Beiträge von Fragnichtwarum

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    Liebe Rose,


    ich glaube, unsere Mütter haben oder hatten da ein bisschen Ähnlichkeit in der Art, wie sie jeweils mit ihrem Schicksal hadern.


    Und diese Ängstlichkeit: "Hoffentlich wird es einfach nur ein schöner Besuch, ohne Grundsatzsdiskussionen, dass alles bitte so wird wie früher!" kenne ich auch.


    Aber bitte was ist denn an Ihnen „nicht richtig“?!? Und warum ärgern Sie sich über sich selbst, wenn Sie mal "unprofessionell" reagieren?!? Sie sind kein Profi, sondern die Tochter und können sich damit viel, viel weniger abgrenzen!


    Mal ganz ketzerisch: Der beste Trick für ein ständig gutes Gewissen und dafür, mit sich und der Situation der Eltern immer schön zufrieden zu sein ist doch, möglichst wenig davon mitzukriegen und immer schon rechtzeitig "verduftet" zu sein, bevor die Lage gerade richtig schlecht wird oder die Stimmung kippt. Dann kommen einem wahrscheinlich die kränksten Eltern ganz pflegeleicht vor...


    Aus der Situation, pflegebedürftig zu sein, mehrere Krankheiten und den Partner verloren zu haben, kann einfach nicht das "Happy End" werden, das wir uns für unsere Eltern so wünschen würden.


    Es gibt ein Buch von Ernst Engelke: „Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker", und obwohl Demenz hier keine Rolle spielt, hat mich der Gedanke sehr beeindruckt, dass man Menschen auch brutal überfordern kann, wenn man zu sehr hofft, dass sie sich mit ihren schweren Schicksalen abfinden sollen und doch bitte nicht verzweifelt sein und hadern.
    Ich glaube, unsere Wünsche, dass es unseren Eltern gut gehen soll, sind auf der Kehrseite der Medaille eben auch Wünsche AN unsere Eltern, die sie uns leider nicht erfüllen können.


    Dass Sie der Situation manchmal ein paar Tage ausweichen aus Selbstschutz oder zur Erholung, aber ansonsten "am Ball" bleiben und sich auch den schlechten Phasen und dem Unguten der Situation Ihrer Mutter stellen, selbst wenn Sie von ihrer Vehemenz manchmal eingeschüchtert sind und sich nicht immer so abgrenzen können, wie es die Profis vielleicht mühselig lernen mussten, finde ich eine große, taffe Leistung von Ihnen!


    Und ich glaube, dass es das ist, was unsere Mütter so heftig von uns einfordern: Sie spüren bestimmt, dass ihr innerer Aufruhr bei uns ein Echo findet, und es ist doch ganz verständlich, dass sie nicht allein sein wollen mit ihrem Hader und ihrem Strampeln gegen das Schicksal, sondern erleben wollen, dass das am Gegenüber eben nicht einfach abperlt. Vermutlich bekommen gerade wir Bezugspersonen deshalb so viel von ihrem Frust ab.


    Wenn mir dieser ängstliche „Verdufte“-Gedanke aufkommt: "Bitte, bitte, einfach nur einen schönen Nachmittag!", funktioniert es jedenfalls - das ist bestimmt kein Zufall - meist besonders schlecht.
    Und wenn Ihre Mutter selbst hadert, zweifelt und kämpft, und sie spürt Ihre Selbstzweifel und Ihre Unsicherheit, dann könnte sie das doch noch mehr in dem Gefühl bestätigen, dass da etwas falsch läuft und sie dagegen energisch andrängen muss.
    Unsicherheit überträgt sich ja sehr stark, und es wirkt fast ein bisschen , als teste Ihre Mutter aus, was noch möglich ist, weil Sie als Gegenüber noch unsicher sind darüber, was definitiv NICHT MEHR möglich ist.


    Sie zählen doch eine ganze Reihe von Gründen auf, warum Sie und Ihre Schwester damals entscheiden mussten, Ihre Mutter im Heim versorgen zu lassen, und wahrscheinlich gibt es noch mehr.
    Wäre es eine Rückenstärkung für Sie, sich mit Ihrer Schwester noch einmal zu besprechen und klarzumachen, warum das nötig war bzw. ist? So ganz konkret: Wofür hatte der Tag zu wenig Stunden? Was klappte nicht mehr ohne Hilfe? Wozu hatten Sie keine Kraft mehr? So als wollten Sie es Ihrer Mutter erklären?


    Diese Selbstzweifel, dass man es nicht richtig macht, sind bestimmt eine gute Warnung, immer wieder offen zu sein für Hinweise, wie man es besser machen könnte. Vielleicht hilft es auch, wenn Sie die Pfleger*innen im Heim um kritische Hinweise bitten für den Fall, dass ihnen etwas auffällt, das Sie besser machen oder lieber bleibenlassen sollten.


    Aber ist es nicht etwas sehr Starkes, wenn Sie Ihrer Mutter bei Ihren Besuchen Freundlichkeit und Zugewandtheit mitbringen, obwohl Sie nicht die Wundertochter sind, die am Schicksal drehen kann?


    Wenn es Ihnen gelingt, sich innerlich auch mal auf diesen Standpunkt zu stellen, Ihre Mutter auch einfach mal grollen zu lassen und selbst ein bisschen innere Ruhe zu finden, wird Ihnen das beim nächsten Treffen mit Ihrer Mutter auf keinen Fall schaden – und Ihrer Mutter bestimmt auch nicht;-)


    Herzliche Grüße

    Liebe Rose,


    auch ich kann Ihre Fassungslosigkeit gut verstehen, obwohl ich früher eher entspanntere Erfahrungen mit meinen Eltern, speziell mit meiner Mutter hatte.
    Als ihre Demenz weiter fortschritt, habe ich dann aber auch "Erlebnisse der dritten Art" mit ihr gehabt, wenn sie mich plötzlich angerufen und beschimpft hat: Sie wolle mich am liebsten gar nicht mehr sehen, ich achte sie nicht, ich sei eine Egoistin, etc.pp. Weil sie z. B. etwas verlegt hatte und glaubte, das habe ich weggeschleppt.


    Bei solchen plötzlichen Ausfällen haben mir z. T. wirklich die Knie und die Hände gezittert, denn ich kannte sie bis dahin nur als sehr freundlich, anhänglich und liebevoll, eher etwas klammerig.
    Ein paar Stunden später war dann alles vergessen und ich war wieder das Liebste.


    Inzwischen sind solche Ausfälle wieder fast vollständig zurückgegangen; vielleicht macht Ihnen das ein wenig Mut.


    Neben Teuteburgers Hinweis auf Aggression als Ventil für Hilflosigkeit und Frustration, die anders nicht bewältigt werden können, fallen mir noch zwei Dinge ein, die vielleicht eine Überlegung wert sein könnten:


    Ihre Mutter scheint ja noch einigermaßen fit in der Kommunikation zu sein und sich doch auch noch konzentrieren zu können.
    Und jetzt hat sie dass Problem, dass Sie und die Pflegerinnen im Heim, die ja Vertrauenspersonen für sie sind, an die sie sich wenden möchte und muss, zugleich die Fiesen sind, die alles falsch machen, stehlen, über ihre Bedürfnisse einfach hinweggehen, etc.. Das muss ein sehr quälendes Dilemma für sie sein.


    Ich habe manchmal, wenn meine Mutter so auf mich oder einen anderen Sündenbock losfuhr, den Spieß umgedreht und sie - wenn ich wieder ruhig atmen konnte -, ganz ruhig und aufmerksam gefragt: "Und Du? Was würdest Du denn tun, wenn ... (es Deine Mutter wäre / alles andere auch nicht funktioniert hat / es um Deinen Mann ginge / Du auch nicht genau wüsstest, wie man es richtig macht?)" - je nach Situation.
    Nicht, um einen richtigen Plan zu hören, den sie in ihrer Aufregung ja gar nicht haben konnte, sondern damit meine Mutter Gelegenheit zum Nachdenken hatte, die Phantasie spielen lassen musste, um sich in eine andere Rolle hineinzuversetzen, sich ein bisschen sammeln und konzentrieren konnte und die Gelegenheit hatte, mir etwas von ihren eigenen Gedanken und Gefühlen mitzuteilen.
    Da kam dann oft zurück: "Ich wäre viiiiiel respektvoller!" oder "Ich würde ihn einfach in Ruhe lassen!", aber auch Dinge wie "Hach, man lebt halt einfach zu lang..." oder "Sei Du mal in meiner Situation..."
    Da konnte ich dann manchmal etwas besser verstehen, was gerade ihr Problem oder ihre Stimmung war, und manchmal war das dann auch der Anfang zu einem etwas ruhigeren Gespräch. Und bei ihr war dieser erste wilde, wütende Affekt dann irgendwie so aufgefangen, dass sie daraus auch wieder in ein normales Gespräch oder eine mehr "partnerschaftliche" Diskussion finden konnte, selbst wenn das Problem damit natürlich nicht unbedingt zu lösen war.
    Ich glaube, auch für sie war es dann oft angenehmer, aus dem Furien-Modus wieder zurückzufinden und wieder mehr bei sich zu sein.
    Wenn Ihre Mutter sich also noch einigermaßen mitteilen kann, wäre es vielleicht einen Versuch wert, ihr hin und wieder solche Brücken zu bauen, um sich zu sammeln und zu sich zurückzufinden, selbst wenn sich in der Sache, um die es geht, nicht viel verändert.
    Aber für eine Weile war das gestörte Vertrauensverhältnis wieder mehr im Lot.


    Das Andere ist etwas, das ich an einer anderen Person beobachtet habe:
    Dass jemand, der vorher selbst viel Aggression einstecken musste oder miterlebt hat und entsprechend eingeschüchtert war, später selbst in die Rolle des Wüterichs schlüpft und quasi genau das tut, wovor er sich selbst früher gefürchtet hat. Und davon natürlich auch nicht ausgeglichener wird...
    Könnte es einen Versuch wert sein, dass Sie Ihrer Mutter, wenn sie von der vormals Eingeschüchterten zur "Einschüchterin" wird, wieder die andere Seite vorhalten, die sie aus eigener Erfahrung kennen müsste, indem sie Ihr sagen: "Weißt Du, dass Du mir gerade Angst machst? / mich gerade traurig machst?"
    Nach meiner Erfahrung wirkt das manchmal, denn so ein "gebissener Beißer" möchte vielleicht doch nicht wirklich brutal sein...


    Es heißt ja oft, man solle Demenzkranken keine offenen Fragen stellen, weil das Stress erzeugt, aber nach meiner Erfahrung könnten solche Fragen, wenn die Demenz noch nicht so weit fortgeschritten ist, auch eine Einladung sein, dass Sie Ihrer Mutter zuhören und sich mit ihr besprechen wollen, oder auch eine Anregung, auf der Gefühlsebene eine Gemeinsamkeitsgefühl herzustellen.


    Vielleicht mag Ihre Mutter darauf manchmal eingehen?


    Liebe Grüße

    Liebe Teuteburger,


    Jetzt habe ich nicht ganz im Kopf, ob es Ihre Schwiegermutter ist, die bereits stundenweise Betreuerinnen bei sich hat (lese auch viel heimlich mit, bin aber oft auch durcheinander, wer in der Runde mit welchem Kummer zu kämpfen hat). Vielleicht würde es Ihrer Schwiegermutter damit ein klein wenig leichter fallen, sich an ein unfreiwilliges Mehr an Betreuung zu gewöhnen?


    @ grüneslicht: Das Abwarten, bis Ihre Mutter komplett in einer Sackgasse steckt, von dem manchmal die Rede ist, scheint mir eher eine traurige, kräftezehrende Ultima Ratio zu sein, wenn schon viele andere Versuche zu helfen fehlgeschlagen sind. Ob dann wirklich ein Nachgeben oder Einsicht zu erwarten sind oder einfach nur Verzweiflung und Erschöpfung für alle Beteiligten, sodass jede Lösung dann als Erleichterung empfunden wird, kann ich auch nur vermuten.


    Der Punkt, an dem Sie oder jemand anderes Ihrer Mutter etwas aufdrängen müssen, das sie nicht möchte, wird bestimmt irgendwann kommen - die Wünsche eines Menschen mit Demenz sind irgendwann bei aller Liebe nicht mehr ganz zu erfüllen, weil sie oft auf Fehleinschätzungen der eigenen Situation beruhen.


    Sie werden sich vielleicht mehr grämen, wenn Sie eine Kompromisslösung gar nicht versucht haben, als wenn ein Versuch, den Sie gemacht haben, vielleicht doch nicht klappen sollte.


    Alte Mütter müssen nicht mit allem nach drei Stunden einverstanden sein, was das Leben ihnen und ihrem wirren Kopf zumutet; das ist total verständlich, finde ich.
    Aber einen großen Kladderadatsch vielleicht vorerst zu vermeiden, das ist ein echter Gefallen, den man ihnen vielleicht tun kann.


    Viel Geduld und viele Grüße


    Fragnichtwarum

    ... und vielleicht zur Info noch:
    Auch meine Mutter hat zwar damals nach stundenlangem Belabern einmal "wenn's nicht anders geht" gesagt, war dann aber, als es so weit war, total dagegen. Irgendwann ist ein dementer Mensch auch nicht mehr in der Lage, im eigenen Interesse Kompromisse zu machen...

    Guten Abend, grüneslicht,


    wenn Sie und Ihre Geschwister die Sache nicht zu optimistisch angehen und von Ihrer Mutter nicht zu viel Kooperation erwarten, könnte es einen Versuch wert sein.
    Wie viel Einsatz und Hilfe bei der Eingewöhnung könnten Sie denn gemeinsam leisten?


    Nach meiner Erfahrung ist die Situation auch mit einer Betreuungskraft im Hause für alle drei Seiten eine Belastung: Meine Mutter leidet unter den "Eindringling" und unter dem Gefühl, bevormundet zu werden; die Betreuungskraft unter dem Stress, immer wieder auch abgelehnt zu werden, und ich unter dem Druck, doch ständig weiter gefordert zu sein bei Konflikten und der Organisation vieler Alltagsdinge.
    Trotzdem: Die Alternativen werden bald auch sehr belastend werden, und wenn man weiß, dass es DIE richtige Option sowieso nicht geben kann bei dieser Krankheit, ist der Schritt zu einer häuslichen Betreuung zwar bestimmt ein einschneidendes Erlebnis für Ihre Mutter und auch für Sie als Kinder, aber letztlich doch auch eine echte Möglichkeit, Ihrer Mutter noch Zeit zuhause zu geben, in der sich jemand auf ihre Bedürfnisse und ihren Rhythmus einstellen kann, ohne Zeitdruck und ohne die "Konkurrenz" anderer Bewohner oder Kunden - das ist viel wert, und letztlich spielen die meisten von uns doch auf Zeit, in der es noch irgendwie gutgeht...


    Wäre es denn denkbar, dass von Ihnen und Ihren Geschwistern zu Anfang jede*r ein paar Urlaubstage reinsteckt, um bereit zu sein, wenn es zu Protest, Angst und Verunsicherung kommt?
    Das ist, glaube ich, schon sehr wichtig, denn es kann im Anfang sehr schockierend sein für Ihre Mutter, wenn diese fremde Dame dann abends einfach nicht mehr geht.


    Die Damen sind nach meiner Erfahrung wirklich geduldig, freundlich und hilfsbereit (und ehrlich) gewesen; nur die Illusion von der neuen besten Freundin sollte man sich besser sparen, dann werden Sie Ihrer Mutter und den Damen eher gerecht.


    Und wenn die Damen einigermaßen erfahren sind und etwas Deutsch können, haben sie es nicht schwer, woanders eine neue Stelle zu finden, wenn es ihnen bei Ihrer Mutter nicht passt oder wenn in der eigenen Familie etwas Schlimmes los ist; das kenne ich aus Erfahrung;-)
    Sie müssen schon ein paar Urlaubstage pro Jahr für die Notfälle übrig behalten.


    Kurzum: Die Erleichterung, die ich mir damals vor drei Jahren erhofft hatte, bringt eine häusliche Betreuung bei einer eher auf ihre Eigenständigkeit bedachten, etwas extravaganten Persönlichkeit nicht, aber doch sehr, sehr viel Erleichterung, wenn man eine gute Agentur hat.


    Sie werden trotzdem "ranmüssen" - seelisch und in der Organisation und Moderation - aber Sie nehmen vielleicht einen Einschnitt vorweg, der sonst später in drastischerer Form sowieso bevorsteht (Heim unter Corona -Bedingungen oder Unfall etc.), und erhalten Ihrer Mutter noch viel Gewohntes. Und die Damen, die bei meiner Mutter wohnen, sind schon auch gute Beobachterinnen. Wenn die Demenz schlimmer wird, kriegen Sie,wenn Sie berufstätig sind, viele Schwächen Ihrer Mutter einfach nicht mehr mit, wenn Sie abends oder am WE kommen; die Damen kennen den Alltag meiner alten Frau Mama schon ziemlich gut - manchmal besser als ich, obwohl ich meiner freien Zeit viel bei ihr bin.


    Ich fluche jeden Tag mindestens dreimal, aber ich würde es auf jeden Fall wieder so machen.
    Pflegedienst zu Medigabe ist übrigens etwas, das ich beibehalten würde. Dann hat man, wenn es nicht klappt, immerhin schon einen Fuß in der Tür.


    Es klingt brutal, ist aber nicht so gemeint: Bei Demenz wird sich Vieles,was Sie tun, falsch anfühlen. Die häusliche Betreuung kann, wenn es für alle Seiten einigermaßen auszuhalten ist, meiner Meinung nach ein nicht ganz so falscher Weg sein.


    Viel Erfolg, starke Nerven und das nötige Glück bei der Suche nach einer Betreuungskraft wünscht


    Fragnichtwarum

    Lieber Andydreas,


    auf die Gefahr hin, dass ich hier in eine erfahrene Runde hineinplatze und genau die "gut gemeint - schlecht gemacht"-Ratschläge produziere, die Sie und viele andere hier schon längst nicht mehr hören können:


    Wenn, wie Sie schreiben, ein guter Freund, nicht irgendjemand die Bedenken zur Frage der Strafbarkeit geäußert hat (wie viele gute Freunde bleiben einem nach zig Jahren Pflegetätigkeit denn noch?), dann ist das m. M. n. ein Hinweis darauf, dass Sie sich nicht nur menschlich-pflegerisch-praktisch, sondern auch rechtlich in einer sehr verletztlichen Situation befinden, und dieser Hinweis scheint mir sehr bedenkenswert, selbst wenn dieser Freund Ihre Situation im Detail vielleicht nicht immer nachvollziehen kann.


    Meint Ihr Freund selbst, Sie versäumten etwas, das für Ihre Mutter getan werden müsste (Magensonde, etc.pp.) und möchte Sie darauf hinweisen?
    Oder warnt er Sie davor, dass vielleicht später irgendjemand in guter oder eben nicht so guter Absicht auf die Idee kommen könnte, Strafanzeige zu stellen?


    Beides weist darauf hin, dass wir uns als freiwilig Pflegende sowohl pflegerich-medizinisch in einem Bereich ständiger Unsicherheit bewegen als auch rechtlich leicht angreifbar sein können.
    Warum macht jeder professionelle Pflegedienst diesen Aufwand bei der Dokumentation?
    Warum gibt es im KH, wenn die Krankheit eines Patienten einen sehr unübersichtlichen, ungünstigen Verlauf nimmt oder in eine Krise kommt, das multiprofessionelle Fallkonsil?
    Natürlich in erster Linie zum Wohl des Patienten. Das Ganze hat aber auch immer den Nebeneffekt, dass die Beteiligten nicht nur mehr Sicherheit über die geeignete Behandlung finden und sich gegenseitig auf Fehler oder Verbesserungsmöglichkeiten aufmerksam machen können, SONDERN AUCH, ganz wichtig!, ihre Bemühungen dokumentieren und gegenseitig bezeugen können. Falls Angehörige oder Kollegen oder sonstwer hinterher Behandlungsfehler vermuten sollten...


    Selbst wenn Sie in einer Situation, in der man wahrscheinlich gar nicht alles richtig machen kann, das Richtige tun: Sie sind ja gegen Ihren Willen offenbar sehr allein mit der Verantwortung. Haben keine Hilfe, aber möglicherweise auch kaum Zeugen für Ihre Bemühungen und vielleicht auch nicht für das Verhalten Ihrer Mutter, das ja, nach dem, was Sie schreiben, viele Standard-Pflegehandlungen unmöglich macht.


    Der nette oder nicht so nette Nachbar, der nie geholfen, aber dafür schon gefragt hatte: "Den Schrebergarten braucht Ihr doch nicht mehr...", der kann ja theoretisch wirklich irgendwann auftauchen und das Thema Pflegefehler für sich entdecken.


    Wenn Sie dann total erschöpft und möglicherweise in Trauer sind, haben Sie dann wirklich noch die Kraft und den Nerv, sich mit so etwas auseinanderzusetzen, oder wäre es dann nicht besser, Sie hätten von vornherein Zeugen dafür, was möglich war und was nicht?


    Sie müssen Ihre viel zu große Verantwortung möglichst bald mit jemandem teilen, und zwar mit einem konkreten Experten, der ein Gesicht und eine Adresse hat. Hanne hat das getan, indem Sie einen Betreuer gesucht hat, Rosina hatte den Hausarzt, ich habe die Hausärzte und einen Pflegedienst zur Medi-Gabe. Die SEHEN unsere Eltern, kommen in den Haushalt oder ins Heim und finden vielleicht machmal, dass wir uns zum Affen machen, aber vielleicht nützt es unseren Eltern etwas, und wenn nicht, dann können diese Personen bestätigen, dass, was wir tun, nichts genützt hat.


    Nach den Tipps zum Einschreibebrief, der Rufnummer der hausärztlichen Bereitschaft, dem Auf-die-Nerven-Gehen vielleicht noch einer: Wenn niemand sonst bereit ist, Ihre Wohnung zu betreten, gibt es einen Pfarrer oder eine Gemeindeschwester, die vielleicht kommen würden?
    Oder den Pflegedienst zur Medi-Gabe bestellen? Zahlt die Krankenkasse, und selbst wenn letztlich dann doch Sie Ihrer Mutter die Tabletten geben müssen, weil sie sie anders nicht nehmen wird: Sie hätten, zumindest beim Rein- und Rauslassen der Pflegedienstmitarbeiter - praktischen Rückhalt für den Notfall UND Zeugen.


    Sie zu trösten oder aufzumuntern, möchte ich besser gar nicht erst versuchen, aber ich möchte, dass Sie und Ihre Mutter baldmöglichst rauskommen aus dieser Allein-und-ohne-Zeugen-Falle.


    Alles Gute


    Fragnichtwarum

    Lieber Andydreas,


    schon länger lese ich hier mit auf der Suche nach Tipps und Ratschlägen, und Ihre Erlebnisse haben mich oft sehr betroffen gemacht!
    So klug, besonnen und erfahren Hannes und Sonnenblümchens Ratschläge sind - sie kommen, wie alles hier, aus der Ferne; niemand hier, natürlich auch ich nicht, konnte Ihre Mutter sehen, untersuchen oder beobachten und einschätzen, ob ihr Lebensende wirkllich so nahe ist, wie Sie vielleicht vermuten.


    Nachdem ich vor einem halben Jahr in einer ähnlichen Situation war wie Sie, kenne ich die Sorge, die Ihr Freund äußert, als eigene Befürchtung: Was, wenn ich trotz aller Mühe und allen guten Willens etwas versäume und mich (rechtlich oder "nur" moralisch) schuldig mache, einfach, weil ich die Situation falsch einschätze?


    Drastisch formuliert: Wenn ich irrtümlicherweise überzeugt bin, dass eine bettlägerige Person sich im Sterbeprozess befindet, dann verhalte ich mich möglicherweise so, dass ich den Sterbeprozess durch liebevolles Unterlassen überhaupt erst einleite.


    Ich fürchte, wir als Laien, die normalerweise nur wenig Erfahrung haben mit dem Unterschied zwischen großer Schwäche und dem Sterben, sind in dem Dilemma zwischen "Das Unvermeidliche geschehen lassen" und dem nötigen Helfen allein doch total überfordert.


    Auch ich bin der Meinung , dass man einen ruhigen, schmerzfreien, einigermaßen "natürlichen" Abschied bei einem schwerkranken Menschen keinesfalls durch immer neue Eingriffe aufhalten sollte, aber in der Frage, ob dieser Zeitpunkt gekommen ist, sollten Sie sich unbedingt von einem erfahrenen Arzt oder einer erfahrenen Pflegeperson vor Ort Unterstützung holen, schon allein, um sich selbst von der Frage: "Habe ich nicht doch etwas versäumt?" etwas zu entlasten.


    Im letzten Herbst hörte meine Mutter allmählich auf zu essen, vertrug auch nichts mehr, wurde immer müder und schwächer, schlief fast nur noch, hatte aber keine Schmerzen; keine Auffälligkeiten bei Blutbild, Herztönen, Lunge etc. Sie wollte in Ruhe gelassen werden, definitiv keine Diagnostik im Krankenhaus, sondern zuhause im Bett liegen, manchmal ein bisschen reden, aber sie schlief irgendwann auch beim Sprechen oft einfach ein. Nur morgens ein Fläschchen Vitaminkomplex, das hat sie sich gern "geklaut", wenn ich es ihr auf den Nachttisch gestellt habe.
    Hausärztin, Pflegedienst, hausärztlicher Notdienst und ich sowieso: ratlos.
    Überall hörte und las ich: "Das Unvermeidliche liebevoll geschehen lassen!"
    Ich habe dann über Wochen einen Experten-Ratschlag hier aus dem Forum befolgt: Trotzdem immer wieder alles anbieten, wer weiß...
    Dann, kurz nach Weihnachten, kamen Appetit, Neugier und Bewegungsfreude meiner Mutter relativ rasch, fast wie auf Knopfdruck, zurück, und es hieß: So sieht aber ein Sterbender nicht aus! Jetzt hat sie sich - auf einem deutlich schlechteren Niveau als früher - wieder stabilisiert und fragt nach Spaziergängen und Speiseeis.


    Was ich damit sagen will: Es ist als Laie einfach verdammt schwierig zu erkennen, wann der letzte Punkt wirklich gekommen ist. Und vielleicht hofft man auch zu früh, dass ein langer Leidensweg nun auf eine ruhige Weise ein Ende findet.
    Sollten Sie daher nicht doch möglichst bald einen Pflege- oder einen Hospizdienst oder einen Arzt dazu gewinnen, sich Ihre Mutter einmal anzusehen? Da Ihre Mutter ja alle Hilfeleistungen abwehrt, Sie aber doch manches für sie tun lässt: Wäre es eine Option, dass Sie sich vom Pflegedienst bei den nötigen Verrichtungen anleiten lassen? Und nebenbei kann eine erfahrenere Pflegeperson mal einen Blick auf Ihre Mutter werfen?
    "Dürfen" Sie denn eigenen Besuch in der gemeinsamen Wohnung empfangen? Dann könnten Sie vielleicht einen anderen Arzt als Ihren bisherigen um einen Hausbesuch bitten - vielleicht sogar genau mit dieser Erklärung? Dass sie Ihrer Mutter nicht ein Zuviel an Therapie zumuten, zugleich aber auch vermeiden möchten, dass sie aufgrund einer Kleinigkeit, die sich vielleicht leicht beheben ließe, immer weniger wird?
    Wenn Ihre Mutter dann auch kleine Untersuchungen wie Abhorchen verweigert - immer noch besser, Sie haben es so versucht, als dass die nächste Noteinweisung ins KH ansteht.


    Ich möchte Ihnen keine Angst machen, aber auch für den Fall, dass sich der Gesundheitszustand Ihrer Mutter weiter verschlechtert und sie Symptome entwickelt, auf die Sie nicht vorbereitet sind, sollten Sie bald einen praktischen Rückhalt vor Ort haben.


    Nach all der Kraft, die Sie bis jetzt für Ihre Mutter aufgewandt haben, sollten Sie durch dieses Dilemma, egal wie es ausgeht, nicht ganz allein hindurchmüssen!


    Ihnen und Ihrer Mutter alles Gute!


    Fragnichtwarum