Beiträge von OiOcha

    Das ist ja tragisch! So soll's natürlich nicht laufen. Da können wir Angehörige planen, vorausschauen und organisieren wie wir wollen, was nützt es, wenn es im Bedarfsfall nicht genutzt wird oder werden kann - aus welchen Gründen auch immer.


    Ich bin z.Zt. auf der Suche nach Hilfsmitteln gegen Verlaufen usw (siehe Diskussion hier: Vorbeugung verlaufen) aber leider erweist sich das bei uns als äußerst schwierig, wegen Themen wie aufladen und dabeihaben. Es ist ja jeder Fall anders, aber ich denke bei meinem Vater wäre an Alarmknopf drücken o.ä. eher nicht zu denken. Er merkt sich nichts mehr, und es ist unmöglich, ihm etwas beizubrigen. Aber probier' ruhig alles aus; es ist besser, wenn man sich später keine Vorwürfe macht, hätt' ich nur so ein Notrufsystem installiert.

    Wir haben dann drum gebeten, den leuchtenden Button wieder 'lichtlos' zu stellen. Seit dem ist der versehentliche Notruf nicht mehr passiert und ich vermute, im Notfall ist der Button auch schon vergessen.

    Vielen Dank für den Ratschlag, Zebulon! Wir hatten einen Hausnotruf vom Roten Kreuz bei meiner Großmutter, die keine Demenz hatte, aber 98 und fast blind war. Sie ist dann irgendwann gestürzt, und anstatt den Alarmknopf auf ihrem Halsumhänger zu drücken, lag sie einfach die ganze Nacht auf dem Boden, bis jemand kam. Gehe also wie du sagst auch davon aus, dass sowas bei Demenz wenig bringen würde. Aber probieren kann man es.

    Hallo Herr Hamborg! Vielen Dank für Ihre Zeilen!


    Ich habe mal nachgeforscht was es mit der Polizei auf sich hat. Wir haben eine Alarmanlage im Haus, und anscheinend hat mein Vater da einige Male den Notrufknopf gedrückt. Allerdings war es lt. den dann angerückten Beamten kein Notfall, sondern er wusste wohl einfach nicht, wofür der Knopf ist, und konnte dann den Alarm nicht abstellen. Bin jetzt im Gespräch mit Alarmfirmen, die da ggf. eine Lösung bieten können (mit Fokus: hilfsbedürftige Senioren, nicht Einbrecher). €136 pro Anfahrt müssen gezahlt werden (da kein Einbruch), aber ich habe der Dienststelle meine Nummer gegeben, und vorgewarnt, dass mein Vater Demenz hat.


    Zum Thema Hilfe wünschen, ein klares Nein. Habe es dann mit meinen Eltern besprochen, mein Vater wusste von nichts und meinte, wir spinnen wohl.


    Müssen jetzt noch gut 4 Wochen auf seinen Termin warten, dann können wir hoffentlich anfangen, ihm Pillen gegen Unruhe/Ängste/Wahnvorstellungen zu geben. Dann hoffe ich auch auf einen Bericht der neuen Psychiaterin, die ihn nicht wieder also so wahnsinnig fit darstellt -- dann würde ich mich auch um einen Pflegegrad kümmern.

    Hallo OiOcha, eine Idee habe ich noch: Vielleicht ist es für die Diagnostik hilfreich, wenn Sie die Psychiaterin schriftlich zur Symptomatik informieren. Viel Erfolg, Ihr Martin Hamborg

    Hallo Herr Hamborg -- Vielen Dank für die Empfehlung! Ich hatte bei allen Arztbesuchen vorher ein Email geschickt und in zwei Fällen sogar vorab mit der Ärztin telefoniert. Ich denke mittlerweile fast, das war eher hinderlich, weil meine Schilderung so gar nicht übereinstimmte mit dem strahlenden Bild, das mein Vater dann beim Termin abgab. Bei einer Ärztin nehme ich sogar an, dass wir ins Erbschleicher/die wollen dem Mann was Böses Schema gerutscht sind.


    Es gibt einen gewissen Fortschritt zu berichten. Am Montag war meine Mutter bei einer Psychiaterin und hat ihr Leid geklagt. Die hat wohl einigermaßen verstanden, dass man bei meinem Vater was tun muss, und er hat jetzt nach den Sommerferien einen Termin.


    Geschickterweise hat sie meiner Mutter gesagt, sie solle sich nichts gefallen lassen -???- was dazu führte, dass meine Mutter in den letzen Tagen zwei üble Streits vom Zaun gebrochen hat:


    Am Dienstag sollte wieder die Betreuerin kommen. Vormittags hatte er einen Friseurtermin, wo er nicht hin gefunden hat, meine Mutter war also schon geladen. Mit der Betreuerin ging es die letzten Wochen manchmal leidlich gut, einige Male sogar sehr gut, halt immer nach Tagesform. Aber wir haben ihm immer gesagt, die kommt, um meine Mutter zu unterstützen. Am Dienstag sagt ihm meine Mutter, die kommt für DICH, du hast Demenz, bist total vertrottelt, usw. Natürlich will er die Dame dann nicht. Kennt er nicht, braucht er nicht, lehnt er ab. Ich saß im Zug und es kamen alle 2-3 Minuten Anrufe. Dann ist meine Mutter mit der Dame zum Einkaufen gegangen und er hat sich beruhigt.


    Gestern dann wieder ein riesen Streit, er hätte Demenz, sie wolle nicht mehr, usw. Wieder zahllose Anrufe, er wolle sich trennen, usw. Hat sich sogar Notizen gemacht (wirre Notizen, aber immerhin) für ein Gespräch.


    Gleichzeitig wird es mit den Wahnvorstellungen immer schlimmer. Sieht ständig Leute, die nicht da sind, und hat jetzt auch einige Male versucht, uralte Nummern von z.B. seinen Eltern anzurufen (sieht man auf der Anrufliste). Die wenigen Male, wo ihn meine Mutter kurz allein lässt, baut er irgendwelchen Mist. Gestern kam ein Anhörungsbogen von der Polizei, die waren wohl vorige Woche mal da (lt. Anhörungsbogen zum wiederholten Mal), und hätten jetzt gerne für die unnötige Anfahrt €136 (soweit uns nicht ein Grund einfällt). Mein Vater erinnert sich natürlich nicht daran, dass überhaupt jemand da war bzw. was er gemacht hat.

    Die Waffe zwischen der Unterwäsche zu finden, muss für deine Mutter gelinde gesagt schockierend gewesen sein. Besonders, weil das Zeitfenster ja doch sehr klein war. Denkst Du, dein Vater hatte sie bewusst dort deponiert und evtl. sogar einen Plan? Er kannte doch die 'passionierte Aufräumerin' an seiner Seite.


    LG Zebulon

    Hallo Zebulon -- in den letzten Wochen ist es bei meinem Vater immer schlimmer geworden mit Wahnvorstellungen und Ängsten. Es sind oft eingebildete Leute im Haus, manchmal alte Bekannte, meist Fremde, aber zumeist sind die Interaktionen negativ (Streit, Ärger, Schwierigkeiten), auch wenn er sich Freunde oder mich einbildet. Insofern wundert es mich nicht, dass er sich "schützen" will. Ich weiss halt nur nicht, wie er den Waffensafe aufgekriegt hat.


    Geladene Pistole im Schrank ist finde ich schon ne Nummer. Vielleicht hätte man die Polizei holen sollen, dann hätte man vielleicht für die "Ihrem Vater geht's doch so gut, was soll ich da verschreiben" Ärztin was in der Hand gehabt. Aber natürlich ist da der erste Instinkt, ihn doch noch zu schützen, und mit dem Jagdfreund/Büchsenmacher lief es ja sehr gut. Die Leute from Amt waren echt nett und hilfsbereit, und freuten sich eigentlich, dass jemand Waffen freiwillig abgibt.

    Ich habe zwei spannende Tage hinter mir.


    Am Sonntag ruft mich meine Mutter an: zwischen den Unterhemden meines Vaters liegt eine Pistole. Sie ist eine passionierte Aufräumerin, es liegt kein Stäubchen in den Schränken, und sie weiss, dass da vor 2 Wochen noch nichts lag.


    Nun, mein Vater war Jäger, oder vielmehr: eigentlich nie richtiger Jäger, aber er hat früh aufgehört zu arbeiten, und meine Mutter hat versucht, ihm ein Hobby zu verpassen. Es klappte leidlich, er machte den Jagdschein, mochte die Natur gerne, aber das Blutige lag ihm gar nicht, er hat vielleicht im Leben ein Dutzend Rehe geschossen.


    Aber natürlich gibt es im Keller einen 350 Kilo schweren Waffensafe. Ich hatte ihn letztes Jahr mal gefragt, was da noch drinnen ist (weil wir ja ständig verlorene Dokumente und Schlüssel suchen), und er meinte, nichts mehr, die Waffen hätte er für die Jungjäger-Ausbildung gespendet.


    Von wegen! Nach dem mich meine Mutter mit dem Pistolen-Fund angerufen hatte, habe ich sie gebeten, ihn einige Stunden ausser Haus zu locken, und bin mit einem seiner alten Jagdfreunde ins Haus. Der Waffen-Safe war unverschlossen (wie er den aufgekriegt hat, weiss niemand) und es waren etliche Gewehre und noch eine weitere Pistole drinnen. Unglaublich!


    Wir haben dann alles verschlossen und beim Landratsamt angerufen und am Montag gleich einen Büchsenmacher kommen lassen (während meine Eltern bei 35 Grad wieder ausser Haus waren) und das ganze Zeug abholen lassen. Zum Glück war alles vollzählig!


    Moral von der Geschicht: man darf ihnen nicht glauben! Meinem Vater auf jeden Fall nicht. Er würde nie sagen, das weiss ich nicht, er erzählt einfach irgendeine Geschichte. Möchte mir gar nicht ausmalen, was da hätte passieren können!

    Hallo Sohn83, tut mir echt leid, von den Problemen mit Deiner Schwester zu hören! Als Einzelkind kennt man sowas gar nicht. Zufällig habe ich am Wochenende mit einem Schulfreund telefoniert, der sich auch um seinen Vater kümmert (hat MS, nicht Demenz, aber sonst habe ich keine Freunde, die pflegebedürftige Angehörige haben, bin wohl zu jung) -- er meinte nur halb scherzhaft, man bräuchte eine Schwester, die sich um Alles kümmert. Und dabei scheint es eher so, dass eine größere Familie auch zusätzliche Probleme bringt.

    Hallo Herr Hamborg, vielen Dank für das Feedback!


    Zum Thema Psychopharmaka einnehmen würde ich sagen, das halte ich jetzt für ein weniger großes Problem als noch vor ein Paar Wochen. Mein Vater kam vor ca. 2 Wochen zum Frühstück und sagte, er hätte sich gerade eine Zecke rausgezogen. Er erzählt ja viel Blödsinn, aber zum Glück hat sich meine Mutter das mit der Zecke gemerkt, und als sich einige Tage später die "Wanderröte" (Zeichen von Borreliose) zeigte, brachte sie ihn zum Arzt. Er nimmt jetzt täglich ganz brav seine Antibiotika -- natürlich würde er nie selbst dran denken, aber wenn meine Mutter sie ihm gibt, dann nimmt er sie ohne Probleme. Insofern denke ich, unser Problem ist nicht die Pillen-Einnahme, es ist, erstmal was verschrieben zu bekommen. Meine Mutter hat Anfang August einen Termin bei einer Psychiaterin, ich hoffe, dass dabei was rauskommt.


    Wir müssen wirklich was tun, denn es wird mit Wahnvorstellungen und Ängsten zur Zeit von Woche zu Woche schlimmer. Meine Mutter muss ihn oft kurz alleine lassen, z.B. um am Friedhof das Grab zu wässern. Oder manchmal reicht es, wenn sie sich zum Mittagsschlaf hinlegt oder im Garten arbeitet. Er findet sie nicht und gerät in Panik -- dann entweder alle Paar Minuten ein Anruf bei mir, oder er macht irgendwelchen Blödsinn, irrt rum und ruft Leute an. Gestern hat er wohl einige Male bei der Polizei angerufen. Und leider nimmt er die Helfer, die ihn beaufsichtigen sollen nicht an -- die Dame, die jetzt vielleicht schon 10 Mal da war erkennt er nie, und seit neuestem hat er anscheinend Angst, dass sie was klauen könnte, was diese Woche dazu geführt hat, dass er seinen Laptop und die Telefonanlage abgebaut und versteckt hat.

    Eine Neurologin (die wir dann nie mehr besuchten) meinte z.B. in flapsig- vorwurfsvoll-lustigem Ton zu mir "Was wollen sie denn - sie (meine Mutter) ist doch für ihr Alter gut drauf. Mitschwingender Vorwurf: "Haben Sie etwa vor, Ihrer alten Mutter was Böses zu tun, sie gar entmündigen zu lassen?"

    Wir sind glaube ich auch an eine Ärztin geraten, die uns verdächtigt, meinem Vater etwas böses zu wollen. Ich war ihr gegenüber wahrscheinlich zu offen, die hätte wahrscheinlich hören wollen, wir wollen nur das Beste für den Patienten, werden uns selbstverständlich aufopfernd kümmern. Und ich habe gesagt, natürlich will ich, dass es ihm gut geht, aber meine Hauptsorge ist, meine Mutter zu schützen.


    Na ja, die Dame wollte nichts verschreiben, weil mein Vater ihr ja erzählt hat, wie toll es ihm geht und dass er nichts nehmen will.


    Die Wahnvorstellungen werden immer schlimmer. Am Sonntag hat er mich etliche Male mit wirren Geschichten angerufen, und schliesslich gesagt, er sei so durcheinander, müsste unbedingt zum Arzt. Blöderweise hat natürlich kein Arzt offen zu der Zeit, sonst hätte ich ihn ins Auto gepackt und wäre losgefahren. Meine Mutter hat dann ein "Protokoll“ mit ihm geschrieben, wo die Probleme beschrieben werden, und er hat es unterschrieben.


    Am Montag wollte er natürlich nichts mehr davon wissen, als ich vorgeschlagen habe, du wolltest doch mal zum Arzt. Habe der Ärztin dann ein Email geschickt und das "Protokoll" angehängt.


    Als Antwort kam: "es tut mir sehr leid, dass die Erkrankung für Ihren Vater und die Familie so spürbar und schmerzlich voranschreitet. Vielleicht ergibt sich hieraus jedoch die Möglichkeit einer Therapie, da Ihr Vater zumindest zeitweise erlebt, dass mit ihm gesundheitlich etwas nicht in Ordnung ist. Für eine direkte medikamentöse Behandlung wird das nicht ausreichen, da er ja wohl die Zusammenhänge immer wieder vergisst, aber vielleicht für eine spezifische Diagnostik in der Gedächtnisambulanz in Großhadern, die die Tür für weitere Optionen öffnen könnte. Wenn Sie glauben, ihn dazu motivieren zu können, vereinbaren Sie doch bitte dort einen Termin (siehe mitgegebener Flyer)."


    Sie will ganz offensichtlich mit uns nichts zu tun haben.


    Habe mir jetzt eine andere Strategie überlegt. Habe bei einer Psychiaterin einen Termin für meine Mutter ausgemacht. Die soll ihr ihre ganzen Sorgen mal berichten (die ja zu 95% auf meinen Vater zurückgehen), und dann werden wir bei der gleichen Ärztin einen Termin für meinen Vater machen. Vielleicht ist die dann eher bereit, etwas zu verschreiben, wenn beide bei ihr Patienten sind.

    Hallo clawood! Herzlich Willkommen! Gut, dass Du dieses Forum gefunden hast; man bekommt viele nützliche Ratschläge, und oftmals hilft es schon, sich Dinge von der Seele schreiben zu können.


    Dass Deine Eltern keine Hilfe wollen ist eigentlich ganz normal, es wird vertuscht und gesagt, es geht schon. Gleichzeitig ist auch das Klagen (über den jeweils anderen) ganz normal, Ehehölle auch recht häufig. Wenn Du 1 1/2 Stunden weg wohnst, dann wirst Du vieles auch gar nicht mitkriegen, bzw. kannst Dich nicht um jede Kleinigkeit kümmern. Ich denke, am Anfang ist sicherlich der Impuls groß, alles geregelt zu bekommen, bzw. den nicht dementen Elternteil zu schützen. Aber wenn beide nicht wollen, dann ist das schwierig. Was ich auf jeden Fall dringend raten würde ist notarielle General/Vorsorgevollmachten erstellen, ohne die bist Du nämlich irgendwann mal aufgeschmissen. Und wie ecia25 sagt, Beratungsstellen u.ä. in der Nähe der Eltern befragen, Optionen für Hilfe zusammentragen. Freunde une Verwandte einweihen. Und schliesslich sich auch selbst überlegen, was man bereit ist, zu machen; ich wohnte z.B. can 15 Flugstunden entfernt und hatte von der Dimension der Probleme gar keine Ahnung -- hätte immer noch keine, wenn ich nicht zu Beginn von Covid in Deutschland gestrandet wäre und 6 Wochen bei meinen Eltern gewohnt hätte.

    Vielen Dank für eure Ratschläge!

    Leider habe ich keine Idee, wie man das anstellen könnte, mir kommt eher vor, das ist wie bei Kindern, die sich woanders von ihrer glänzenden Seite zeigen und da gar nichts spielen, sondern es in dem Moment sind.

    Meine Mutter sagt mir das auch häufig, es ist wie bei einem kleinen Kind. Wobei dann irgendwie auch nicht, weil Kinder nachdem sie einige Male die heiße Herdplatte angefasst haben, lernen, das nicht mehr zu tun, während bei Demenzpatienten Sachen wie Erklären, Bitten, Schimpfen nicht zu Lernen, Einsicht, o.ä. führen.

    In der Regel findet man das auch schnell heraus, indem man Fragen stellt, die den Demenzkranken aus seiner "Gesund-Rolle" heraus bringen.

    Beispiel: der Arzt (oder der MdK-Gutachter) fragt den Kranken, ob er denn morgens alles noch alleine bewerkstelligen kann. Das wird der Kranke oftmals bejahen. Die Fassade fängt aber an zu bröckeln, wenn man ihn/sie bittet, doch mal aufzuzählen, was er/sie denn alles so am Morgen macht.

    Erfahrene Neurologen kennen das Phänomen und lassen sich entsprechen auch nicht so leicht "hinters Licht" führen. Viele Hausärzte lassen sich aber durch die Fassade täuschen.

    Hier hilft nur, den Arzt vorher auf dieses Phänomen aufmerksam zu machen und entsprechende "Tricks" zur Entlarvung anzuwenden.

    Der von mir schwarz angeleuchtete Teil ist eigentlich naheliegend. Ein guter Arzt sollte eigentlich Nachfragen stellen, und dann würde man sofort merken, dass er durcheinander ist. Bin geschockt, dass eine erfahrene Fachärztin für Geriatrie sowie eine uns von der Demenz-Organisation vor Ort empfohlene Neurologin das nicht auf die Reihe bekommen haben. Vom regulären Hausarzt vorher sowie einem völlig überlasteten Neurologen mal ganz zu schweigen.


    Ich hatte vor den jeweiligen Besuchen natürlich ein Email zum Hintergrund geschickt, und die Ärztinnen haben dann auch vorab mit mir telefoniert. Gleichwohl ist das Maximum, was man nach dem Besuch bekommt dann so ein Befund: "In der heutigen klinischen Erstuntersuchung präsentierte sich der Patient freundlich zugewandt und sehr kooperativ. Die orientierende kognitive Testung zeigte leichtgradige Defizite in mehreren Domänen. Unter Berücksichtigung der ausführlichen glaubwürdigen fremdanamnestischen Angaben besteht in Zusammenschau jedoch der Verdacht einer beginnenden dementiellen Entwicklung, möglicherweise vom Alzheimer-Typ." Und wie gesagt, er meint, ihm fehlt nichts, deshalb darf man nichts verschreiben.


    Mir ist schon klar, dass man dem Erkrankten nichts an- oder abtrainieren kann, aber ich denke, man könnte z.B. realistischeres Verhalten provozieren. Z.B. könnte meine Mutter den Alkoholkonsum ansprechen, es ist möglich, dass er dann agggressiv würde. Oder man könnte ihm sagen, ich gehe jetzt, kommst halt heim, wenn Du fertig bist, das würde vielleicht den Klammer-Reflex bzw. Ängste auslösen. Oder wie gesagt, eine Reihe von Fragen, die sie ihm stellen soll.

    Ich habe auch die komplette Krankenakte sauber sortiert (ich will von allem eine Kopie!) mit dabei, jeder Befund, Blutwerte, Medikamentenplan etc und bin vorbereitet ... sehr viele Ärzte schätzen das sehr und sind dann auch eher bereit den Aussagen des pflegenden gehör zu schenken

    Das ist halt vielleicht bei uns auch das Problem, meinem Vater fehlt ausser der Demenz nichts. Es ist unglaublich, er hat bessere Laborwerte als ich, niedrigen Blutdruck, usw. Und er erzählt sehr glaubwürdig, dass ihm nichts fehlt. Insofern gehe ich schon davon aus, dass die Ärzte halt denken, das ist doch ein rüstiger Rentner, warum ist der nicht auf Kreuzfahrt in der Karibik.


    Ein möglicher Ansatzpunkt, den ich zum Thema "man sieht ihm nichts an" verfolgen möchte, ist meiner Mutter zu sagen, sie darf ihn vor Arztbesuchen nicht schön machen. Er duscht aus Eigeninitiative nie und zieht sich nur ordentlich an, wenn sie ihm das sagt. Soll er halt mal drei Tage ungeduscht und ungekämmt beim Arzt ankommen, vielleicht würde dann die obige Frage "können Sie noch alles bewerkstelligen" doch hinterfragt mit, "wann haben Sie denn das letzte Mal geduscht?"

    Was habt ihr für Tricks, um eure demenzkranken Eltern/Partner dazu zu bringen, sich vor Dritten (besonders: Ärzten) halbwegs realistisch zu präsentieren?


    Bei meinem Vater ist es jetzt so, er hat weiter abgebaut und ist völlig durcheinander, ständig sind Sachen verloren, die Orientierung ist weg, er hat häufig Wahnvorstellungen (Leute sind im Haus, manchmal alte Geschäftspartner, manchmal Einbrecher). Manchmal ist er aggressiv (besonders, wenn man ihn korrigiert), aber zumeist eher ängstlich-klammernd, und seit einigen Wochen ist er oft auch nur ein Häufchen Elend (bin ja so durcheinander, einige Male hat er sogar gesagt, "bringt mich zu einem Arzt, der mir hilft").


    Tja, Arzt klappt natürlich nicht sofort, und wenige Tage später will er dann nicht zum Termin, ihr spinnt wohl, mir fehlt nichts. Wenn es dann doch klappt, ihn hinzubringen, dann verstellt er sich unglaublich. Mir fehlt doch nichts, ich bin sehr zufrieden, wenn ich Hilfe brauchen würde, dann würde ich es natürlich merken und mir welche besorgen. Obwohl er Fragen zu Datum/Jahreszeit/Ort/etc überhaupt nicht mehr beantworten kann, ist er sonst so überzeugend, dass die Ärzte alle meinen, dem fehlt wirklich nichts. "Ihr Vater ist ja ein netter Mann" heisst es dann, oder wenn er bei dem völlig nutzlosen MOCA Test 20 (von 30) Punkte hat, dann heisst es, Anfangsverdacht auf beginnende Demenz. Nachdem er die Behandlung ablehnt, will man ihm nichts verschreiben, das wir ihm dann unterjubeln könnten. Eine Neurologin meinte, das müsste man gerichtlich machen. Womit sich die Schlange in den Schwanz beisst, als Nicht-Mediziner würden die doch erst recht sagen, dem Mann fehlt nichts.


    Etwas anders ist es, wenn Leute länger vorbeikommen und sich mit ihm unterhalten. Wir versuchen es ja mit einer Freiwilligen. Die kennt er auch nach dem 10. Besuch nicht, und wenn sie dann dasitzt, fragt er Dutzende Male alle Paar Minuten das Gleiche (sind Sie mit dem Auto da, ach sie sind aus ..., ich bin in ... geboren, da sind wir ja fast Nachbarn gewesen). Die Dame merkt auch, wie sehr er klammert und z.T. aggressiv wird. Ziel ist ja die Entlastung meiner Mutter, aber wenn die dann mal weg will, dann dreht er völlig durch.


    Meine Frage ist jetzt, wie kann man ihn bei Ärzten (oder auch Pflegestufe Gutachtern) dazu bringen, die Fassade fallen zu lassen, und sich darzustellen, wie er wirklich ist? Denen vorher eine Liste geben, fragen Sie ihn doch mal, welche Verwandten noch am Leben sind? Wenn er irgendwelche grandiosen Geschichten erzählt (mache Börsengeschäfte im Online-Banking), bei welcher Bank sind Sie denn und wie loggt man sich da ein? Zum Weltgeschehen befragen, und zwar ohne ein Thema vorzugeben (er hat keine Ahnung, was in der Ukraine passiert, aber wenn das Gespräch drauf kommt, ist er entweder lautstark dafür oder dagegen, und die Leute glauben was er erzählt, auch wenn man oftmals eigentlich erkennen müsste, dass es Blödsinn ist).


    Er leidet selbst unter seiner Situation (von meiner Mutter ganz zu schweigen), und ich würde ihm gerne helfen, aber die Routine unter Protest zum Arzt bringen -- mir fehlt doch nichts -- unverrichteter Dinge wieder nach Hause muss man nicht ständig wiederholen.

    Liebe Rose,

    danke für Ihre ausführlichen Antworten. Sie haben auch schon genug mitgemacht, schlimm wenn man den Vater einweisen lassen muß ins Heim.

    Habe auch online das Vorsorgevollmacht- Formular gefunden und einen Psychosozialen Dienst gibt es auch.

    Liebe Grüße

    Hallo Irki! Herzlich Wilkommen hier im Forum!


    Wichtiger Hinweis zur Vorsorgevollmacht: Hier in Deutschland ist es am Besten, wenn man sich eine notarielle General- und Vorsorgevollmacht / Betreuungsverfügung erstellen lässt solange der Erkrankte noch bei (halbwegs) klarem Kopf ist. Das kostet einige Hundert Euro, aber ist bei Banken u.ä. später deutlich mehr Wert, als nur eine aus dem Internet ausgedruckte und zuhause unterschriebene. Google doch zur Sicherheit mal, ob das bei Euch in Österreich genauso ist.

    Hallo Herr Hamborg,


    sehe gerade, dass Sie hier Sonntag Vormittag online sind und wollte Danke sagen für all die Mühe, die Sie sich mit uns geben und die vielen hilfreichen Ratschläge. Ich hoffe, ihre Beiträge hier fressen nicht zuviel Zeit, die Sie mit Ihrer Familie verbringen sollten.


    Wünsche einen schönen Sonntag und hoffe, dass Sie es relativ kühl haben!

    Vielen Dank für die einfühlsame und hilfreiche Antwort, schwarzerkater!


    In der Rückschau hatten wir auch schon vor fast 10 Jahren Dinge, die ich heute als Vorboten der Demenz erkenne. Da war er so richtig aggressiv, hat offensichtlich begonnen, zu merken, dass was nicht stimmt, und egal wie sehr man in verhätschelt hat, war er ständig schlecht drauf. Die Aggression und Unzufriedenheit ist seitdem eher besser geworden, aber halt auch immer eine Frage der Tagesform. Meine Mutter und ich denken häufig drüber nach, ob wir lieber den unzufriendenen-egoistischen Frühdementen zurückhätten, oder jetzt den hilflos-egoistischen Klammerer.


    Zum Thema Heim stimme ich mit Dir voll überein. Es ist ein Segen! Ich habe ja schon in anderen Diskussionen geschildert, wie gut diese Lösung bei meinem Großvater funktioniert hat. Da war es allerdings so, meine Großmutter (die ihn versorgt hatte) war gestorben, und er hatte die Wahl zwischen 300km entfernt alleine leben oder bei uns in ein Heim. Er hatte dann noch die Einsicht, zu sagen, da ist das Heim besser. Er dachte dann auch oft, er wäre im Krankenhaus und hat immer mal wieder erzählt, er würde ja bald entlassen, oder wolle mal heimfahren, um sein Haus anzuschauen. Aber im Allgemeinen hat er sich gefügt, und eigentlich war's dann auch für ihn ganz schön, weil wir uns ständig um ihn gekümmert haben. Bei meinem Vater sehe ich den Umzug ins Heim jedoch nicht. Er meint ja, im fehle nichts, er lebt in seinem wunderschönen Haus, seine Frau bekocht und umsorgt ihn. Warum sollte er ins Heim ziehen? Das wird also höchstens über einen Sturz/Krankenhausaufenthalt/Selbst-/Fremdgefährdung/o.ä. gehen, und das wird sicherlich nicht lustig. So schlimm es klingt, man muss eigentlich hoffen, dass er gedächtnismäßig weiter abbaut, damit solche Widerstände gebrochen werden, und er Hilfe annimmt.

    Vielen Dank für die Antwort, Sohn83! Meine Eltern schlafen getrennt, in einem riesengroßen Haus, er im Keller (Einliegerwohnung), sie im Obergeschoss. Sie schauen auch getrennt Fernsehen. Er geht meistens nach dem Abendessen so gegen 19 Uhr runter, und kommt dann gelegentlich noch mal rauf. Er geistert nachts nicht im großen Stil durchs Haus, aber ob er durchschläft, weiss man nicht. Er trinkt sehr viel, und ich denke, er wird wahrscheinlich am frühen Abend schon besoffen vor dem Fernseher einschlafen, und dann wahrscheinlich nachts verkatert einige Male aufwachen. Der Tip mit Baldrian ist super, das werden wir probieren, obwohl man es ihm unterjubeln muss, er will ja nichts nehmen.

    Hallo Oiocha, die Gedanken der letzten Beiträge möchte ich auch Ihnen schicken! Bei Ihren Eltern stellen sich gleich zwei Tabus gegen die Fassade: das Wissen um Demenz und um den Alkoholismus. Wie viele Familien sind allein am Alkohol zerbrochen und bei Ihrem Vater braucht die Demenz noch einen zusätzlichen Selbstschutz.

    Vielleicht wird eine Suchtberatungsstelle meine Einschätzung teilen, dass Sie trotz der wenigen Handlungsoptionen auf dem richtigen Weg sind - leider ist das nur ein schwacher Trost!

    Haben Sie schon Zeit für die Beratung gefunden? Meine fachliche Position ist, dass bei Doppeldiagnosen zunächst die Sucht, Depression oder Psychose behandelt werden sollte, - bevor wir das machen, was bei Demenz empfohlen wird.
    Alles Gute Ihr Martin Hamborg

    Hallo Herr Hamborg -- vielen Dank für die Nachricht, die ich nicht sofort gesehen habe! Ich habe eigentlich nicht vor, meinen Vater bei einer Suchtberatungsstelle vorzustellen. Es spricht ja eigentlich alles dagegen -- er denkt nicht, dass er zuviel trinkt, er weiss nicht wieviel er trinkt, er will keinerlei Hilfe und geht generell nicht zu Ärzten. Ich hatte in Amerika eine Freundin, die mit den anonymen Alkoholikern (AA) nüchtern geworden ist, aber das war harte Arbeit und sie wollte es auch. Für jemanden ohne Einsicht und Erinnerungsvermögen halte ich es für aussichtslos.


    Guten Abend, TanjaS, es berührt mich sehr, was du schreibst ... Es erinnert mich auch an die relativ lange unzufrieden-egiostische Phase bei meiner Mutter (obwohl wir sie praktisch auf Händen getragen haben). Ich bin mir heute immer noch nicht sicher, dass diese Phase endgültig zu Ende ist ...

    Hallo schwarzerkater -- ich finde den Ausdruck, unzufrieden-egoistische Phase sehr treffend! Werde ich nächstes Mal der Neurologin erzählen, die meinen Vater so nett findet. Was für eine Phase kommt denn danach?

    Ich habe gestern von einer Freundin meiner Mutter zugetragen bekommen, dass meine Mutter sich am Ende ihrer Kräfte fühlt, dem Zusammenbruch nah, einfach nicht mehr kann.


    Was ich auch verstehe, denn es wird immer schlimmer mit meinem Vater, die Kurzzeit-Erinnerung ist fast völlig weg, er fragt das gleiche immer und immer wieder, jeden Tag werden stundenlang verlegte Schlüssel gesucht, meine Mutter wird beschuldigt, an allem Schuld zu sein, er ist ständig um sie rum, unheimlich anhänglich und ängstlich -- letzteres ist neu; er irrt oft durchs Haus und sucht sie (wenn sie z.B. Mittagsschlaf hält), und gerät völlig in Panik, wenn sie mal kurz weg ist (z.B. einkaufen) und ruft mich dann alle 2 Minuten an.


    Wir hatten ein halbes Dutzend Mal eine Freiwillige zu Besuch, sehr nette Dame, die sich seit Jahren um Demenzpatienten kümmert. Man darf es meinem Vater nicht ankündigen, dass sie kommt, weil dann will er es nicht, bzw. nur 5 Minuten vorher, dass jemand kommt, um meiner Mutter zu helfen (er denkt dann wohl: Putzfrau). Die Dame kommt, er erkennt sie nicht, keinerlei Erinnerung, dass er sie schon X-Mal gesehen hat. Meine Eltern setzen sich mit ihr auf die Couch, und es geht leidlich gut, solange meine Mutter dabei ist. Wenn sie sich dann kurz hinlegen will, weil sie "Kopfweh" hat, dann sitzt mein Vater kurz mit der Dame, fragt ein Dutzend Mal das Gleiche ("wo haben Sie geparkt"), und will dann nach Kurzem wieder zu meiner Mutter. Wir hatten gehofft, dass man ihn mit ihr alleine lassen kann, oder vielleicht sogar mal einen Spaziergang o.ä., aber das scheint unmöglich.


    Was für Tips habt ihr, damit meine Mutter nicht völlig zusammenklappt?