutter begutachtet, Fragen gestellt, auch gefragt, ob meine Mutter mit einer Betreuung durch mich einverstanden ist. Dann schrieb sie ein Gutachten, das ans Betreuungsgericht ging. Dann kam die Richterin mit einer Verfahrenspflegerin und hat mit meiner Mutter gesprochen. Damals bekam ich das Aufenthaltsbestimmungsrecht (durfte also meine Mutter in ein Pflegeheim geben ohne ihre Zustimmung). Später musste ich dann nochmal eine geschlossene Unterbringung beantragen, weil sie aus dem Heim immer ausbüchste und sich in Gefahr brachte. Auch das wurde genehmigt. Die Richterin hat die Eigfngefährdung gegen die Freiheitsberaubung abgewägt und die Eigengefährdung überwog.
    Das war damals für mich hart, weil ich das Einsperren schrecklich fand. Aber es geht meiner Mutter offensichtlich sehr gut da, viel besser als vorher.
    Im Heim sind die natürlich sehr pfiffig, was Medikamentengabe und Körperpflege angeht. Meine Mutter ist jetzt gepflegter und nicht mehr so gehetzt.

    Diese Sehnsucht nach der Heimat ist nicht immer an etwas räumliches gebunden. Meine Mutter zum Beispiel sass in ihrer Wohnung, in der sie seit 25 Jahren lebte und beschwerte sich über den angeblichen Umzug. Sie erkannte ihre eigene Wohnung nicht mehr und glaubte, das sei eine neue Wohnung. Als ich sie zu mir geholt hatte, in ein Pflegeheim, äußerte sie auch manchmal die Sehnsucht nach ihrer alten Heimat. Genaueres Nachfragen ergab, dass sie in der Schalterhalle ihrer alten Postfiliale leben wollte.
    Es ist nicht gesagt, dass ein Umzug in ein Heim in der alten Heimat irgendwas in ihr an Wiedererkennung auslöst. Manchmal ist die alte Heimat nur ein diffuses Gefühl, weil alles andere neu und fremd ist.

    Das ist wirklich sehr viel mit kleinem Baby und einem unkooperativen Vater. Ich stand vor ca anderthalb Jahren vor dem Dilemma, eine Mutter mit einer ausgeprägten Hinlauftendenz in einer Einrichtung, die darauf nicht eingestellt war. Also habe ich sie in eine geschlossene Demenzstation gebracht und mich sehr schuldig gefühlt. Aber jetzt nach anderthalb Jahren bin ich froh darüber. Dort schockiert die Pfleger*innen nichts mehr, die Gehetztheit meiner Mutter ist weg und das Personal hat dort auch seine Erfahrung. Meine Mutter ist sauber, gut ernährt und ich habe nicht mehr diese Panik, wenn das Telefon klingelt. Es hat mir UND ihr gut getan.

    Auch eine Möglichkeit: die Alternative zur Idee der Mutter machen und diese loben: "Ok, Du meinst, Du würdest lieber zu einer Veranstaltung gehen, anstatt hier rumzusitzen? Das ist eine tolle Idee, wieso bin ich da nicht drauf gekommen?" Wenn etwas ihre eigene Idee war und man zugibt, dass sie damit cleverer war, gibt sie ihre Antihaltung eher auf...

    Was würde ihn denn motivieren? Ich könnte mit vorstellen, dass man ihm sagt "das ist Heimarbeit, da verdienst Du noch ein paar Euro" und dann stellt man ihm eine Kiste mit Schrauben und Muttern hin, die er zusammendrehen soll. Oder aber man sagt ihm, es sei für einen guten Zweck und dann soll er DinA4-Bögen tackern oder lochen und abheften oder was auch immer er noch kann.

    Meine Mutter war 1,5 Jahre in einer Demenzstation, ehe ich sie in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht habe. Sie ist auch ständig abgehauen, wollte auch nicht aufgehalten werden. Zuerst war es ein Problem, die geschlossene Unterbringung beim Amtsgericht durchzubringen, es musste erst eskalieren (das ist es bei euch ja auch) und dann musste ich sehr hinterher sein, einen Platz zu bekommen. Ich wollte ein Einzelzimmer, das war hier aber utopisch, also zu zweit. Ich habe mich sehr mies gefühlt am Anfang, muss aber sagen, dass trotz des Eingesperrtseins meine Mutter jetzt deutlich entspannter ist, das ganze Gehetzte ist jetzt weg. Sie kriegt etwas Risperidol, aber man merkt das kaum, sie ist nur etwas entspannter. Und diese ewige Sorge ist jetzt weg, die macht einen ja auch fertig...ich kann dazu raten.

    Hallo Sinas,
    das klingt ganz furchtbar und Du klingst sehr gestresst und verzweifelt.
    Solche Familienverhaltensweisen haben sich über die Jahre und Jahrzehnte eingeschliffen und es ist schwer, da heraus zu kommen. Mütter arbeiten gerne mit Schuld und Schuldgefühlen: sie lässt niemanden helfen und opfert sich auf, nimmt aber für sich das Recht heraus, anderen Schuldgefühle zu vermitteln. Es ist schwer, da etwas zu raten, weil es nicht einfach ist, sich da heraus zu befreien: eigentlich müsstest Du eine Grenze ziehen, klarstellen, dass sie Dir damit schadet. Nicht ganz klar ist allerdings, was Deine Rolle ist: hilfst Du bei der Pflege und ihr seid deshalb isoliert, weil es so viel Arbeit ist? Welchen Anteil hat Dein Mann, wieso kann er nicht mehr?


    Liebe Grüße


    Grunella

    Bis auf das Autofahren ist das ORIGINAL meine Mutter. Inklusive Beschwerden, dass mein Vater schon wieder nicht da sei (sie sind seit 20 Jahren geschieden und mein Vater lebt nicht mehr in D). Immer waren irgendwelche "Männer" da, überall in der Wohnung war Geld versteckt. Sie hat ständig Handyverträge abgeschlossen. Sie war total verwirrt.


    AUSSER wenn der medizinische Dienst der Krankenkassen da war. Da war sie natürlich glasklar. Ich habe 3 Jahre gebraucht, um endlich eine Pflegestufe zu bekommen. Allerdings wissen die Leute vom MDK ganz gut, wie sie dennoch testen können wenn die Demenz weiter fortschreitet. Ich empfehle, sich mal die Bewertungen von Demenzanzeichen der Krankenkassen (das sind 10 Punkte, kann man googlen) anzugucken und mal niederzuschreiben, wo das bei der Mutter passt. Und ruhig die Beschreibungen von Dritten dazu nehmen, also die Aussagen der Nachbarn!