Beiträge von svenjasachweh

    Hallo FrankR,

    wenn Sie Ihre Schwiegermutter so lange wie möglich vor einer Unterbringung in einem Heim oder einer Demenz-WG bewahren wollen, müssen Sie sich sicher darauf einstellen, dass Sie und Ihre Frau immer mehr zu Animateuren und "Motivationstrainern" werden müssen, sowie zu Vorbildern oder Rollenmodellen, von denen sie abschauen kann, wie z.B. Nahrungsaufnahme geht: Menschen mit Demenz vergessen früher oder später das Essen und Trinken. Sie verlieren oft den eigenen Antrieb, sich zu bewegen, oder sich selber zu beschäftigen. Je weniger sie sich allerdings bewegen, desto schlechter funktioniert die Durchblutung (also letztlich auch das geschädigte Gehirn), desto schlechter wird die Lunge belüftet, Muskulatur und Gleichgewichtssinn bauen ab - was die Sturzgefahr erheblich erhöht. Deshalb ist es wichtig, beispielsweise das Laufen für Ihre Schwiegermutter attraktiv zu machen: Sie also nicht nur zum Spazieren aufzufordern, sondern (je nach ihren individuellen Vorlieben oder Interessen) einen Spaziergang zum nächsten Spielplatz oder Wildgehege, wo man Kinder/Tiere beobachten kann, oder als Endziel der Mühe ein Eiscafé oder ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte in Aussicht zu stellen. Überdies weckt mehr Bewegung auch den Appetit und erinnert die Erkrankte vielleicht auch ans Essen.

    Je öfter sie mangels Nahrung und Flüssigkeit unterzuckert und dehydriert ist, desto öfter können völlig verwirrte Phasen vorkommen, und desto schneller scheint, von außen betrachtet, der Abbau vonstatten zu gehen. Von daher wäre es gut, wenn Sie möglichst oft mit ihr essen würden und sie auch, etwa mittels Trinkritualen (Sprüche, Anstoßen, etc.), mehrmals am Tag zum Trinken animieren könnten. Oft ist der Widerstand viel geringer, wenn wir den Betroffenen nicht nur mahnend, besorgt oder gewissermaßen mit dem Zeigefinger drohend nahelegen, wie wichtig Flüssigkeit ist, sondern eben mit ihnen zusammen trinken und dies "feiern", ritualartig gestalten... und im Laufe der Zeit versuchen, herauszufinden, ob auch diese Person besser auf süße und bunte Getränke reagiert, wie viel Menschen mit Demenz.

    Und was die Geschichten Ihrer Schwiegermutter angeht, die Sie als verworren und "Quark" empfinden: In sehr vielen Fällen steckt hinter dem, was uns "gaga" erscheint, ein sinnvoller und sogar wahrer Beitrag zu einem Gesprächsthema - wir Gesunden merken es nur nicht sofort, weil die Erkrankten oft sprachliche Probleme haben und Wörter verwechseln oder Begriffe selber erfinden, wenn ihnen die passenden, "richtigen" Worte nicht einfallen. Mit etwas detektivischem Spürsinn kann man oft herausfinden, worüber der- oder diejenige spricht! Ich würde Ihnen sehr raten, sich einmal mit dem Thema Kommunikation mit Menschen mit Demenz zu befassen (Dazu gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern und Infomaterialien, auch auf dem Wegweiser Demenz unter der Rubrik Alltagssituationen), wenn Sie ihr gerecht werden und den Kontakt nicht abbrechen lassen wollen.

    Wichtig und für Menschen mit Demenz entlastend ist auch, wenn wir die Verantwortung über ein Misslingen der Verständigung auf unsere Kappe nehmen (obwohl natürlich in vielen Fällen die Demenz verantwortlich dafür ist, dass man Äußerungen der Betroffenen nicht mehr inhaltlich verstehen kann) - also sagt, dass man heute leider eine lange Leitung hat, schwer von Kapee ist, ihn/sie leider nicht versteht, und entweder das Thema wechselt, oder tröstend auf einen späteren Zeitpunkt verweist. Versuchen Sie, neben all' dem, was Ihnen als unverständlich und fehlerhaft auffällt, auch die Anteile der Äußerungen Ihrer Schwiegermutter wahrzunehmen, die angemessen, richtig sind... und sich immer wieder vor Augen zu führen, dass die Erkrankten eigentlich mit bewundernswerter Tapferkeit und Kreativität trotz allem, was die Demenz ihnen nimmt, mit uns in Kontakt zu bleiben.

    Manchmal führt die Demenz auch dazu, dass sie Erlebnisse aus Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr voneinander unterscheiden können, weil ihnen das Zeitgefühl abhanden kommt. Sie erzählen dann von Erlebnissen, die entweder nie, oder vor vielen Jahren passiert sind (oder passiert sein könnten), als wären sie gerade eben geschehen. Oder dass sie Personen verwechseln, oder von lang Verstorbenen sprechen, als hätten sie sie gerade eben noch auf der Straße getroffen. Sie schreiben ja, dass Ihnen ein würdervoller Umgang wichtig ist: Bitte korrigieren Sie Ihre Schwiegermutter in solchen Situationen nicht, sondern gehen Sie auf den emotionalen Gehalt des Erzählten ein: Lachen Sie mit, wenn das Gesagte offenbar lustig ist, trösten Sie, wenn Sie frustriert oder ärgerlich erscheint, und schimpfen Sie mit, wenn sie sich offenbar ärgert - auch, wenn Sie nicht so genau wissen, worüber sie inhaltlich redet.

    Und da Menschen mit Demenz Körpersprache erstaunlich sensibel wahrnehmen, ist es auch sinnvoll, sich ein Augenrollen oder Kopfschütteln in Situationen zu verkneifen, in denen Ihnen Gesagtes oder Getanes völlig verrückt vorkommt - das kriegen sie nämlich leider mit. ;)


    Freundliche Grüße

    S. Sachweh

    Hallo Sohn83,

    ich kann den anderen nur zustimmen: Die vorwurfsvollen und unprofessionellen Reaktionen der Krankenhaus-Mitarbeiter machen einen fassungslos - als hätten die noch nie im Leben einen verwirrten Patienten versorgt, und als gebe es nicht einen Notfallplan, Delir-Patienten notfalls in eine Gerontopsychiatrie zu verlegen! Tragischerweise wäre Ihr Vater vielleicht halbwegs friedlich geblieben, hätten wir nicht die Corona-Problematik, und könnten Sie oder Ihre Schwester oder eine andere vertraute Person ihn im Krankenhaus begleiten. Viele Kliniken bieten in "normalen" Zeiten für demenziell erkrankte Patienten mittlerweile ein Konzept wie "Rooming-in" an, bei dem Angehörige zur Beruhigung des Erkrankten mitaufgenommen werden und auch dort übernachten - vergleichbar dem Umgang mit kranken Kindern.


    Um sich selber zu entlasten und die Betreuung noch eine Weile stemmen zu können, sollten Sie sich dringend erkundigen, welche Hilfen Ihnen zustehen, und wo/wie man wenigstens eine stundenweise 1:1 Betreuung organisieren kann - damit Sie arbeiten, und sich auch einmal erholen können.

    Grundsätzlich ist es super, dass Sie ihn zur Arbeit mitnehmen und ihm kleine Aufgaben geben - das ist in der Regel die beste Methode, um Menschen mit Demenz zufrieden zu stimmen und ihnen das Gefühl zu geben, dass ihr Leben noch einen Sinn hat. Ich drücke Ihne sehr die Daumen, dass das noch eine Weile gut funktioniert. Es ist aber wahrscheinlich, dass er dabei immer mehr Aufsicht und Betreuung braucht. Deshalb wäre die Frage, ob es auch in Ihrem ländlichen Raum eine Tagespflege gibt, in die Ihr Vater ein- oder mehrmals in der Woche gehen könnte?

    Zudem würde ich mich an Ihrer Stelle über Angebote zur Kurzzeit- oder Verhinderungspflege informieren lassen, damit Sie für zukünftige schwierige Situationen gleich einen Ansatz haben, wie man die abfedern kann.


    Und schließlich kann ich den anderen Beitragenden nur zustimmen: Ja, Sie haben Ihrem Vater versprochen, dass er nicht ins Heim muss, aber das kann und darf nicht bedeuten, dass Sie selber bis zum körperlichen oder seelischen Zusammenbruch versuchen, es bis zum Ende alleine zu schaffen - erstens haben auch Sie ein Recht auf Ihr eigenes Leben, und zweitens "färbt" Ihre zunehmende Erschöpfung und Verzweiflung auf Ihren Vater ab: Menschen mit Demenz haben unglaublich feine Antennen dafür, wenn wir genervt, ärgerlich, überfordert, ungeduldig sind - und sie spiegeln diese Gefühle und Befindlichkeiten dann, bzw. werden davon angesteckt. Unsere Angst, unsere Wut überträgt sich auf sie, und ihr Verhalten wird oft noch problematischer und unaushaltbarer für uns - sie laufen weg, reagieren aggressiv, etc. Will sagen: Wir helfen den Betroffenen manchmal mehr dadurch, dass wir uns selber schützen und Hilfe von außen annehmen. Und ein Rettungsanker ist irgendwann eben leider auch ein Heim, oder eine Demenz-WG. Schauen Sie sich also rechtzeitig um, was für Angebote es in Ihrer Region so gibt... Und trösten Sie sich mit der Feststellung, dass Ihr Vater wie nahezu alle Erkrankten ja auch in seiner eigenen Wohnung irgendwann durch die Krankheit kein Zuhause-Gefühl mehr haben wird und vielleicht durch die Kontakte und Anregungen sowie die im besten Fall professionelle Betreuung in einer Pflegeeinrichtung wieder aufblüht.


    ... und zuletzt ein ganz praktischer Tipp, mit Blick auf das Bidet-Malheur: Für Ihren Vater sieht das praktisch genauso aus wie eine Toilette. Um eine nochmalige Verwechslung auszuschließen: Könnten Sie das Ding "unsichtbar" machen oder gleich ganz abbauen? Zudem hilft vielen Erkrankten, das richtige "Örtchen" zu finden, wenn die Klobrille farblich deutlich abgesetzt ist von der weißen Sanitärkeramik.


    Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie bald Wege zur Entlastung finden!

    Herzliche Grüße,

    S. Sachweh

    Hallo nochmal,

    Ihre letzte Frage sollten Sie am besten den Expertinnen hier im Forum "Gesetzliche Leistungen" stellen, oder eventuell auch bei der Pflegekasse nachfragen, die für Ihren Vater zuständig ist - damit kenne zumindest ich mich nicht wirklich aus.

    Alles, was Sie jetzt schildern, klingt wirklich eher nach einer Depression, und die kann man behandeln!

    Gäbe es eine Möglichkeit, einen Hund von Freunden oder Bekannten "gassi" zu führen, oder mit einen Hund aus dem Tierheim regelmäßig spazieren zu gehen - um Ihren Vater vom Sofa wegzulocken?


    Freundliche Grüße,

    S. Sachweh

    Hallo Havanna07,

    die von Ihnen beschriebene Aggression kann durch einen demenziellen Prozess, aber auch durch andere psychiatrische Erkrankungen ausgelöst sein. Letztere können bildgebende Verfahren wie das von Ihnen genannte MRT aber leider meines Wissens nicht abbilden.

    Falls Ihr Vater eine Demenz entwickelt, wäre es prinzipiell wichtig, die Schwerhörigkeit möglichst optimal zu therapieren (Ist er mit Hörgeräten versorgt, und wenn ja, sind die funktionsfähig, und sind sie gut eingestellt?) - denn je weniger akustische Reize das Gehirn zu verarbeiten hat, desto schneller baut es ab.

    Auch das bewegungslose Sitzen auf der Couch führt nicht nur zu einem Abbau von Muskeln, sondern schlimmstenfalls auch zu einer Minderdurchblutung des Gehirns. Könnten Sie oder jemand anders regelmäßig mit ihm Spaziergänge mit dem Rollator machen, um das Laufen zu trainieren, oder würde der Hausarzt ihm Physiotherapie verschreiben? Wenn er dadurch öfter für eine Weile aus dem Haus wäre, hätte auch Ihre Mutter für diese Zeitspanne Ruhe und könnte sich ein wenig von der Belastung erholen.

    Und wie sieht es mit dem Trinken aus, nimmt Ihr Vater nach Ihrer Einschätzung genügend Flüssigkeit zu sich? Auch das Austrocknen wirkt sich verstärkend auf demenzielle Symptome aus. Ich würde Ihnen also unbedingt raten, Ihren Vater nochmals neurologisch bzw. gerontopsychiatrisch abklären zu lassen, falls die von Ihnen genannten Untersuchungen schon Jahre zurücklegen, und nicht eben erst durchgeführt wurden. Und der Hausarzt sollte ihn auf akuten Vitaminmangel und Stoffwechselstörungen hin untersuchen (vielleicht unter dem Vorwand eines allgemeinen regelmäßigen Check-Ups) - auch das kann nämlich zu demenzähnlichen Symptomen führen.

    Was die Aggressionen und Beschuldigungen oder Vorwürfe angeht: Kommen die zu jeder Tages- oder Nachtzeit vor, oder eher gegen Abend? Letzteres wäre eher typisch für Menschen mit Demenz. Und was konkret hat Ihre Mutter in seinen Augen "verbrochen" (wenn das nicht zu persönlich ist, um es hier zu teilen)? Sieht er in Ihr eine andere Person, mit der er als junger Mann Ärger hatte...?

    Grundsätzlich wäre es wohl gut, wenn er regelmäßige Termine "außer Haus" hätte, um Ihre Mutter zu entlasten: Gibt es kein Hobby, oder Freunde, mit denen er sich regelmäßig treffen könnte? Eine Aufgabe, die ihm ermöglichen würde, sich als hilfreich und sein Leben als sinnvoll zu empfinden? Falls Ihr Vater mindestens die Pflegestufe 2 hat, könnten Sie sich zudem erkundigen, ob Ihrer Mutter eine Verhinderungspflege zusteht - also eine Auszeit, in der sich jemand anderes um Ihren Vater kümmert. Sollte er noch keinen Pflegegrad haben, wäre es sicher anzuraten, eine Einstufung bei der Pflegekasse zu beantragen...


    Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen guten Weg finden, um Ihrer Mutter beizustehen!


    S. Sachweh

    Hallo vonDob,

    ergänzend zu den schon genannten wichtigen Aspekten könnten Sie, falls man Sie (wegen Corona) überhaupt ins Haus hinein lässt, darum bitten, eine Weile auf einem oder mehreren Wohnerbeichen verbringen und sich umsehen und umhören zu dürfen: Was für einen Eindruck macht das Personal auf Sie: Merkt man ihm Stress und Zeitnot an, oder haben sie eine gelassene, positive Ausstrahlung? Welchen Eindruck machen die Bewohner*innen auf Sie? Wie ansprechend sind die Räumlichkeiten eingerichtet? Könnte Ihre Mutter sich dort wohlfühlen? Wie können bzw. drüfen Sie das Zimmer mit eigenen Lieblingsmöbeln bestücken (falls Ihre Mutter etwa an einem Sessel o.ä. hängt und damit ein Zuhause-Gefühl verbindet)? Ist es dort düster und funzelig, was die Lichtverhältnisse angeht, oder schön hell? Riecht es "unauffällig", oder nach Urin (Das ist meist kein gutes Zeichen...)? Haben Menschen mit Demenz die Möglichkeit, selbstständig nach draußen in den Garten zu gehen...? Und fragen könnten Sie, wie man in den Häusern jeweils damit umgeht, wenn ein Mensch mit Demenz das Bedürfnis hat, sich mal "auszuklinken" und zurückzuziehen... wird ihm das zugestanden, oder ist er sozusagen verpflichtet, alle Angebote des Sozialen Dienstes in Anspruch zu nehmen und den ganzen Tag in einer großen Gruppe zu verbringen? Das tut nämlich vielen Erkrankten nicht gut, vor allem denen, die vor ihrer Erkrankung auch eher menschenscheu oder zurückgezogen gelebt haben - es stresst sie sehr und kann auch dazu führen, dass sie viel herum- oder weglaufen. Oder sogar anfangen zu schreien, weil sie ihr Gefühl von Reizüberflutung und Überforderung nicht anders äußern können...

    Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie ein möglichst gutes Haus finden!

    Freundliche Grüße

    S. Sachweh

    Hallo hanne63,

    ich würde es auf jeden Fall ausprobieren, ihm die Stücke vorzuspielen oder besser noch vorzusingen! Mein Schwager wurde quasi taub geboren - er nimmt (lautere) Musik tatsächlich über die Schwingungen war (und hat Freude daran). Grundsätzlich sagen Musikwissenschaftler zudem, dass Menschen mit fortgeschrittenerer Demenz oft besser auf a cappella Musik reagieren, weil das geschädigte Gehirn (mal ganz unabhängig von dem Problem Alterssschwerhörigkeit) nur noch das dominanteste Instrument (beispielsweise ein Bass oder Schlagzeug) verarbeitet, wenn eine Begleitung mit Instrumenten zu hören ist - im schlimmsten Fall "hören" sie von einem flotten Schlager oder Volkslied nur den Beat, und der kann sie im dümmsten Fall ähnlich stressen wie ein Presslufthammer. Von daher würde ich vermuten, dass Ihr Vater von einem reinen Gesangsvortrag am meisten hätte. Ob ihm die Noten als Stütze helfen, müsste man ausprobieren... die Krankheit nimmt den Betroffenen ja leider früher oder später auch die Fähigkeit, mit Verstand zu lesen, und das trifft vermutlich nicht nur auf Schrift, sondern auch auf Notensysteme zu.

    Musik ist die Schnellstraße zum Herzen von Menschen mit Demenz, denn die Bereiche des Gehirns, die für die Wahrnehmung von Musik zuständig sind, sind auch eng mit den Emotionen und emotionalen Erinnerungen verknüpft. Deshalb vermute ich, dass Ihr Vater positiv angerührt reagieren wird, ihre gute Absicht erkennt - selbst, wenn es akustisch kein Genuss mehr für ihn ist.


    Ich drücke Ihnen fest die Daumen, dass es gelingt...


    S. Sachweh

    Hallo hanne63,


    vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Ich bin sehr froh, dass der Versuch grundsätzlich geglückt ist und Ihre Mutter so interessiert und lebendig darauf reagiert hat!

    Sicher war es jenseits der Tatsache, dass die Katze sehr lebensecht wirkt, sehr gut, dass Sie Ihrer Mutter gesagt haben, so ein (Kuschel-)Tier hätten Sie später auch gerne zum Trösten und Beruhigen... und dass sie jederzeit wieder verschwinden kann, wenn sie ihr Empfinden stört.


    Ich wünsche Ihnen noch viele ähnliche "kuschelige" Erfahrungen... :)

    ... und allen anderen Angehörigen den Mut und die Mittel, tierlieben Erkrankten ein ähnliches Angebot zu machen!

    S. Sachweh

    Hallo Verzweifelte Tochter,

    manche Menschen mit Demenz haben wie Babys das Problem, dass sie alle Dinge (KLeidungsstücke, Wertgegenstände...) für nicht mehr vorhanden halten, die sie nicht sehen können... deswegen haben sie große Probleme mit geschlossenen, blickdichten Schranktüren und entwickeln Verlustängste bzw. sogar einen Bestehlungs- oder Verarmungswahn. Hängt man die Türen aber aus, oder gestaltet sie "durchsichtig", dann beruhigen sie sich. Vielleicht wäre es (auch zum Schutz Ihrer Mutter) einen Versuch wert, die Schranktüren für eine Weile zu entfernen?

    Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie bald eine akzeptable Lösung finden...


    Freundliche Grüße

    S. Sachweh

    Hallo hanne63,

    tierliebe Menschen mit Demenz reagieren tatsächlich oft positiv auf Tierkontakte - sei es auf "echte" Besuche von Hunden, Kaninchen, Hühnern, und sogar von Minischweinen, oder auf täuschend echte Roboter-Tiere wie z.B. Paro die Robbe. Selbst Personen, die nie ein Robbenbaby aus der Nähe gesehen haben, reagieren interessiert und angerührt auf die vermeintliche Körperwärme, das Drehen des Kopfes, das Augenplinkern und die Kulleraugen, sowie auf das klägliche Fiepen, wenn es nicht gestreichelt wird, und das Schnurren, wenn man es liebkost. Paro ist allerdings noch viel teurer, er kostet mehrere tausend Euro, und muss nach kurzem Einsatz für längere Zeit an die Steckdose... er ist also eher für kurze Begegnungen in betreuten Gruppensituationen geeignet.

    Für den Alltagsgebrauch scheinen mir tatsächlich (am besten waschbare) Stofftiere und Puppen besser geeignet. Viele Menschen mit fortgeschrittener Demenz nehmen sie sehr gut an und beschäftigen sich liebevoll mit ihnen. Gerade Frauen, die Mütter, und ihrem Selbstbild nach diejenigen sind, die für andere sorgen und sich um sie kümmern, ermöglichen sie wertvolle Auszeiten aus der Rolle der 24-Stunden-Hilfebedürftigkeit...


    Freundliche Grüße

    S. Sachweh

    Hallo Gobis,

    ergänzend würde ich überlegen: Sagt oder zeigt sie, dass sie keinen Hunger hat, oder nichts essen mag? Oder vergisst sie das Mittagessen einfach, wenn sie niemand daran erinnert und es ihr sicht- und "riechbar" vor die Nase stellt? Es kommt tatsächlich vor, dass Menschen mit Demenz Essen nicht mehr als solches erkennen! Zudem: Könnte es sein, dass ihr vieles aufgrund der Veränderung des Geschmacksempfindens bei Demenz einfach nicht mehr schmeckt? Und haben Sie schon überlegt oder abgeklärt, ob sie (wie leider viele Menschen mit fortgeschrittener Demenz) unter Umständen Zahnschmerzen und/oder eine schlecht sitzende Zahnprothese hat, die ihr das Essen verleiden?


    Freundliche Grüße

    S. Sachweh

    Hallo Bridget,

    über die guten Tipps von Teuteburger hinaus ganz konkret: Wenn Ihre Mutter derzeit eh auf dem Boden schläft, können Sie ausprobieren, die Matratze nachts dauerhaft auf den Boden legen (Natürlich müsste sie tagsüber ab und an zum Abtrocknen und Auslüften aufgestellt bzw. anders positioniert werden). Das mindert bei vielen sehr unruhigen Menschen mit fortgeschrittener Demenz die Sturzgefahr, ohne sie von Bewegung abzuhalten. In Pflegeheimen wird auch erfolgreich damit gearbeitet, die Betroffenen in so einem "Nest" wie ein Baby zu "pucken": man platziert Still- oder andere große, schwere Kissen rund um ihren Körper. Das führt dazu, dass sie sich etwas besser spüren und erstaunlicherweise ruhiger werden können.

    Zum Thema Essen: Bei Demenz verändert sich der Geschmackssinn - alle Geschmacksrichtung außer der süßen können die Erkrankten oftmals kaum noch schmecken. Dagegen hilft zum einen, die Mahlzeiten intensiver zu würzen... und zum anderen, herzhafte Gerichte versuchsweise zu süßen - auch wenn Ihnen das unvorstellbar erscheinen mag: Viele Menschen mit Demenz essen viel lieber, wenn Zucker über den Kartoffelbrei, oder Honig in den Möhreneintopf gerührt wird. Sie rühren selber ihren Schokopudding ins Gulasch, oder streichen Schokocreme auf ihr Schinkenbrot, wenn man sie lässt - und sie tun das nicht nur, weil sie verwirrt sind, sondern tatsächlich auch, weil es ihnen so viel besser schmeckt!


    Ich wünsche Ihnen, dass Sie schnell die nötige Unterstützung finden...


    Herzliceh Grüße

    S. Sachweh

    Hallo DerSchwabe,

    da ich keine Ärztin oder Pharmakologin bin, kann ich Ihnen zum Thema Medikamente leider nichts raten. Allerdings vielleicht eine flankierende Maßnahme vorschlagen: Kennen Sie aus Erzählungen abendliche Rituale (wie z.B. die Kuscheldecke, die heiße Milch mit Honig, ein Abendgebet, das von der Mutter gesungene Schlaflied), die Ihr Vater aus seinem Dorf, seiner Verwandtschaft, seiner Kindheit erinnert, und die Sie ihm anbieten könnten? Hatte Ihr Vater in seiner Kindheit einen Seelentröster oder "Angstfresser" wie einen Teddybären...? Oder haben Sie daheim einen Schaukelstuhl? Schaukeln tröstet und beruhigt viele Erkrankte. Zudem: Wenn man neben ihnen sitzt, den Arm um sie legt und sie vorsichtig wiegt ("schunkelt"), wirkt auch das manchmal wohltuend. Oft staunt man, dass man Menschen mit Demenz (bzw. sie sich selber) in den emotional oft schwierigen Abendstunden auf so einem Wege beruhigen kann.


    Herzliche Grüße

    S. Sachweh

    Hallo Madeline,
    auch wenn Sie Recht haben und Ihre Argumente vernünftig sind: Sie kommen bei einem Menschen mit Demenz irgendwann nicht mehr an. Manch einer lässt seinen Frust über die Erkrankung dann an der nächstmöglichen Person aus. Daher ist es ratsam, in solchen Situationen ruhig zu äußern, wo Sie den vermissten Gegenstand vermuten, und dann keinesfalls weiter zu diskutieren. Verlassen Sie angesichts der erwartbaren Aggression einfach den Raum; wenn nötig, schließen Sie die Zimmertüren hinter sich ab! Dass Sie schnellstmöglich ausziehen sollten, wissen Sie ja selber. Ich würde Ihnen darüber hinaus aber auch raten, sich bei einem Rechtsanwalt, oder dem Sozialpsychiatrischen Dienst Ihrer Stadt zu erkundigen, welche Möglichkeiten die sehen, sich und Ihre Kinder vor den Ausbrüchen des Erkrankten zu schützen. Vielleicht gibt es sogar eine polizeiliche Auskunftstelle zum Thema häusliche Gewalt? Schreiben Sie für solche Besprechungen regelmäßig auf, was er wann gemacht hat - führen Sie Protokoll über die Übergriffe.
    Wenn Ihr Mann eine Diagnose Demenz hat: Was hat ihm der Arzt zum Thema Autofahren gesagt? Wenn Sie eine Gefahr von Selbst- und Fremdgefährdung sehen, können Sie den Arzt bitten, die Führerscheinstelle zwecks Überprüfung der Fahrtüchtigkeit zu kontaktieren (wenn ich das richtig verstanden habe, ist die ärztliche Schweigepflicht aufhebbar, wenn Gefahr im Verzug ist). Möglicherweise bringt es auch was, wenn Sie selber dem betreffenden Amt ihre Zweifel an seiner Fahrtüchtigkeit darlegen.


    Alles Gute für Sie
    S. Sachweh

    Hallo Papaya,
    wie lange geht denn die Reha noch? Gibt es einen voraussichtlichen Entlassungstermin? Falls Ihr Vater noch lesen kann, könnten Sie ihm eine entsprechende, groß gedruckte Notiz, oder besser noch ein amtlich aussehendes Schreiben hinterlassen: Am DATUM ist die Reha beendet - wir freuen uns schon auf deine Rückkehr nach Hause! Vielleicht wäre auch ein großer Kalender tröstlich, in dem man die überstandenen Reha-Tage durchstreichen, und die (sicher doch übersichtliche?) Anzahl der noch kommenden Tage deutlich markieren kann...
    Ansonsten hat Herr Gust völlig Recht: Trösten Sie ihn und zeigen Sie, dass Sie seine Gefühle und Ängste ernst nehmen. Versichern Sie ihm, dass Sie auf jeden Fall für seine baldige Entlassung kämpfen werden. Zeigen Sie ihm, dass Sie für ihn da sind, und da sein werden. Vielleicht könnten Sie ablenken, indem Sie Pläne schmieden, was Sie gemeinsam Attraktives zu Feier seiner Entlassung unternehmen könnten. Oder fragen Sie ihm, was für ein Lieblingsessen er sich wünscht...?


    Freundliche Grüße
    S. Sachweh

    Hallo Martha 123,
    in Ergänzung zu allen bisherigen Beiträgen: Vielleicht wäre es eine Hilfe, wenn Sie und Ihr Onkel gemeinsam mit der Tante (wenn die einen guten, einsichtigen Moment hat) wesentliche Schubladen und Schranktüren "etikettieren" würden, um ihr die zeitraubende und entnervende Sucherei zu ersparen?


    Freundliche Grüße
    S. Sachweh

    Hallo Susannchen,
    haben Sie schon ausprobiert, alle anderen Unterhosen aus dem Schrank zu nehmen und nur noch die "neuen" blauen anzubieten, und zwar als modische, topaktuelle Herren-Unterwäsche, NICHT als Windelhose?


    Es grüßt Sie herzlich
    S. Sachweh

    Hallo Sarah1990,
    sowohl unterschwellige Infekte (z.B. der Blase), als auch plötzliche Veränderungen der Umgebung (Krankenhaus, Heim) können solche scheinbaren "Schübe" oder Verschlechterungen auslösen. Vielleicht war der Zusammenbruch auch eine Art leichter Schlaganfall, oder ein Gefäßverschluss? Dazu kommt, dass viele alte Menschen keinen Durst haben und daher zu wenig trinken - und das Pflegepersonal oft nicht genug Zeit hat, ständig hinterher zu sein. Auch Unterzuckerungen können dabei eine Rolle spielen, dass das Gehirn einen "Wackelkontakt" zu haben scheint und nur noch unzuverlässig funktioniert - hat der Arzt das alles ausgeschlossen?
    Das abwehrende Verhalten gegenüber der Versorgung hat leider manchmal Flashbacks zu früher, in Kindheit und Jugend erfahrener Gewalt zum Hintergrund: Ist Ihnen bekannt, ob Ihre Oma als Mädchen einmal geschlagen, oder schlimmer noch, vergewaltigt wurde? Manchmal sind es auch Ähnlichkeiten zu Personen aus der Vergangenheit, die solche Gegenwehr provozieren: Sieht eine der Pflegepersonen beispielsweise einer blöde Nachbarin, einer meckernden Schwiegermutter, oder einer verhassten Lehrerin ähnlich? Leider kann man Menschen mit Demenz nicht "beweisen", dass der Mensch vor ihnen nicht die böse Person von früher ist...


    Es ist unter den gegebenen Umständen (dass sie nicht andauernd auf gepackten Koffern sitzt und Sie anfleht, sie mit nach Hause zu nehmen) sicher gut für Ihre Großmutter, wenn Sie so oft es eben gut geht (siehe weiter unten) zu Besuch kommen. Und versuchen, ihr dann Geduld, Ruhe und so etwas wie eine mütterliche Wärme und Geborgenheit anzubieten (da sie ja nach ihrer Mutter ruft und fragt etc.). Vielleicht reagiert sie positiv auf das Anschauen eines Fotoalbums, oder auf schöne, lustige Anekdoten aus der Familie? Vielleicht genießt sie auch einen Spaziergang im Rollstuhl? Das Beobachten von Tieren oder kleinen Kindern? Vor allem: Egal, was Ihre Oma vermeintlich Falsches sagt, korrigieren Sie sie besser nicht...
    Was ich im Grunde sagen will: Manchmal ist es nicht die verbale Kommunikation, das Sprechen, was einer erkrankten Person Vertrauen und Ruhe oder wenigstens Ablenkung verschafft, sondern auch mal das gemeinsame Tun, Beobachten, ein aufmunterndes (nicht aufgesetztes!) Lächeln, schweigender Körperkontakt.
    Wichtig ist, dass Sie sie alle am besten nur dann besuchen, wenn es Ihnen selber auch einigermaßen gut geht, der Kopf für die Oma frei ist, und Sie selber nicht vor Sorge und Kummer zerfließen: Dafür haben Menschen mit Demenz nämlich sehr sensible Antennen, unsere Traurigkeit, unser Unsicherheit, unsere Wut und Unruhe können sie "anstecken".... was wiederum Sie als Besucherin runterziehen kann. Ich weiß, dass das in Ihrer aktuellen Situation sicher schwierig ist, weil alle ratlos vor der neuen Situation stehen, aber es ist wichtig, diese Seite der Medaille zu reflektieren: Nicht der Besuch als solcher ist ein Wert für sich und tut gut, sondern der Besuch einer Person, die Ruhe, Sicherheit, Vertrauen ausstrahlt. Menschen mit Demenz spüren es, ob man wirklich da sein möchte, oder nur kommt, weil man sonst ein schlechtes Gewissen hätte. Wenn Sie alle Ihrer Oma Gutes tun wollen, ist es also sinnvoll, dass alle sich reihum auch Auszeiten nehmen (um Kraft zu schöpfen und selber runter zu kommen) und wirklich nur dann ins Heim kommen, wenn sie nicht gestresst oder voller beruflicher Sorgen etc. sind. Es kann übrigens auch sein, dass es besser ist, wenn nur eine Person auf einmal kommt - weil viele Menschen die Erkrankten schnell überfordern.


    Alles Gute für Sie,
    S. Sachweh

    Hallo noch einmal,
    ich habe auch nochmal einen befreundeten Gerontopsychiater befragt: Er meint, man solle auf alle Fälle undramatisch, beruhigend, und ohne reflexartig zu korrigieren auf das Gesagte reagieren - etwa, in dem man fragt, ob sie sich sicher sei, dass der Termin wirklich heute/morgen ist, und wo das Ganze stattfinden soll, und wer denn die Sterbehilfe durchführen solle. Auch könnte es einen Versuch wert sein, sie einfach ins Auto zu setzen und den vermeintlichen Ort der "Exekution" zu suchen - und wenn der naturgemäß nicht zu finden wäre, zum Trost ein Eis mit ihr essen.
    Sowohl Ignorieren, als auch zu emotionale Reaktionen (wie ich sie teilweise ausgesponnen hatte) hält er für wenig zielführend.


    Und medikamentös (wovon ich selber null Ahnung habe, anders als Sie) könnte vielleicht Quetiapin helfen.


    Laienhaft frage ich mich, ob Ihre Mutter den noch verstehend lesen, und die Beipackzettel von Tabletten "verarbeiten" kann - Erkennt sie ein Anti-Depressivum als solches? Wäre es andernfalls denkbar, noch einen Versuch zu unternehmen, ihr noch eines als Vitaminpräparat, oder Stärkungsmittel für die Nerven/für Herz und Kreislauf "unterzujubeln"? Oder bezieht sich der Vergiftungswahn auf Medikamente jeder Farbe, Form und Größe?


    Einen trotz allem schönen Feierabend wünscht Ihnen
    S. Sachweh

    Hallo Millie,
    am Ende eines demenziellen Prozesses steht oftmals nicht nur eine kognitive Rückentwicklung, sondern auch ein Rückfall in frühkindliche Reiz-Reaktions-Muster. Es werden wie beim Neugeborenen wieder primitive Reflexe wie Saugen und Greifen sichtbar. Viele Erkrankte spielen, experimentieren dann mit ihren Händen, bearbeiten, betasten, kneten unsere Finger... und alle sonstigen erreichbare Materialien (Frauen wischen häufig, Männer klopfen eher). Oft geht es dabei sichtlich darum, sich selber zu spüren, seine Kraft, seine Möglichkeiten auszuprobieren. Manche entwickeln auch stereotype Gestiken oder Bewegungsmuster, die alles (im Fall Ihres Mannes: Freude am "Farbensehen", wenn man den Finger länger auf's Augenlid drückt; die Faust vor dem Gesicht als Schutzgeste) und nichts bedeuten können (wie die Bewegungen eines Säuglings, der zappelt und dabei nach und nach merkt, dass er ein bisschen Kontrolle über diese merkwürdigen Anhängsel = Arme/Finger hat).
    Wie sieht Ihr Mann aus, wenn er diese Bewegungen ausübt - schaut er Sie an, oder ist er in sich selbst versunken? Im ersteren Fall könnte noch eine kommunikative Absicht vermutet werden, im letzteren liegt wohl eine Konzentration auf sich selber und die Sinneswahrnehmungen vor. Was macht er, wenn man seine Hände ergreift und ihm die eigenen Finger, oder eben Gegenstände zum Tasten, Erfühlen, Erspüren anbietet? Lässt er das zu, lächelt vielleicht sogar, oder reagiert er unwirsch und ablehnend? Ich habe einmal einen Bericht von einer Tochter einer demenzkranken Dame gelesen, die in der letzten Phase der Erkrankung Kontakt zu ihrer ebenfalls nicht mehr sprachfähigen Mutter aufnahm, indem sie ihr ihre Hände zum Spielen, Kneifen usw. angeboten hat. Die Mutter hat das Angebot freudestrahlend angenommen: Sie hat die Hand der Tochter gestreichelt, wenn sie gute Laune hatte, und gekniffen oder geschlagen, wenn es ihr schlecht ging. Am Ende, als sie wie ein Baby wieder sehr oral war, hat sie sogar auf den Fingern der Tochter herumgekaut (Sie war zahnlos, daher war das auszuhalten) bzw. an diesen gesaugt. Das ist sicher keine uns normal vorkommende Kommunikation, und bedarf in puncto Hygiene und Ekel bestimtm durchaus eineer gewissen Überwindung, aber die Tochter hat glaubhaft versichert, dass sie in solchen Interaktionen jenseits der Worte innige Nähe zu ihrer Mutter verspürt hat...


    Freundliche Grüße
    S. Sachweh

    Hallo Barbara66,
    der Wahn Ihrer Mutter ist aber auch wirklich speziell und vertrackt, und in emotionaler Hinsicht sicher sehr schwer für Sie auszuhalten!
    Ich bin absolut keine Expertin für Wahn, aber müsste schon mehr über das Empfinden und Denken Ihrer Mutter wissen, um Ideen für einen erträglich machenden Umgang dafür zu entwickeln...
    Von daher noch ein paar Fragen zu den Hintergründen: Haben Sie den Eindruck, dass sie sterben will, oder dass sie sich selber als Belastung für ihre Familie sieht und der Tod in ihren Augen der einzige Ausweg für sie als pflichtbewusste Staatsbürgerin und liebende Angehörige ist? Wer hat den "Termin" mit ihr ausgemacht? Leidet sie bewusst an ihrer Demenz, oder an körperlichen wie seelischen Medikamenten-Nebenwirkungen (Ich meine mich zu erinnern, dass Sie vor Monaten mal so etwas erwähnten)? Haben Sie damals den Vorschlag von Herrn Gust weiter verfolgt, eine neue oder intensivere Anti-Depressions-Behandlung anzugehen?


    Da Ihre genannten Ausflüchte (keine Zeit/kein Auto etc.), anders als bei vielen Menschen mit Demenz OHNE Wahnproblematik, nicht ziehen, wäre es vielleicht einen Versuch wert, in Momenten, indenen sie noch reagiert bzw. zuhört, gegen jede Intuition MIT, statt gegen den Wahn zu argumentieren: Manche Personen (Achtung: beschrieben ist das vorwiegend für "nur" depressive", nicht aber für wahnhafte Menschen; ich habe keine Ahnung, ob man das 1:1 übertragen kann!) revidieren doch ihren Entschluss, wenn man sie dazu bringt, sich alle Details und Aspekte konkret auszumalen. Sie könnten fragen, ob, und welche wünsche Sie ihr noch erfüllen können vor dem "Termin", also die Gedanken auf Positives lenken. Ob sie ihr noch einmal ein Lieblingsessen kochen sollen. Ob, und von wem sie sich vielleicht noch verabschieden möchte. Ob sie sich vorher noch mit jemandem versöhnen möchte, mit dem sie im Streit liegt. Ob und welche Botschaft sie für ihre Enkel überliefern möchte. Ob es Orte gibt, die sie noch einmal sehen möchte. Sie könnten darauf hinweisen, dass man vor seinem letzten Gang schon gut frisiert und gebadet sein sollte, damit sie sich eventuell eher auf Körperpflege einlässt. Sie könnten sie fragen, wie sie beerdigt werden möchte, und welche Kleidung sie dafür vorgesehen hat. Wie sie sich die Trauerfeierlichkeiten wünscht, und wer was erben soll... Bei leichteren, anders gelagerten Fällen, in denen ein Todeswunsch geäußert wird, führen solche Strategien dazu, dass die betreffende Person irgendwann realisiert, dass das alles anstrengend und viel Aufwand ist, und sie eigentlich doch noch ganz gerne ein paar Tage auf dieser Welt wäre.


    Oder anders: Sie könnten es mit der emotionalen Schiene versuchen und sie fragen, ob sie ihr bei der Heirat gegebenes Versprechen (in guten wie in schlechten Zeiten) brechen, und ihren Mann alleine lassen möchte. Sie könnten ihr sagen, wie traurig Sie über den Tod Ihrer Mutter wären, dass Sie sich nie vergeben könnten, wenn Sie ihr beim Suizid helfen, und wie sehr Sie sie vermissen würden.


    Oder ganz anders, nämlich mit Gesetzen argumentieren: Polizei und Staatsanwälte hätten Ihnen versichert, dass man in Deutschland niemanden erschießen darf - und Sie und Ihre Familie nicht ins Gefängnis wollen, weil sie Behilfe beim Brechen dieser Gesetze einfordert. Dass Sie deshalb auch sofort gehen müssen, weil sie sonst zu viel über ihre Pläne wüssten und man Ihnen eine Mitschuld geben könnte...


    Wenn das derartige Eingehen auf Teile ihres Wahns die Sache nur verschlimmert, würde ich Ihnen tatsächlich raten, den Raum zu verlassen, sobald das Thema aufkommt.


    Den von Ihnen angesprochenen Körperkontakt, also eine Umarmung, oder eine sanfte Massage von Schultern oder Händen etc., würde ich eher in guten Momenten anbieten, keinesfalls, wenn sie aufgewühlt und enttäuscht bzw. verärgert ist, weil Sie sich ihrem Plan widersetzen.


    Vielleicht verändert eine dieser Ideen die Situation ein bisschen...? Ich wünsche es Ihnen von Herzen!


    S. Sachweh