Beiträge von svenjasachweh

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    Hallo "Blaukatzenoma",


    leider gehört eine gewisse Portion Aggressivität und z.T. unflätiges Schimpfen zu den typischen Krankheitsfolgen, mit denen man als Angehöriger lernen muss, umzugehen.
    Drei Dinge können eventuell helfen:
    Erstens ein Perspektivenwechsel. Versetzen Sie sich doch einmal in ihre Lage: Wie verzweifelt, wütend und hilflos muss Ihre Mutter in den hellen Momenten über ihren Zustand sein? Meist kriegt einfach jeder was ab, der in einem solchen Moment anwesend ist - unabhängig von Person und Verhalten. Diese Phase ist schlimm, aber bei den meisten (!) geht sie irgendwann, mit dem Fortschreiten der Krankheit, vorbei.
    Zweitens: die "Hier-rein-und-da-wieder-raus-Methode". Lernen Sie, die Beleidigungen und Vorwürfe zu überhören und nicht als Ausdruck von Bosheit, sondern als Ausdruck von Verzweiflung zu sehen. Viele Angehörige machen gute Erfahrungen damit, den Erkrankten in solchen Momenten die Gefühle zu spiegeln, die sie in ihnen vermuten: "Nicht wahr, dass macht Angst, wenn man so viel vergisst? Das würdest du alles viel lieber selber machen, nicht...?"
    Drittens muss man auch überlegen und sorgfältig überprüfen, ob man nicht einen Teil der Agressionen und Beschimpfungen selber auslöst: Wann genau schimpft Ihre Mutter? Aus heiterem Himmel, wenn keiner was von ihr will, oder wenn Sie sie zur Toilette begleiten bzw. zur Körperpflege auffordern (Was ihr vielleicht unendlich peinlich ist)? Wenn Sie in ihrer gegenwart über die Mutter reden? Haben Sie, Ihr Kind, Ihr Vater sie beschämt, überfordert? Haben Sie sich ihr zu schnell angenähert und sie erschreckt? Haben Sie zu laut statt deutlicher mit ihr gesprochen? All' dies löst bei sehr vielen Menschen mit Demenz das von Ihnen beschriebene Verhalten aus.


    Ich hoffe, das hilft (ein bisschen) weiter.


    Und vielleicht können Sie noch einmal genauer schildern, wann sie wie "aggressiv" reagiert - dann hat vielleicht jemand noch konkretere Ideen für eine angemessene Reaktion darauf?


    Es grüßt Sie herzlichst
    S. Sachweh

    Hallo!


    Ganz genau so wie Herr Gust es vorschlägt würde ich es auch machen!
    Eine Ergänzung bieten noch professionell Pflegende aus Heimen: Sie haben gute Erfahrungen damit gemacht, lobend statt tadelnd auf das Horten bzw. Für-Notzeiten-Sparen einzugehen. Gleichzeitig bekommen die Betroffenen z.B. Tupperdosen, die explizit zum Sammeln und "Vorsorgen" gedacht sind (Natürlich mit der Absicht oder Hoffnung, dass dann weniger Nahrungsmittel zwischen Unterhosen und Handschuhen oder sonstwo im Kleiderschrank verrotten.). Die dürfen sie hüten/verstecken, wo sie wollen - müssen allerdings den "Deal" eingehen, diese einmal in der Woche zusammen mit einem Betreuer durchzuschauen, ob etwas verfault oder verschimmelt ist. Für diese "Verluste" wird dann vom Personal gleichwertiger Ersatz angeboten - also im Grunde so gehandelt, wie es auch der Kollege schon vorgeschlagen hat. Vielleicht hilft das ja auch Ihnen?


    Freundliche Grüße
    Svenja Sachweh

    Hallo Schneewittchen,


    das, was Sie beschreiben, ist leider zu Beginn der Krankheit typisch: Die Betroffenen haben keinerlei Einsicht und streiten jedwedes Problem, jedwede Gefährdung ab - gerade gegenüber ihren Kindern. Sie versuchen verzweifelt, eine "normale" Fassade aufrecht zu erhalten, und können auch vor sich selbst nicht zugeben, dass ihnen die Alltagskompetenzen und das Gedächtnis zunehmend entgleiten.


    Um im Schneewittchen-Bilde zu bleiben: Sie müssen unbedingt die sieben Zwerge als Unterstützer und Helfer ins Boot holen - also Ihren Vater, eventuelle Geschwister Ihrer Mutter, ihre Freundinnen, eigene Geschwister, einen Pfarrer - eben Menschen, denen Ihre Mutter vertraut. Vielleicht können die Sie zu einem Arztbesuch bewegen.
    Überdies: Hat Ihre Mutter einen Hausarzt, den Sie kennt und dem sie vertraut - vielleicht können Sie den kontaktieren und fragen, ob er bereit wäre, einen Hausbesuch zu machen?
    Um Hilfe und Rat können Sie auch die Ämter und die Selbsthilfegruppen bzw. Auskunftstellen der Alzheimergesellschaft in Ihrer Nähe fragen.
    Gibt es eine Gedächtnissprechstunde oder eine Memory-Klinik in Iher Nähe? Vielleicht haben die auch einen guten Rat für Sie, wie Sie Ihre Mutter zum Arztbesuch bewegen könnten.
    Die Alzheimergesellschaft, die ich einmal mit einer ähnlichen Anfrage kontaktiert hatte, hat noch folgende Tipps:
    "* einen anderen Grund für einen Arztbesuch vorzuschieben. Das kann z.B. der Vorsorge-Check sein, der von den Krankenkassen im Zwei-Jahres-Rhythmus empfohlen wird, oder die Grippeschutzimpfung
    * ein Einladungsschreiben der Arztpraxis, das an den Betroffenen geschickt wird, mit der Aufforderung sich mal wieder routinemäßig untersuchen zu lassen.
    * Wenn Sie sich für den Besuch beim Facharzt entscheiden, begründen Sie den Besuch in abgemilderter Form, z.B. mit einer Untersuchung der Durchblutung des Gehirns. Das hört sich zumindest weniger bedrohlich an, als wenn es um die "Verdachtsdiagnose Alzheimer" geht.
    * Der Partner, eine Freundin können sich als Brückenbauer zur Verfügung stellen, in dem Sie vorgeben, selbst zum Arzt zu müssen und wegen einer unangenehmen Untersuchung um Begleitung bitten. Oder diese lassen sich offiziell selbst wegen Gedächtnisstörungen untersuchen und kommentieren dieses Vorhaben mit den Worten "das könnten wir doch beide mal machen, schließlich sind wir ja selbst in dem Alter..."


    Und zu der Problematik mit der nicht mehr vorhandenen Verkehrstüchtigkeit: Da Ihre Mutter offensichtlich bereits sich und andere gefährdet, helfen nach Erfahrung vieler Angehöriger leider nur die rabiaten Methoden: Die Autoschlüssel wegnehmen oder verstecken, das Auto fahruntüchtig machen (Verteilerkappe - am besten einen Fachmann fragen) oder es kurzerhand verschenken (an Sie, ein Enkelkind?) bzw. verkaufen.


    Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie bald eine Lösung und die nötigen Helfer zu Ihrer Entlastung finden...


    Svenja Sachweh

    Liebe Marita,


    vielleicht hilft Ihnen auch, wenn Sie Ihre schwierige Situation einmal aus einem anderen Blickwinkel anschauen: Nur bei Ihnen hat Ihr Vater so viel Vertrauen, dass er die Tränen fließen und Trauer über seine Krankheit zulassen, seinen Schmerz über die Verluste zeigen kann!
    Um eine weitere Strategie zu entwerfen, wie Sie mit der Situation in Zukunft umgehen könnten, wäre es wichtig, genau zu beobachten bzw. von Pflegepersonen beobachten zu lassen, ob seine Tränen letzten Endes in Verzweiflung (Untröstlichkeit), oder in Erleichterung münden - macht es also Ihren Vater nur traurig, Sie zu sehen, oder tut es ihm vielleicht im Gegenteil gut, in Ihrer Gegenwart weinen zu können?


    Alles Gute wünscht Ihnen
    Svenja Sachweh


    P.S.: Vielleicht hilft Ihnen auch ein Blick in dieses Buch, das von einer pflegenden Angehörigen verfasst wurde, die gleichzeitig Ergotherapeutin ist:
    Bowlby Sifton, Carol. Das Demenz-Buch. Ein Wegbegleiter für Angehörige, Pflegende und Aktivierungstherapeuten. Verlag Hans Huber, Bern 2007.

    Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto rätselhafter wird in der Tat das, was Menschen mit Demenz von sich geben. Nicht alles, was sie sagen, ist jedoch unverständlicher Unsinn: Sie benutzen zwar immer öfter falsche, nicht passende Wörter, aber das tun sie nach mindestens zwei nachvollziehbaren Prinzipien.
    Die erste Regel zum Entschlüsseln lautet: Menschen mit Demenz verwechseln inhaltlich ähnliche Begriffe. So verwechseln sie beispielsweise Mutter und Tochter (Verwandtschaftsbeziehungen), Kaffee und Tee (Getränke), Katze und Hund (Tiere), Knopf und Nagel (etwas zum Befestigen), Nase und Taschentuch (alles, was mit Erkältung zu tun hat). Zudem kommt es sehr häufig vor, dass Wörter, die das Gegenteil voneinander bedeuten, von ihnen unabsichtlich miteinander vertauscht werden: ja und nein, hoch und runter, heiß und kalt, Zucker und Salz und Pfeffer. Ergänzen Sie einfach in Gedanken bei allen Äußerungen von Betroffenen: oder so ähnlich…
    Die zweite Regel zum Entschlüssen lautet: Demenzkranke Menschen neigen immer häufiger dazu, lautlich ähnliche oder Reimwörter statt der eigentlich geplanten, sinnvollen Zielwörter zu benutzen. So fragen sie nach der Hantel, wenn sie ihren Mantel suchen; sie sagen strafen statt schlafen, Marken statt Kragen, oder «Lokusse in Raten» statt Krokusse im Garten. Wenn wir uns nun angewöhnen, die nicht in den Zusammenhang passenden Wörter probehalber durch solche zu ersetzen, die ähnlich klingen, können wir eine erstaunlich große Anzahl zunächst sinnlos erscheinender Äußerungen plötzlich doch verstehen.


    Ihre Svenja Sachweh

    Das ist vom Prinzip her einfach: Tun Sie einfach all das, was Sie auch im Urlaub tun, wenn Sie die Landessprache nicht beherrschen: Reden Sie mit Händen und Füßen. Begleiten Sie das Gesagte durch eine entsprechende Pantomime oder schauspielerische Demonst-ration.
    Hüten Sie sich unbedingt davor, lauter zu werden! Das wirkt nämlich nur aggressiv und ungeduldig, hilft jedoch keinem Betroffenen, Sprache besser zu verstehen – im Gegenteil: Wer schreit, provoziert Ängste und Blockaden und bewirkt, dass demenzkranke Menschen noch schlechter verstehen können.
    Verwenden Sie nur einfachste Wörter. Wichtig ist immer, Pausen zwischen den einzelnen Sätzen zu machen. Lassen Sie den Betroffenen also ein paar Sekunden Zeit, um Ihre Äußerung zu verstehen.
    Und zum Schluss das Wichtigste: Machen Sie sich bewusst, dass Menschen mit Demenz Sprache zunehmend wörtlich verstehen. Alles, was wir nicht genau so meinen, wie wir es sagen, kriegen sie also bildlich gesprochen im fortgeschrittenen Krankheitsstadium «in den falschen Hals»: verzichten Sie also besser auf Ironie, Witze, an alltagssprachliche oder metaphorische Redewendungen (z.B. einen grünen Daumen haben, einen dicken Hals bekommen, sich aufs Ohr hauen…) und vermeiden Sie das Pflege-Wir.


    Ihre Svenja Sachweh