Beiträge von Zebulon

    Hallo ihr Lieben,

    Hallo Herr Hamborg,


    kurz vorweg: wegen einer evtl. Wiedererkennung habe ich meinen Benutzernamen geändert (vorm. KoDo). Der heutige Eintrag gibt doch viel unserer persönlichen, familiären Situation preis. Möglicherweise werde ich einzelne Stellen nachträglich wieder entfernen.


    Vielen Dank für eure/Ihre lieben Worte.


    Die Wahrnehmung der Situation meines Bruders ist gemischt, ganz besonders von meinem Vater. Er ist in vielen Punkten unheimlich in sich zerrissen. Das liegt aber primär in der Vergangenheit.


    <Textabschnitt entfernt>


    Allein eine detaillierte Beschreibung dieser Ereignisse wären abendfüllend, hier aber nur mal im Steno-Format.


    Persönlich komme ich sehr gut mit ihr klar, muss aber dazu sagen, dass ich ausgesprochen harmoniebedürftig bin. Vermutlich auch, weil wir grundsätzlich ein sehr harmonisches Elternhaus hatten - wobei in den 60ern eine 'Watschn' noch nicht unter Gewalt lief. Meiner Mutter 'rutschte gelegentlich die Hand aus', wie's bei uns so schön heißt, das war aber alles andere als an der Tagesordnung. Mein Vater dagegen hätte und hat niemals auch nur die Hand gegen uns erhoben. Bei ihm reichte es, wenn er die Stimme erhob.


    Sorry für die Abschweifung - zurück zur Wahrnehmung meiner Eltern: Ich habe kürzlich mit meiner Cousine genau darüber gesprochen. Sie hat auch (wie ich) den Eindruck, dass mein Vater die Brisanz der Situation nicht vollständig erfasst.

    <Textteile entfernt>


    Anders natürlich die Wahrnehmung meiner Mutter. Sie staunt jedes Mal wieder über die etlichen Narben meines Bruders an Armen und Beinen. Jedes Mal wieder erklären wir ihr die Situation und jedes Mal wieder sagt sie: "Ach ja, genau!".


    Nun zum tatsächlich wirklich schwierigen Thema: eindeutig jein. Diesbezüglich ist unsere Familie schon vorbelastet. Ich habe irgendwann schon mal geschrieben, dass sich die Mutter meines Vaters im Alter von 88 Jahren mit einem Sturz aus dem Fenster das Leben genommen hat. Damit hat sie die 'Hemmschwelle' ziemlich herabgesetzt.


    Ja deshalb, weil die Verzweiflung meines Vaters über die Lage meiner Mutter so riesig ist, dass ich es grundsätzlich durchaus für möglich halten würde. Er sieht einfach keine Lösung, keinen Ausweg und keine Zukunft mehr, nicht den kleinsten Lichtblick. Auch seine eigene körperliche Verfassung wird immer schlechter. Als ehem. Bayerischer Vize-Meister im Radsport war seine Fitness bis weit in seine 70er unglaublich. Mit über 70 fuhr er 12.000-15.000 km/Jahr, darüber hat er täglich Buch geführt - aber durch div. Stürze und Brüche gings mit seiner Fitness dahin. Er hat keinen Auftrieb, etwas daran zu ändern. Seine (behandelten) Depressionen tun ein Übriges. Aber, …


    Nein deshalb, weil ich ihm immer wieder die Situation meiner Mutter vor Augen halte "Was passiert denn dann mit Mutti? Bruder und ich haben dann endgültig verloren und Mutti müsste dann unweigerlich in eine Pflegeeinrichtung!". Ich habe den Eindruck, dass allein das ihn von einem evtl. Vorhaben abhält, er will sie nicht alleine zurücklassen. Auch hier ist er innerlich zerrissen.


    Sie haben recht, je nach seiner mentalen Verfassung kommt es mir tatsächlich oft wie ein 'hilfloser Erpressungsversuch' vor, wovon er dann aber sofort wieder zurückrudert, weil er mich/uns ja nicht so sehr belasten will. Am liebsten wäre es ihm, wenn ich wieder zu Hause einziehen würde, aber das Haus ist nun mal nicht barrierefrei. Evtl. Umbauten würden an die halbe Million € grenzen.


    Ich versichere ihm dann immer wieder, dass das für uns weder eine Belastung noch eine Verpflichtung ist, sondern eine Selbstverständlichkeit. Früher waren sie beide für uns da und heute ist es eben andersrum. Das Einzige, was uns an den Rand der Verzweiflung bringt, ist, wenn beide alles, was wir anstrengen, um ihnen (aber in erster Linie ihm) das Leben zu erleichtern und Verantwortung von seinen Schultern nehmen, boykottieren oder ablehnen.

    • Das Essen, das 2x/Wo. geliefert wird, schmeckt nicht (stimmt nicht, fantastische Hausmannskost, genau wie Muttern immer gekocht hat);
    • Tante Caritas soll nicht mehr kommen, das können wir selber (No way! Keine Option!);
    • Nachbarn bieten sich zum Rasen mähen an: "Könn'ma selber." (Kann er eben nicht, er hat schon Probleme ohne Krücken auf die Toilette zu kommen),
    • und… und… und…

    Sie haben beide ein Problem, Hilfe anzunehmen. Sie waren es schließlich immer, die geholfen haben - nicht umgekehrt. Nun ist es aber mal anders und das wird sich nicht ändern. Aber auch damit haben Sie völlig recht, sie denken sie, müssten für uns da sein. Hinzu kommt ja auch noch seine selbst auferlegte Schuld an meinem Unfall (hab ich auch irgendwann schon mal beschrieben).


    Mit dem Suizid meiner Großmutter habe ich mit der Zeit Frieden geschlossen, das hatte ich glaube ich schon mal erwähnt. Sie hat ihren eigenen körperlichen und geistigen Verfall nicht mehr ertragen und wollte niemandem zur Last fallen. Im Nachhinein erkannten wir, dass sie schon vorher Versuche unternahm, wie z.B. waren alle Fenster und Türen geschlossen und alle Herdplatten inkl. des Bratrohrs liefen auf voller Leistung. Zufällig kam mein Vater vorbei und erstickte fast an der Hitze im Raum. Er schaltete alles ab und öffnete die Fenster. Erst später erkannten wir, dass sie dachte, es wäre ein Gasofen. Auch hat sie Jahre zuvor zu mir gesagt: "Mei, Mädle, wenn ich ned so feig wär, wär alles schon vorbei!". In ihren letzten Jahren hat sie immer gesagt, sie sei 'über der Zeit', sie gehöre nicht mehr hierher.


    Meine Erkenntnis daraus ist, dass ein Mensch in diesem Alter ein Recht darauf hat, selbst zu entscheiden, wann und wie er dieses Leben verlassen möchte. Und auch wenn ich damit evtl. bei dem einen oder der anderen Leserin Unmut hervorrufe, dieses Recht möchte ich auch meinen Eltern zugestehen.


    Selbstverständlich ermuntere ich sie nicht dazu (als Kind war ich in psychotherapeutischer Behandlung, weil ich Panik und Albträume davor hatte, dass meine Eltern/meine Oma sterben könnten), ich hänge an ihnen, wir hätten uns keine besseren Eltern wünschen können.


    Ich hab mir sogar schon mal überlegt, hier einen Thread mit den Erinnerungen an meine (immer mehr schwindende) Mutter zu eröffnen. Andererseits, sowas zu ihren Lebzeiten zu tun, scheint mir dann doch etwas … merkwürdig. Ob sowas gewünscht ist, weiß ich nicht. In mir kommen immer wieder fast schon verschollene Erinnerungen an Ereignisse, Erlebnisse, die uns unsere Eltern mit ihren geringen Mitteln geboten haben.


    Vielen Dank nochmal für Ihren Zuspruch und Ihre sehr wertvollen Einschätzungen.

    @Alle: Danke fürs Lesen und vor allem fürs Durchhalten :*


    LG Zebulon

    Hallo ihr Lieben,


    jetzt hab ich mich ja schon eine ganze Weile nicht mehr gemeldet, aber jetzt nehm ich mir mal wieder die Zeit dazu.


    Viel passiert.

    Begonnen hat dieses Jahr damit, dass meine Mutter sich mal wieder aus dem Haus schlicht und prompt dort fiel. Im Nachhinein erfuhren wir, dass sie sich auf allen Vieren ins Haus schleppte. Unsere Nachbarin, die sich, nebenbei bemerkt, ganz rührend um meine Mutter kümmert, hat sie 'gefunden' und reingebracht. Bei diesem Sturz brach sie sich den Oberarm und bekam in einer OP eine Platte rein.


    Sturz: Dienstag; OP: Mittwoch; Telefonat mit der Station: Donnerstag. Hier wurde mir gesagt, dass sie sie noch übers Wochenende behalten und sie voraussichtlich am Montag nach Hause kann. Ich dachte mir noch, das ist jetzt eine gute Gelegenheit für meinen Vater, mal a bisserl zur Ruhe zu kommen, bevor das Drama dann am Montag wieder weitergeht. Keine Stunde später stand sie vor der Tür.


    Bedingt durch ihre starken Schmerzen riefen wir noch am selben Abend den Hausärztlichen Notdienst, der rief den RTW und der wiederum empfahl uns, sie erneut ins KH zu bringen. Wir stimmten dem zu, unter der Voraussetzung, sie auf keinen Fall in die vorige Klinik zu bringen. Also brachten sie sie ins nächstgelegene Klinikum. Auch von dort wurde sie am Freitagnachmittag wieder kommentarlos nach Hause gebracht.


    Nachdem ich schon auf 180 war, bat ich meinen Bruder mit der Klinik zu telefonieren, ich wäre vermutlich durch die Decke gegangen. Das tat er auch und er telefonierte über eine Stunde mit dem Oberarzt. Der erklärte ihm die Situation ausführlich und eben auch, warum auch sie unsere Mutter schon wieder nach Hause schickten - sie könnten nichts tun. Alles, was möglich war, wurde getan und in Anbetracht der Corona-Situation ist sie einfach Zuhause besser aufgehoben. All das leuchtete uns ein. Man muss doch nur mit den Leuten reden...


    Natürlich hatte sie mit ihrem Bruch und dem ruhiggestellten Arm massive Probleme mit dem Toilettengang und mit dem Bett ein- und aussteigen. Also bestellte ich einen Toilettenstuhl und von der Hausärztin wurde uns ein Bettgalgen verschrieben, der noch am selben Tag geliefert wurde.


    Endlich (!!!) stimmten beide einer Pflegeperson zu. Die Ärztin sprach von mind. 2x/tgl. wenn nicht sogar einer 24-Std.-Kraft, aber ich war ja schon froh, dass sie 1x/tgl. zuließen. Seitdem kommt die Caritas täglich und ich werde einen Teufel tun, sie wieder abzubestellen. Endlich kommt sie halbwegs regelmäßig in die Badewanne.


    Erschwerend hinzu kommt, dass mein 'kleiner' Bruder (51) vor zwei Monaten einen Herzinfarkt hatte und fünf Bypässe eingesetzt bekam. Das war für uns alle ein riesiger Schock. In den sechs Stunden der OP konnte ich keinen anderen Gedanken fassen, vor allem, weil ich ja weiß, wie es ist, wenn einem der Brustkorb 'geöffnet' wird. Bei mir zwar nicht in der gleichen Weise wie bei ihm, aber sehr ähnlich. Wenn die Wirbelsäule von vorne operiert wird, geht's ähnlich zu.


    Bis dahin waren wir gut verknotet, ich übernahm die Anwesenheiten bei unseren Eltern, Arzttermine und alles Organisatorische, er übernahm alle 'Lauf- und Besorgungswege' und alle technischen Hilfen im und ums Haus unserer Eltern. Im Moment ist er noch so geschwächt, dass er innerhalb kürzester Zeit schweißgebadet pausieren muss. So bleibt im Moment der Großteil an mir hängen. Egal, Hauptsache, mein Bruder kommt wieder auf die Beine!


    Da offenbar bei uns keine Ruhe einkehren darf/kann, ging's am Samstag weiter. Mein Vater fiel zum 4. Mal in dieser Wochen wg. Schwindel um, kam ins Krankenhaus und ich siedelte wieder zu meinen Eltern. Diesmal ist die Situation noch schwerer, ich habe wieder zwei Katzen, die auch versorgt werden wollen. Also fuhr ich jeden Morgen um 5:30 Uhr zu mir, versorgte die beiden und versuchte, wieder zurück zu sein, bevor meine Mutter aufwachte. Abends nahm ich sie mit, gab ihr bei mir kleinere Aufgaben und auf dem Rückweg holten wir uns was beim McD. Das war zwar nicht neu für sie, konnte sich aber an die letzten Male nicht erinnern. Es schmeckte ihr jedenfalls richtig gut.


    Die Option eines Pflegeheimes rückt auch bei uns immer näher, aber wir blenden das gekonnt aus. Keiner von beiden will ohne den anderen: "Dann geh'n wir halt zusammen!" - gemeint ist damit keine Pflegestelle.


    Ich könnte jetzt abendfüllend weiterschreiben, von den verbalen Attacken meiner Mutter gegen ihre Freundin, gegen meinen Vater ("Jetzt wird's Zeit, dass'd dich aufhängst. Dann hab ich wenigstens meine Ruhe!" - nach 60 Jahren Ehe). Beide riefen mich danach bitterlichst weinend an und ich versuchte, die Wogen zu glätten. Bei beiden hat sie sich anschließend ehrlich entschuldigt, aber weitere Aussetzer sind vorgezeichnet...


    Euch schon mal ein ruhiges, sonniges Wochenende. Bleibt stark ;*


    LG KoDo

    Hallo Never,


    was Du schreibst, liest sich schrecklich. Das tut mir ehrlich sehr leid. Ähnliche Situationen sehe ich mit meiner Mutter auf uns zukommen. Sie hat seit März Pflegegrad 3, ihre Aufmerksamkeitsspanne liegt zwischenzeitlich teilweise bei unter einer Minute. Sie lebt mit meinem Vater in unserem Elternhaus, einer Doppelhaushälfte, das sie Anfang der 70er gebaut haben, ca. 10 km vor der Stadt.


    Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir bei Weitem noch nicht da angekommen sind, wo ihr schon alle seid. Ich kämpfe immer noch damit, mich von meiner 'früheren' Mutter zu verabschieden und muss mich regelrecht zusammenreißen, ihr bei verschiedenen Aussagen oder Aktionen (wenn sie z.B. dem Pizzalieferanten auf die Pelle rückt) nicht zu kontern - und selbst wenn ich das täte, wäre das innerhalb von Minuten wieder vergessen.


    Mein Vater ist mit dieser Situation hoffnungslos überlastet und überfordert. Er fühlt sich nur unterstützt, wenn ich anwesend bin. Bei schlechter Tagesverfassung weint er den ganzen Tag bitterlich, lehnt aber jede Hilfe von außen vehement ab. Sie beugt sich dann tröstend zu ihm und kann seine Verzweiflung einfach nicht verstehen. In dieser Situation habe ich ihr gesagt, dass er wegen ihr weint, wegen ihres schwindenden Gedächtnisses und ihrer weiter fortschreitenden Demenz. Ihre Reaktion war, ihr fehle doch nichts, es sei doch alles OK. Keine fünf Minuten später zeigte sie sich wieder besorgt über Dad's vieles Weinen. Kein Wort, von dem was ich sagte, blieb hängen. Ein anderes Mal fuchtelte sie mit der Hand vor dem Gesicht und fragte mich: "Bin i jetzt plemm plemm?"... :/


    Wir, mein Bruder und ich, sind sehr behütet und in einem harmonischen Elternhaus aufgewachsen. Natürlich wurde auch gestritten, aber alles im Rahmen des Normalen, wie's halt zwischen Geschwistern mit fast neun Jahren Altersunterschied so ist… Deshalb kümmert sich mein Bruder genauso um meine Eltern, das macht die Sache schon einfacher - soweit man überhaupt von 'einfach' reden kann…


    Ich kann mich Sonnenblümchen und Hanne nur anschließen, was das Telefon angeht. Wenn es ihr letzter Draht nach außen ist und Du ihn ihr nicht nehmen willst, kann ich das verstehen. Dann bleibt nur die Option, im richtigen Moment das Gespräch zu beenden - mit oder ohne Ankündigung. Das ist ein Überschreiten einer Hemmschwelle, aber zu deinem eigenen Schutz vor verbalen Attacken oder dem Thema deines Sohnes ist das zwingend notwendig. Auch wenn Du ihr noch so oft sagst, wie verletzend ihre Worte sind, es bleibt nicht drin. Deshalb musst Du Dich in den Fokus setzen.


    Alles Gute :*, viel Kraft :thumbup: und viele Grüße <3

    KoDo

    Hallo Seifenblase,


    ich hoffe, dein Post rutscht damit wieder ganz nach oben. Mein erster Post hier ging auch auf diese Weise 'verloren' und genau so kam ich mir dann auch vor.


    Deine Situation ist die Horrorvision jedes Betroffenen. Wie soll man sich davor schützen? Kann man das überhaupt? Noch dazu, wenn die Person aus der eigenen Familie kommt…


    Wir (mein Bruder und ich) stehen mit der Demenz unserer Mutter noch ziemlich am Anfang des Dramas und nach allem, was ich hier lese, wird mir Angst und Bange vor der Zukunft. Glücklicherweise stehen mein Bruder und ich in sehr gutem Kontakt zueinander und halten uns täglich auf dem Laufenden.


    Leider lehnt mein Vater auch jede Hilfe von außen ab und ich befürchte, dass - wie es mir hier auch schon prophezeit wurde - erst ein Worst-Case eintreffen muss, bis er bereit ist, einen Schritt weiter zu denken und ggfls. zu handeln.


    Ich hoffe und wünsche mir aufrichtig, dass Herr Hamborg einen Rat für Dich hat - und wenn keinen Rat, dann wenigstens ein paar aufbauende und unterstützende Worte.


    Ich empfehle Dir, im Thema 'Wie geht es Euch denn so' zu schreiben. Zum einen sind da etliche mehr oder weniger Gleichgesinnte, zum anderen betrachte ich es schon fast a bisserl als Tagebuch. Außerdem schaut Herr Hamborg über kurz oder lang immer mal vorbei. Das tut schon gut, Feedback auf seine Probleme zu bekommen - von ihm oder von anderen Betroffenen.


    Alles Gute, gute Nerven und viel Kraft weiterhin.


    VG KoDo <3

    Hallo liebe Runde,


    Teuteburger:
    Ganz lieben Dank für Deine Worte und den Link. Ich liebe diese Sendereihe im BR. Meine Freundin wurde als Taxifahrerin auch mal zum Thema Rosenkränze interviewt.


    Da gebe ich Dir uneingeschränkt recht. Er hadert mit seinem Leben. Und im Gegensatz zu mir, die ich mein Singledasein liebe und es nicht anders haben möchte, vereinsamt mein Vater neben meiner Mutter, deren Geist sich immer weiter verabschiedet und ihm sein 'Weiberl' regelrecht aus den Händen gleitet. Das mitanzusehen, bricht ihm Mal um Mal das Herz.


    Ich habe es auch schon oft erlebt, gerade bei Frauen, deren Männer gestorben sind, dass sie regelrecht auflebten. Auch meine Oma. Als Opa starb, fing sie an, regelmäßig für Wochen in ihre Heimat Rheinland-Pfalz zu fahren. Zum ersten Mal dachte sie an sich selbst. Die Enkel waren alle groß und sie musste nicht mehr als Notfall-Nanny einspringen. Ihre Reisen machte sie immer mit dem Zug, einen Führerschein hatte sie nie. Das war für ihre Generation noch in weiter Ferne. Sie überlebte ihn noch um 17 Jahre sehr aktiv.


    Das Talent deiner Schwiegermutter hört sich wunderschön an, das hätte wirklich ein Lebensinhalt werden können. Schade, dass sie sich selbst nicht dafür begeistern konnte.


    Martin Hamborg:
    Vielen Dank für Ihre Worte. Mit allem, was Sie schreiben, treffen Sie den Nagel auf den Kopf: Wie ein trotziges Kind. Allerdings sagt man seiner Seite der Verwandtschaft eh einen außergewöhnlichen Dickkopf nach. Trotzdem, wenn alle Stricke rissen, hat sich mein Vater dann doch immer der Vernunft 'unterworfen'.


    Die Falle des 'schlechten Gewissens' ist tatsächlich da, ich habe aber nicht das Gefühl, dass das von meinem Vater lanciert wird, eher kommt mir selbst der eine oder andere Gedanke daran - weiß aber, dass ich eh schon tu, was ich kann.


    Anlässlich des 60. Hochzeitstages meiner Eltern war die ganze Familie inkl. der Enkel am Freitag beim Essen - allerdings ohne meinen Vater. Er fühlte sich zu schwach dafür.


    Das Essen, das ich für Samstag bestellt habe, wurde restlos aufgegessen. Da meine Mutter alles isst, hab ich mich mit der Auswahl ausnahmslos nach ihm gerichtet. Am Samstag hielt er sich noch zurück, dafür aß er am Sonntag fast die ganze Portion Kaiserschmarrn mit Apfelkompott auf - zumindest solange Kompott da war. Vielleicht fruchtete meine Ansage, dass ich seine Schwäche so nicht mehr gelten lasse. Wen wundert's, wenn er nichts isst.
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    Der obige Eintrag ist bereits eine Woche alt. Diese Woche haben sich die Ereignisse überstürzt. Mein Vater wurde von Die. auf Mi. aufgrund extremer Schmerzen an den Nieren vom Notarzt ins Klinikum eingewiesen. Lt. Notarzt war in der Blase mehr Eiter als Urin. Nachmittags erreichte ich endlich den Stationsarzt, der fragte, ob jemand von der Familie kommen könnte, mein Vater lehnt jede Behandlung ab.


    Als mein Bruder im KH dann mit dem Arzt sprach, stellte sich heraus, dass er nicht nur jede Behandlung ablehnte, sondern er auch noch die Ärzte als unfähig und als Lügner bezeichnete und 'fast schon handgreiflich' wurde. Mein Bruder versicherte dem Arzt, dass das nicht dem Naturell unseres Vaters entspricht und er sich das nur durch die Medikamente erklären könne. Ob mein Vater, wie er gerne möchte, morgen nach Hause darf, wird das Labor zeigen.


    Ganz nebenbei hat er erzählt, dass er im Schlafzimmer gestürzt ist und heute wurde er im KH geröntgt, da hat sich gezeigt, dass er sich mal wieder eine Rippe gebrochen hat.


    Das Telefonat mit der Psychologin hat sich als äußerst angenehm und sinnvoll erwiesen. Sie kennt ihn seit über 20 Jahren und bei den Terminen ist mein Unfall 'allgegenwärtig'. Bei der Gelegenheit habe ich ihr versichert, dass der Unfall alles andere als die Schuld meines Vaters war.


    Bei ihrem kurzen Telefonat mit meinem Vater stellte sie natürlich fest, dass er in einem sehr schlechten psychischen Zustand ist und wollte deshalb mit mir sprechen. Auch sie hat ihm bereits mehrfach geraten, sich Hilfe zu holen. Sie selbst hat für ihre Mutter eine 24-Stunden-Hilfe ins Haus geholt. Sie hat sich eines 'halblegalen Dienstes' angenommen, die aus Ungarn kommen und gute Deutschkenntnisse hatten. Allerdings würde dieser Dienst die komplette Rente meiner beiden Eltern auffressen. Also auch keine Option.



    Die schlechte Nachricht hat sie ihm noch nicht mitgeteilt, eben weil er eh schon in einem schlechten Zustand ist. Sie wird mit Ende des Jahres in den Ruhestand gehen. Ob sich mein Vater einem anderen Psychologen öffnen wird, wird sich zeigen. Ich hab sie gefragt, ob man nicht in den nächsten, noch verbleibenden Terminen den Nachfolger mit einbeziehen könne. Sobald mein Vater wieder auf den Beinen ist, werde ich ihn zu einem Termin anhalten.


    Ich möchte als nächstes die Dame anrufen, die den telefonischen Termin zur Pflegegradfeststellung vorgenommen hat. Sie hat von einer Hilfe gesprochen, die stundenweise kommt und meine Mutter beschäftigen könnte, z.B. mit Unkraut zupfen, spazieren gehen, etc. Leider versprechen das viele Pflegedienste auf ihren Homepages, wenn ich das dann aber anspreche, 'machen sie sowas nicht'.


    Viele Grüße und viel Kraft euch allen!
    KoDo

    Gestern hatten meine Eltern einen Termin bei ihrer Psychologin. Nach über einer Stunde warten und der Tatsache, dass alle, die nach ihnen gekommen sind, vor ihnen drangenommen wurden, gingen meine Eltern unverrichteter Dinge wieder nach Hause.


    Im ersten Moment hab ich mich wahnsinnig aufgeregt, schließlich haben wir den Termin schon vor 'drei Monaten' gemacht, konnte aber verstehen, dass ihnen die Hutschnur gerissen ist.


    Nach acht rief mein Vater nochmal an, die Ärztin habe angerufen und sich dafür entschuldigt, irgendwas sei schiefgelaufen. Sie wollte mich sprechen und heute Morgen hab ich gesehen, dass sie auch versucht hat, mich um 19:50 Uhr auf meiner Dienstnummer zu erreichen.


    Wie's der Teufel nun mal so will, kann ich sie heute Vormittag nicht zurückrufen, wir haben erstmals eine unternehmensweite ViKo, was schon mal eine technische Herausforderung ist, zum einen, weil wir zwei Standorte haben, zum anderen, weil etliche aus dem HomeOffice zugeschaltet werden. How ever, ich kann sie erst ab dem späten Vormittag anrufen.


    Ich hab meinem Vater schon öfter vorgeschlagen, dass ich mit ihm zusammen einen Termin bei ihr wahrnehmen möchte - gerade im Hinblick auf seine selbst auferlegten Schuldgefühle.


    Bin gespannt, was das Gespräch so mit sich bringt...


    Fortsetzung folgt...

    Hallo zusammen,


    jetzt bastle ich schon seit morgens immer wieder an meinem Eintrag und jetzt ist tatsächlich alles weg. Das hab ich mit OneNote noch nie erlebt. Dann halt nochmal, ich hoffe, ich krieg's wieder so hin…


    Erstmal Danke an Rose60, Lulu und Teuteburger, für eure lieben Worte und eure nützlichen Tipps.


    Hilfe von außen, in welcher Form auch immer, wird von beiden vehement blockiert - obwohl die räumlichen Möglichkeiten gegeben wären. Unsere beiden Kinderzimmer und die ausgebaute Mansarde stehen leer. In der Mansarde ist ein süßes, relativ großes Apartment mit einem kleinen Bad und einer kleinen Küchenzeile, also perfekt für eine dauerhafte Hilfe.


    Teuteburger:
    Mein Dad ist 84 und meine Mom 82.
    Sein einziger Lebensinhalt gleich nach seiner Familie war sein Radsport. Er hat damit in seiner Jugend begonnen, war Bayerischer Vize-Meister und Vierter in der deutschen Meisterschaft. Ich kann mich an keinen Urlaub erinnern, an dem wir nicht mit dem Radl auf dem Dach unterwegs waren. An die Auswahl der Urlaubsziele wurden zwei Bedingungen geknüpft: Berge für Dad und Meer für Mom und mich/uns. Das war dann z.B. Elba, die Riviera und später die Abruzzen. Außerdem hat meine Mutter noch zwei Regeln aufgestellt: Zum Mittagessen musste er wieder da sein (das galt auch zuhause) und zwei Tage Training, ein Tag Pause. So hatten wir jeden 3. Tag einen ganzen Tag mit Dad am Strand.


    Auch ihr Freundeskreis drehte sich rund um den Sport und wurde Jahrzehnte lang auch gepflegt. Geburtstage wurden immer zweimal gefeiert, einmal mit den Freunden und einmal mit der Familie/Verwandtschaft.


    Seine körperliche Fitness hat ihm nicht nur einmal das Leben gerettet. Nach einem Schwindelanfall stellte man im Krankenhaus 'mehrere Embolien' fest. Ich kenne niemanden, der auch nur eine überlebt hat.


    Als erstmals sein Blasenkrebs bekannt und operiert wurde, fing er nach der OP im Krankenhaus an, zum einen den Schwestern bei der Patientenversorgung zu helfen (z.B. bei der Essenverteilung; damit er wieder auf die Beine kommt), zum anderen lief er mehrmals täglich alle Treppen hoch und runter, um nicht zu viel Trainingsausfall zu haben.


    Und weil die Männer einmal im Jahr eine Woche Radl-Urlaub machten (z.B. in die Provence), entschlossen sich die Frauen auch jährlich eine Woche eine Städtereise mit dem Bus zu machen - natürlich erst, als die Kinder schon groß waren. So bereisten sie halb Europa.


    Ich könnte noch seitenweise so weitermachen, ich habe jede Menge schöne Kindheitserinnerungen. Wir wuchsen ohne psychische oder physische Gewalt, Weiberg'schichten oder Saufgelage auf. Natürlich gab es auch Auseinandersetzungen, aber nicht vor uns Kindern.


    Morgen haben sie 60. Hochzeitstag. Im Sommer noch machte er Pläne, wen sie von ihren Freunden alles einladen, aber 'Dank Corona' fällt er vermutlich flach. Am Wochenende hab ich ihn gefragt, ob wir als Familie vielleicht zum Essen gehen sollten, ich bekam nur ein Kopfschütteln.


    Er ist innerlich zutiefst zerrissen. Einerseits wäre sein größter Wunsch, dass ich dauerhaft bei ihnen lebe, andererseits möchte er mich nicht zusätzlich belasten - wo er doch sich persönlich die Schuld an meinem Unfall gibt, was natürlich nicht so ist. Auch das habe ich erst etliche Jahre nach meinem Unfall erfahren. Niemand hat Schuld (außer die Liftgesellschaft), es war ein Unfall, wie er tausendfach täglich passiert.


    Als er vor einigen Jahren schmerzverzerrt auf meiner Couch saß, meinte er nur: "Das ist die Strafe!". Ich hab ihm gesagt: "Nichts, aber auch gar nichts, was er in seinem Leben gemacht hat, würde das als Strafe rechtfertigen! Wir hätten uns keinen besseren Vater wünschen können.". Und wieder weinten wir beide auf meiner Couch.


    Er leidet. Er leidet schon seit und wegen meinem Unfall, wegen Moms Demenz und seiner Unfähigkeit, nicht helfen zu können und keine Kraft mehr zu haben. Ich rede mir den Mund fusselig, dass er das nicht leisten kann und auch nicht leisten muss. Dafür gibt es heutzutage jede Menge Anlaufstellen. Man muss sie nur nutzen. Aber genau das lässt sein - ichweißnichtwas (Stolz? Beschützerinstinkt?) nicht zu.


    Was seine momentane Apathie (anders kann ich seinen Zustand im Moment nicht beschreiben) betrifft, wäre es auch möglich, dass er sich von uns übergangen fühlte, als wir mit der Mikrowelle daher kamen, aber die hab ich ja nicht eigeninitiativ bestellt, sondern in Absprache mit ihm.


    Ich bleibe weiter dran, werde für Samstag mal ein Testessen organisieren und weiter versuchen, ihm Hilfe zukommen zu lassen.


    Liebe Grüße und einen kraftvollen Tag allerseits
    KoDo

    Hallo liebe Runde,


    Halleluja! Mein Dad schaffte letzte Woche es, Mom in die Badewanne zu argumentieren - nach über sage und schreibe fünf Wochen. Der Clou ist aber, dass Dad erzählte, am Ende wollte sie gar nicht mehr raus. Haare waschen war nicht mehr drin, da ihnen das Shampoo ausgegangen ist. Das sind aber bei meinen Eltern in den letzten Jahren Einzelaktionen. Er wäscht und färbt ihr die Haare separat. Ganz stolz ist er immer auf sein Ergebnis und weist uns explizit drauf hin.


    Teuteburger:
    Vielen Dank für deine Preiseinschätzung. Ich hab jetzt noch einen weiteren Menüservice entdeckt, diesmal vom MHD. Allerdings haben sie keine pauschale Preisliste, die gibt's erst auf Anfrage - offenbar regionsabhängig.


    Martin Hamborg:
    Ganz lieben Dank für Ihren Zuspruch.
    Die größeren Sorgen macht mir jetzt allerdings mein Vater. Obwohl mein letzter Tag dort ziemlich entspannt ablief, war er tags darauf wieder in seiner Depression.


    Am Donnerstagabend kam es dann zu einer regelrechten Eskalation. Anlass war, dass mein Bruder die Mikrowelle, die ich mit Zustimmung meines Vaters bestellt habe, bei meinen Eltern vorbeibrachte und in der Küche aufstellte. Mein Vater tickte völlig aus, schrie rum, sie bräuchten sowas nicht, er will es nicht, sie hätten eh keinen Platz für sowas, es stünde eh schon so viel Zeugs rum. Als meine Mutter den Karton in den Keller 'aus dem Weg' bringen wollte, schrie er auch sie an und schmiss den leeren Karton durch die Gegend. Mein Bruder versuchte ihn zu beruhigen und räumte letztlich die Mikrowelle 'außer Sicht' in den Eingangsbereich.
    Das ist ein völlig neues und unerwartetes Verhalten meines Vaters. Ich weiß gar nicht, wann ich meinen Vater das letzte Mal schreiend erlebt habe - eigentlich noch nie.


    Der Grund für die Bestellung der Mikrowelle war ein Anruf meiner Mutter Anfang letzter Woche - versehentlich auf dem Handy meiner Schwägerin. Im Hintergrund hörte man den Rauchmelder. Mein Bruder ging sofort zu meinen Eltern, stellte den Rauchmelder ab und lüftete das ganze Erdgeschoss.
    Folgendes war passiert: Mein Vater holte vom Dorfladen ein Mittagsmenü, Fisch mit Kartoffelsalat. Sie beide teilten sich eine Hälfte (!), die andere Hälfte lag in der Pfanne und wurde 'warmgehalten'. Offenbar vergaßen sie beide den Fisch auf dem Ofen und gingen wieder ins Wohnzimmer. Mein Bruder nahm daraufhin kurzerhand die Sicherung des Ofens/Herds raus.


    Schon eine Woche vor dem 'Rauchmelder' hab ich mit meinem Vater beschlossen, die Mikrowelle anzuschaffen. Gerade weil wir schon länger Bedenken hatten, wenn meine Mutter am Herd steht. Das ist ja nicht das erste Mal, dass sie etwas auf dem Herd vergessen hat.


    Am Freitag kam ich wie abgemacht wieder über Nacht zu meinen Eltern. Als ich erzählte, dass ich Samstag spätestens um 18 Uhr Zuhause sein müsse, weil der Lieferservice kommt, war er schon enttäuscht, weil er davon ausging, dass ich bis Sonntag bleiben würde. Sein ganzes Verhalten war neu. Er sprach so gut wie kein Wort, jede Frage wurde mit einem Nicken oder Kopfschütteln beantwortet. Er saß eine gefühlte Ewigkeit alleine am Esstisch und grübelte vor sich hin. Ich nahm ihn in den Arm und sagte ihm, dass ich ihn doch verstehe, aber er müsse uns doch auch helfen, ihm zu helfen. Nur Kopfschütteln. Den ganzen Tag hat er bei jeder Gelegenheit, ihn von der Mikrowelle zu überzeugen, nur mit einem "Nein!" geantwortet. Bevor er zu Bett ging, schlug ich ihm nochmal vor, es doch wenigstens eine Woche zu versuchen. Wenn es nicht klappt, schicken wir sie nächste Woche zurück. Er meinte nur: "Macht was ihr wollt. Ist doch eh alles egal!".


    Am Sonntag kamen mein Bruder und ich wie gewohnt um 15 Uhr zum Kaffee. Mein Vater war immer noch teilnahmslos und völlig schweigsam.


    Ich blieb dann noch und hoffte, meiner Mutter die drei Knöpfe/Tasten lernen zu können. Sie ist zwar sehr aufgeschlossen dafür und war auch begeistert, als ich eine Tasse Wasser in einer Minute heiß machte, aber natürlich war das zu viel erwartet, und da mein Vater die Mikrowelle völlig ablehnt, fürchte ich, wir müssen sie zurücksenden.


    Bei einem weiteren Versuch, eine Antwort auf seinen Sinneswandel zu erhalten, bekam ich tatsächlich Antwort: "Ich fühl mich so allein!". Ich sagte ihm, er sei doch nicht alleine, wir sind doch alle für Dich da und ich bin ja auch nicht aus der Welt. Sogar zwei Nachbarinnen haben ihre Hilfe angeboten, aber er müsse die Hilfe auch bitte, bitte annehmen. Aber das ist es nicht, ich weiß, was er meint. Schon am späten Vormittag legt sich meine Mutter wieder hin und schläft teilweise drei bis vier Stunden und er sitzt alleine im Wohnzimmer und hat jede Menge Zeit zu grübeln. Solange ich da war, war er wenigstens nicht ganz alleine, jetzt eben schon.


    Das mit 'Hilfe annehmen' kann ich verstehen. Nach meinem Unfall mit 19 (inkompletter Querschnitt) war ich anfangs viel auf fremde Hilfe angewiesen. Diese anzunehmen fiel mir auch schwer, ganz zu schweigen davon, aktiv nach Hilfe zu fragen. Also, ich kenne das. Es hat etliche Jahre gedauert, bis ich das halbwegs zuließ. Er kann und will es einfach nicht.


    Dass er sich bisher noch nichts angetan hat, begründet sich einzig und allein mit meiner Mutter. Sie will er nicht alleine zurück lassen. Bei seinem letzten Tränenausbruch vor etwa zwei Wochen schmiegte sie sich zu ihm und meinte: "Dann gehen wir zusammen! Was soll ich denn ohne Dich hier?". Diese Szene trieb mir mal wieder die Tränen in die Augen. Diese Bemerkung hat sie - trotz ihres Zustands - die letzten Monate immer wieder gemacht.


    Bei mir wächst immer mehr der Eindruck, er gibt sich auf. Seit mittlerweile drei Tagen (die ich mitbekommen habe) hat er, abgesehen von seinem Philadelphia-Brot zum Frühstück, nichts gegessen. Gelegentlich holt er sich einen Keks aus ihrem Naschschrank, das war's aber dann auch. Bisher hat er wenigstens eine kleine Portion mitgegessen, wenn ich was gemacht habe. Gestern hat er sich nicht mal zu uns gesetzt.


    Als ich ihm sagte, dass ich mir im Moment mehr Sorgen um ihn, als um Mom mache, meinte er: "Dann habt ihr bald ein Problem weniger!". Mit Tränen in den Augen sagte ich ihm, er sei doch kein 'Problem' für uns. Wir tun doch unser Bestes ihm zu helfen, aber er müsse sich dann doch auch helfen lassen. Wieder nur Kopfschütteln.


    Gerade telefonierte ich mit ihm, seine Stimme ist nicht anders, als gestern, schwach und resigniert. Mom erkundigte sich, was es im Dorfladen gibt, aber auch das mag er wieder nicht.


    Ob er seine Medikamente nimmt, kann ich nicht sagen. Es würde mich aber nicht wundern, wenn er die nicht nimmt. Sein Zustand lässt das vermuten.


    Wie soll man nur jemandem helfen, der keine Hilfe annimmt? Ich fühle mich langsam selbst zur Hilflosigkeit verdonnert...


    Danke fürs Lesen.
    LG an alle
    KoDo

    Hallo Martin,


    zunächst mal ganz lieben Dank für Ihre Antwort. Schon nach Roses Feedback war ich wieder 'versöhnt'. Shit happens, das kenn' ich ja zur Genüge ;)


    Vielen Dank auch für die Tipps von Ihnen beiden. Ich hab auch schon den sozialpsychologischen Dienst für unsere Region gefunden. Der Kontaktaufnahme steht auch bei mir eine gewisse Hemmschwelle im Weg. Trotzdem, das werde ich in Kürze in Angriff nehmen.


    Meine Umsiedlung zu meinen Eltern begründet sich damit, dass ich eine neue Küche bekam, und pünktlich nach dem Abbau meiner alten kam Corona. Die unendlichen Verzögerungen in der Beschaffung führten dazu, dass ich mittlerweile über ein halbes Jahr in meinem alten Kinderzimmer bin. Meine eigene Schlagseite macht ein dauerhaftes Wohnen in meinem Elternhaus einfach nicht mehr möglich (ich kann schlecht in jeder Etage einen Rollstuhl platzieren) - aber was hätte ich nur gemacht, wenn ich diese Option nicht gehabt hätte... Mein Vater ist natürlich froh um jede Woche, die ich noch hier bin. Allein der Gedanke daran, dass ich wieder in meine Wohnung gehe, trieb ihm die Tränen in die Augen.


    Ich hab mit ihm jetzt abgemacht, dass ich künftig einen ganzen Tag hier einplane, und wenn es Fr/Sa nicht geht, weil ich selbst irgendwelche Termine hab, verschiebt sich's auf Sa/So. So hat er zumindest an einem Tag der Woche Unterstützung.


    Seit meinem ersten 'Mammuteintrag' hat sich einiges getan.
    Es begann im März, als sie nachts aufwachte, Hunger bekam und auf dem Weg nach unten den Handlauf der Treppe verpasste und komplett die ganze Treppe (16 Stufen mit einer 180°-Wendung) runterstürzte.
    Ergebnis: Gebrochene Schulter, gebrochener Oberarm, angebrochener Brustwirbel und eine Platzwunde am Kopf.


    So, und jetzt erklärt man mal der demenzkranken Mutter, dass sie in der für alle neuen Corona-Situation niemand besuchen darf. Das war, als stürbe sie jeden Tag den gleichen Tod wieder und wieder.


    Es folgte ein Krankenhaus-hin-und-her, verteilt auf zwei Krankenhäuser. Diese Hick-Hack bekomme ich beim besten Willen nicht mehr genau zusammen. Ärgerlich für uns und quälend für meine Mutter jedenfalls...


    Noch am selben Tag aktivierte mein Bruder einen Freund, der ober- und unterhalb des Treppenhauses einen Bewegungsmelder installierte, sodass sowas nicht mehr vorkommt. So der Plan.


    Wir haben nicht bedacht, dass sie es sich einfach nicht mehr merken kann, das Licht hinter sich nicht mehr auszumachen. Bis zu einem gewissen Punkt kann ich das nachvollziehen. Wir wurden von klein auf stromsparend erzogen. Umwelt war in den 60ern und 70ern noch nicht das Thema, sondern schlichtweg das Geld. Seit mittlerweile seit einem halben Jahr versuchen wir sie mehrfach täglich daran zu erinnern, das Licht nicht auszuschalten, es geht von alleine aus.


    Wir kamen jetzt zu dem Schluss, dass es im Grunde wurscht ist, wenn sie das Licht ausmacht. Der Letzte, der ins Bett geht, kontrolliert die beiden Schaltungen. Fertig. Dann ist es egal, wenn sie tagsüber den Bewegungsmelder deaktiviert.


    Von den vielen andere kleinen Geschehnissen muss ich hier nicht die Speicherkapazität füllen. Diese kleinen, mittleren und größeren Probleme hat wohl jede/-r hier.


    Eines davon, an dem mein Vater noch verzweifelt, hört sich als Kleinigkeit an. Jeden Tag nach dem Frühstück sammelt sie die Brösel zusammen und legt sie (im günstigsten Fall) vor dem Haus aufs Tonnenhäuserl (im ungünstigsten Fall sammelt sie die Brösel irgendwo in der Küche). Mit dem Ergebnis, dass sich die Vögel dran freuen und das wiederum freut meine Mutter. Das Problem ist, dass die Spatzen beim Start das daneben stehende Auto meiner Eltern vollkacken. Dass der Vogelkot für den Autolack keine explizit pflegende Wirkung hat, muss nicht genauer erklärt werden.


    Wie gesagt, das hört sich erst mal lustig an, bringt aber meinen Vater als ehem. Werkstatt-Inhaber an den Rand der Verzweiflung. Als Lösungsmöglichkeit hab ich ihr jetzt angeboten, sie soll doch die Brösel hinterm Haus in den Garten schmeißen, da stört's niemanden und die Vögel finden sie schon, die können ja schließlich fliegen.
    Das kann sie sich eigenartiger Weise meistens merken.


    Sorry für den schon wieder riesigen Eintrag. Dankeschön fürs Lesen und Durchhalten!


    PS: Ich erwarte dieses Mal keine Antwort. Im Moment sehe ich die Plattform hier als eine Art Tagebuch. Ich hoffe, das geht in Ordnung. Wenn nicht, bitte kurze Mitteilung.

    Hallo Rose60,


    ganz lieben Dank für Ihr Feedback.


    So langsam knackt mein Vater auf. Als zwei- bis dreiwöchige Haushaltshilfe hat sich meine Cousine angeboten, was er zunächst zähneknirschend angenommen hat, mittlerweile will er auf sie nicht mehr verzichten.


    Im Moment versuche ich ihm 'Essen auf Rädern' schmackhaft zu machen und argumentiere mit der Unterversorgung meiner Mutter (sie isst extrem wenig, auch wenn ich drei volle Portionen koche. Das reicht für mind. vier Mahlzeiten der beiden). Ihr zuliebe ist er zu allem bereit, dauert halt, bis er sich selbst dazu 'durchringen' kann. Ich werde voraussichtlich dieses WE in meine Wohnung zurückziehen, also hab ich ihre Versorgung nicht mehr im Blick. Jetzt bin ich halt der 'stete Tropfen'...


    Nochmals lieben Dank und alles Gute allerseits :D


    Nachtrag:
    Hinzuzufügen ist noch, dass sie im Mai rückwirkend zum Antragsdatum im März die Pflegestufe 3 zugesprochen bekam. Das Ganze fand Corona-konform, nämlich telefonisch, statt.

    Nachtrag:
    Schwersten Herzens habe ich mit einem Pflegedienst im Nachbarort Kontakt aufgenommen. Nachdem ich der eigentlich freundlichen Dame am Telefon die Situation geschildert habe, meinte sie, sie müsse sich mit ihrer Chefin absprechen und melde sich im Laufe des Tages bei mir.


    Das war vor drei Wochen.


    Genauso fühle ich mich jetzt hier. Schlimmer noch. Mein Eintrag ist vom Juli 2019 (!!!). Nicht eine einzige Reaktion, ganz zu schweigen von einem Rat, oder - egal was. Nichts!


    Ich dachte wirklich, ich kann hier Hilfe finden. Und wenn nicht Hilfe, dann zumindest - keine Ahnung - ein virtuelles Schulterklopfen? Irgendwas... Tja, falsch gedacht.


    Da soll man sich nicht verlassen vorkommen. Eine Enttäuschung mehr...

    Hallo,


    zuerst mal mein tiefes Mitgefühl. Mit meiner Mutter hab ich das alles noch vor mir.


    Besteht bei Ihnen die Möglichkeit für einen Homeoffice-Arbeitsplatz? Den habe ich zwar aus anderen Gründen, aber aus einem reinen Bürojob könnte man durchaus einen Heimarbeitsplatz machen. Wenn mein Vater ins Krankenhaus muss, pack ich mein Notebook und arbeite bei meiner Mutter. Natürlich mit Zustimmung des Arbeitgeber, aber da bin ich glücklicherweise mit einem sehr zugänglichen AG 'gesegnet'.


    Viel Kraft und gutes Gelingen :)

    Hallo,


    wie vermutlich viele, habe ich mich heute hier angemeldet, weil uns langsam die Situation über den Kopf wächst. Wir, das sind mein 'kleiner' Bruder und ich.


    Vor einigen Jahren hat sich bei meiner Mutter (81) Demenz eingeschlichen. Anfangs war sie noch todunglücklich über ihr schwindendes Gedächtnis und ihre Vergesslichkeit, die zeit ihres Lebens starke Frau hat deshalb plötzlich geweint - mittlerweile findet sie alles nur noch lustig ("Ja mei, in unserem Alter darf'ma schon mal was vergessen.").


    Gestern hat sie für große Aufregung gesorgt. Vorgestern brach sie sich die Hand, weil sie in der Küche auf einen Hocker stieg und der wegrutschte. Gestern wurde die Hand operiert. Als sie mein Bruder gestern Abend besuchen wollte, war sie nicht im Zimmer.


    Ihre Zimmernachbarin sagte, sie wollte ihrem Besuch entgegengehen. An keinem der Eingänge war sie zu finden. Er lief x-Mal durchs Haus und informierte schließlich die Station. Mittlerweile hat auch schon das Personal begonnen, alle Zimmer abzusuchen, vielleicht ist sie ja in ein falsches Zimmer gegangen. Nichts.


    Da ich nicht weit vom Krankenhaus wohne, hat auch die Möglichkeit bestanden, dass sie sich in meine Richtung auf den Weg gemacht hat., deshalb waren wir ständig telefonisch in Kontakt. Er lief mehrfach rund ums Krankenhaus, hat sogar in dessen Kirche gesucht und irgendwann hat das KH beschlossen, die Polizei zu informieren.


    Zwischenzeitlich bekam ich einen Anruf am Handy von einer unbekannten Nummer. Ein junger Mann meldete sich, er rufe im Auftrag meiner Mutter an, er und seine Freunde (zwei Pärchen) haben sie 'aufgelesen', sie ist gestürzt und habe sich verlaufen. Ich hab ihm unendlich gedankt, ihm kurz die Situation erklärt und ihn gebeten, ob er sie zum Krankenhaus zurückbegleite. Zeitgleich rief mein Bruder an, der auf dem Weg zum Ausgang war, um dort auf die Polizei zu warten. Im Grunde liefen sie meinem Bruder schon in die Arme.


    Er hat sie dann zurück ins Zimmer gebracht und mit Hilfe der Krankenschwester wurde sie dann noch medizinisch versorgt und 'bettfertig' gemacht. Nach ihren Angaben war sie beim Versuch in den Bus zu steigen gestürzt (meine Mutter ist seit den 60er-Jahren nicht mehr mit den Öffentlichen gefahren, sie war immer autark und selbst mit dem Auto unterwegs. Die letzten Jahre natürlich nicht mehr.). Entsprechend sah sie auch aus, die Hose war zerrissen und sie war von oben bis unten schmutzig. In dieser Situation haben sie die jungen Leute 'aufgegriffen'. Meinen Bruder hat sie dann noch gefragt, wo sie denn sei und wie sie denn bezahlen solle, so viel Geld habe sie nicht dabei. Als das geklärt war, war sie beruhigt und er fuhr zu sich nach Hause.


    Soweit, so gut.


    Wie gesagt, die Situation an sich ist uns ja nicht neu, aber bisher wurde von beiden Eltern jede Annahme einer Hilfe, sei's eine Haushaltshilfe, oder den Antrag auf eine Pflegestufe, kategorisch abgelehnt. Pflegestufe schon gar nicht, schließlich ist es ja nicht sie, die krank sei - ihre Meinung.


    Seit einigen Jahren nimmt mein Vater sie mit zu seiner Neurologin. Dort wurden bereits in Abständen mehrere Tests gemacht und eine (damals) beginnende Demenz festgestellt. Ob und welche Medikamente sie bekommt, darüber bekommen wir nur sehr schwer Auskunft von meinem Vater. Jedes Wort muss man ihm aus der Nase ziehen.


    Unsere Historie ist voll von massiven Ereignissen, wie z.B. meinem Unfall mit 19, an dem sich mein Vater persönlich die Schuld gibt - was natürlich nicht so ist, es war einfach ein Unfall wie er jeden Tag passiert - nur eben mit weitreichenden gesundheitlichen Folgen für mich; oder seinen Blasenkrebs und den Folgemaßnahmen, etliche Chemotherapien, mit denen er sich immer wieder seit über 30 Jahren befassen muss - ganz abgesehen von den permanenten Schmerzen. Das nur ein paar der bestehenden Umstände.


    Und jetzt die Situation mit meiner Mutter, die ihn immer mehr überfordert. Auch er wird seit einigen Jahren schon auf seine Depressionen behandelt. Erschwerend kommt hinzu, dass seine Mutter, also unsere Oma, mit 88 ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hat. Sie hat ihren körperlichen und geistigen Verfall nicht mehr ertragen und wollte niemandem von uns 'zur Last fallen'. Damit hat sie natürlich die 'Hemmschwelle' für meinen ohnehin schon depressiven Vater immens herabgesetzt. Entsprechende Bemerkungen hat er schon mehrfach fallen lassen, versteckt hinter seinem allseits bekannten schwarzen Humor.


    Sie wohnen gemeinsam in unserem Elternhaus, das sie in den 70ern gebaut haben. Allerdings lässt die Pflege des Haushalts mittlerweile natürlich auch zu wünschen übrig - was kein Vorwurf sein soll, sondern nur eine Feststellung. Aber, wie schon erwähnt, eine Unterstützung wird wehement abgelehnt "Brauch'ma ned! Kann ich alles selber!".


    Zur 'Entlastung' meiner Mutter möchte ich noch anmerken, dass die Situation gestern im Krankenhaus für sie außergewöhnlich war. Sie war erst einmal überhaupt im Krankenhaus und hatte vermutlich noch Reste der Narkose intus. Das alles hat die Stresssituation für sie noch erhöht.


    Trotzdem, wir sind langsam am Ende unserer Weisheit.


    Wie oder wo können wir Hilfe bekommen, ohne dass wir in 'die Mühlen der Bürokratie' geraten? Welche rechtlichen Voraussetzungen benötigen wir? Eine Patientenverfügung haben wir (mein Bruder und ich) für beide unserer Eltern.


    Sorry für den ellenlangen Text, ich hoffe, ich habe ihn halbwegs leicht lesbar verfasst, aber das sind nur die wichtigsten 'Eckdaten' der Situation.


    Vielen Dank fürs Lesen und Durchhalten :)